Nr. 20, 30. August 2002

Der Bergier-Bericht und Minister Jean Hotz
Wirtschaftliches Überleben im Zweiten Weltkrieg
Von Dr. Ernst Walder, Kilchberg ZH

Diejenigen Schweizer, die den Zweiten Weltkrieg mit offenen Augen miterlebt haben und über ein intaktes Gedächtnis verfügen, wissen sehr gut, dass unser Land sein wirtschaftliches Überleben vor allem der Standfestigkeit und dem Verhandlungsgeschick von Minister Jean Hotz, damals Direktor der Handelsabteilung des EVD, verdankt.

Man durfte deshalb erwarten, dass die Bergier-Kommission (UEK) seine hervorragende Leistung gebüh- rend würdigen werde. Weit gefehlt! Statt der verdienten Laudatio findet man im Schlussbericht der sog. Experten folgende Behauptung (Seite 97): «Auch die 'starken Männer' die mit ihrer Verhandlungstaktik nicht nur die Landesversorgung der Schweiz gewährleistet, sondern auch deren Integration in die deutsche Kriegswirtschaft forciert hatten, blieben weiterhin in wichtigen Chargen und lieferten - wie Jean Hotz und Heinrich Homberger­...»

Geschichtsverdrehung
Damit soll offensichtlich gesagt werden, Jean Hotz und seine Kampfgefährten wie Heinrich Homberger (Vorort) hätten gegenüber den Achsenmächten nicht nur die für das Überleben der Schweiz unbedingt notwendigen Konzessionen akzeptiert, sondern darüber hinaus die Integration der schweizerischen Ökonomie in die deutsche Kriegswirtschaft angestrebt. Diese perfide, weder substanzierte noch belegte Geschichtsverdrehung erinnert an die Behauptung eines professoralen Mitgliedes der UEK, der Bezug des Reduits durch unsere Armee sei eine «Demutsgeste» gegenüber Nazideutschland gewesen. Wie jedermann weiss, der über minimale Sachkenntnis verfügt, war das Gegenteil richtig: Das Reduitkon- zept «war eine mutige und geschickte Aushilfe in einer fast ausweglos erscheinenden Lage» (KKdt aD Dr. Hans Senn, ehemaliger Generalstabschef, zitiert in der hervorragenden Studie «Der Loskauf der Freiheit - eine politische Meisterleistung» von Dr. Heinz Albers-Schönberg, Seite 51; nachstehend «Albers-Schönberg»). Diese Wertungen des Verhaltens von Minister Hotz bzw. General Guisan erinnern an ein Wort des Polonius im Hamlet (frei übersetzt): «Zwar ist es Unsinn, doch es hat Methode.»

Hartnäckiger Verhandlungsstil
Zurück zu unserem verdienten Mitbürger Jean Hotz. Die Lage, mit der er konfrontiert war, wird von Prof. Bergier (der wesentlich sachkundiger und fairer ist als gewisse seiner Kollegen und Mitarbeiter) in der NZZvom 1./2. Juni 2002, Seite 85, wie folgt umschrieben: Auch die Schweiz «musste eine ziemlich enge Kooperation mit den Achsenmächten eingehen; sie musste Konzessionen machen, die für das Überleben der Nation, für die Erhaltung ihrer Souveränität, zur Sicherung der Lebensversorgung ihrer Einwohner und des sozialen Friedens notwendig waren».

Das ist richtig: Die nach dem Zusammenbruch Frankreichs (Sommer 1940) von den Achsenmächten umschlossene Schweiz befand sich im Würgegriff Berlins. Ohne Einfuhr von Nahrungsmitteln wären wir verhungert, und ohne Import von Kohle, Eisen, Öl, Baumwolle etc. hätte unsere Industrie die Tore schliessen müssen. Damit wäre die schweizerische Bevölkerung das Opfer von Arbeitslosigkeit und Elend geworden. Es ist deshalb ganz klar, dass die Schweiz mit den Nazis verhandeln musste. In welchem Geist Jean Hotz das tat, zeigt sich beispielsweise bei Bonjour VI, Seite 253: Hotz rapportierte am 12. Dezember 1942 dem Chef des EVD über die arrogante, geradezu brutale Haltung der Nazis und verlangte, dass sich unsere Regierung gegenüber «dem unerhörten Erpressungsversuch Deutschlands mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zur Wehr setze, wolle sie sich in Zukunft nicht noch weiter- gehenden Zumutungen aussetzen».

