Nr. 20, 30. August 2002

Gutes und weniger Gutes an der Expo.02
Seid verschlungen, Milliarden
Von Werner Furrer, Basel

Zunächst die gute Nachricht: Wer sich die erheblichen Kosten für den Besuch des Spektakels Expo.02 nicht leisten kann, darf getrost darauf verzichten, spart sinnlos vertane Zeit und entkommt einem verkappten Betrug, bei dem wieder einmal mit einer gewaltigen PR-Maschi- nerie via Medien und Politik der nackt ausgezogenen Helvetia prächtige Kleider angeredet werden.

Die mit wolkigen Worten bezeichneten Themen wie «Ich und das Universum», «Augenblick und Ewig- keit» usw. hätte man unter «die Dekadenz» der Schweiz zusammenfassen können. Wenigstens wurde in den ersten Wochen auf nationale Fahnen verzichtet und so dem Land eine weitere Beleidigung erspart. Sie soll jedoch auf Drängen närrischer Politiker nachgeholt werden.

Banalitäten in Murten
Das Beste unter all dem wenig Guten sind einige architektonische Skulpturen, die drei kelchförmigen, Schatten spendenden Dächer und die Holzkugel in Neuenburg, die abstrakt geometrisch geknickten Türme in Biel. Die interessanten Bauten sehen von weitem am besten aus, und von dort ist der Anblick «gratis», natürlich ohne Rückerstattung der bis jetzt für die Expo zum grössten Teil sinnlos verschleu- derten Steuergelder von rund 1,5 Bundes-Milliarden.

In Grenzen interessant ist die Architektur des viel gepriesenen Kubus (die trivialste Form, die es gibt), der (fälschlich) so genannte «Monolith» aus rostenden Stahlplatten, eine Art Kaba mitten im Murtensee. Die innere kreisförmige Funktion des «Monolithen» widerspricht der äusseren Form. Er enthält im oberen Stock das interessant restaurierte Panorama der Schlacht von Murten, im Parterre wird ein Panorama-Film projiziert, der zum entlarvenden Vergleich mit der Vergangenheit herausfordert. An der Expo 1964 wurde mit der damals innovativen Technik des Panorama-Films ein Flug durch die Schweiz gezeigt. Die schönen Landschaften gibt es nun mal. Man braucht sie nicht zu verstecken, und gute Aufnahmen machen überall Freude, von amerikanischen Landschaften in Disneyland bis zu chinesi- schen in Kunming. In Murten dagegen bedeutet die Innovation einmal mehr Banalität. Zunächst werden wenig halbverdeckte Landschaften und danach völlig belanglose Bilder projiziert - vermutlich sogenannte «Kunst».

Krampfhafter Sauglattismus
Akzeptabel ist die «Arteplage» von Neuenburg, wo man immerhin versucht, einige seriöse Botschaften zu vermitteln. Die sonst im Expo-Rummel vorherrschende Banalität wird dort eher peripher. Jene von Yverdon und Biel sind geprägt vom fast alles beherrschenden Ausdruck von intellektuellem Zerfall, geistiger Leere und krampfhaftem Sauglattismus, der allerdings nicht einmal Spass oder Unterhaltung vermittelt. Zu den raren Ausnahmen gehört der Pavillon «Omono» in Yverdon.

In jenen seltenen Pavillons, wo die Ausstellung eine verständliche Aussage wagt, kann man sie mit anderen Veranstaltungen vergleichen, und da ist die Expo.02 nirgendwo Spitze. Seien es Bio-Wissen- schaften, Robotik, geschweige denn Landwirtschaft - anderswo konnte man schon Besseres sehen. In der Neuenburger Holzkugel predigt der Bund ein wenig soziales Gewissen. Der Reichtum sei sehr ungleich, ungerecht verteilt auf der Welt. Aber diese Botschaft kann jeder Pfarrei-Bazar mindestens so präzis verkünden, und vor allem ehrlicher. Was soll die Heuchelei in Neuenburg, wenn man uns mitteilt, wie viele Menschen auf der Erde kaum anständig zu Trinkwasser kommen, während die gleichen Expo- Sauglattisten im 30 km entfernten Yverdon jede Stunde solches tonnenweise zur Erzeugung einer künstlichen Wolke in die Luft zerstäuben?

Vorsätzlicher Scherbenhaufen
Hübsch ist der in den zum Murtensee abfallenden Hang gebaute Garten. Aber einfach mit einem hübschen Garten lässt sich im Kreis unserer tonangebenden Intellektuellen kein Staat machen. Also wird der schlichte Garten «verfremdet», ein seit bald hundert Jahren unverwüstlich origineller Trick, mit dem die Elite ihre geistige Überlegenheit demonstriert. Metaphorisch aufgemotzt, wird die