Und in den deutschen Archiven fand sich ein Aktenvermerk vom 18. Juli 1941, welcher den Verhand- lungsstil von Minister Hotz und seinen Mitarbeitern wie folgt qualifizierte: Die schweizerischen Unter- händler seien «von einer unglaublichen, geradezu klebrigen Zähigkeit» gewesen; ferner wurde gesagt, man müsse Achtung vor den Schweizern haben, «die Kerle sind einfach nicht krumm zu kriegen» (beiläufig: hätten Bronfman und Konsorten nicht mit Cotti und Koller, sondern mit Minister Hotz zu tun gehabt, so hätten sie sich kaum in Interviews über die weichen Knie und Köpfe der Schweizer lustig machen können).

Forcierte Integration der Schweiz in die deutsche Kriegswirtschaft? Schlichter Unsinn, ja Geschichts- verdrehung. Auch die Zahlen zeigen das. Wir zitieren hier Albers-Schönberg, Seite 73: «Jakob Tanner (Anmerkung: professorales Mitglied der UEK) hat geschätzt, dass die Schweiz etwa 7,5 Prozent ihres Nettosozialproduktes in den Dienst der Achse gestellt habe; aufgrund der Zahlen von Martin Meier et al. liegt diese Zahl eher etwas höher, bei 10 Prozent.» Da kann offensichtlich keine Rede von Integration sein.

In Freiheit überleben
Diejenigen unter uns, die sich in Dankbarkeit an Minister Hotz erinnern, können sich damit trösten, dass zukünftige Fachleute, welche das Verhalten der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs objek- tiv, ohne die ideologischen Scheuklappen der notorischen «Junghistoriker» werten, zu ganz andern Schlüssen kommen und sich den überzeugenden Folgerungen von Albers-Schönberg anschliessen werden (Seite 172): «Die schweizerischen Unterhändler, welche mit Deutschland und mit den Alliierten unter schwierigen Bedingungen wiederholt äusserst langwierige und immer mühsame Verhandlungen führen mussten, meistens mit arrogant auftretenden Verhandlungspartnern, haben Ausserordentliches geleistet. Der Erfolg der Politik des Gebens und^Nehmens' ist weitgehend das Verdienst der Unter- händler. ... Insgesamt ist von Bundesrat, Verwaltung und Armeekommando eine hervorragende Regie- rungs- und Führungsleistung erbracht worden. ... Dank ist geschuldet, nicht Kritik;grosser Respekt ist verlangt, und nicht perfektes Besserwissen im Nachinein.»

Was die moralische Beurteilung des schweizerischen Handelns in jener unendlich schwierigen, gefahr- vollen Zeit betrifft, kann man kaum Gültigeres sagen als Albers-Schönberg, Seite 174: «Der Auftrag, den die Schweiz damals zu erfüllen hatte, hiess 'In Freiheit überleben'; er hiess nicht 'Sich so verhalten, dass spätere Generationen würden sagen können, die Schweizerinnen und Schweizer jener Zeit seien ein Volk der Tugend und der Unschuld gewesen'.» Das erinnert an das, was Bundesrat Stampfli im Nationalrat einem parlamentarischen Gutmenschen antwortete, der verlangte, dass sich der Bundesrat gegenüber der Achse durch die Grundsätze der Moral leiten lasse (Schlussbericht UEK, Seite 201): «Es ist von Prof. Muschg angedeutet worden, unsere Nachkommen würden einmal nicht gross danach fragen, ob wir tüchtig gefroren und gehungert haben. Mich interessiert es gar nicht, was unsere Nach- kommen sagen werden. Mich interessiert vielmehr, was die heutige Generation dazu sagen würde, wenn sie keine Kohlen und nichts zu essen hätte...»

Halten wir es mit Bundesrat Stampfli: Vergessen wir die Wertungen der Schreibtischmenschen der UEK, die keine Ahnung haben, was es heisst, für das Schicksal eines Landes verantwortlich zu sein, und danken wir den damals Verantwortlichen des Bundesrates, der Armeeleitung und der Verwaltung - vor allem Jean Hotz - dass es ihnen mit einer geradezu meisterlichen Leistung gelang, unser Land durch grösste Gefahren hindurch zu steuern.

Ernst Walder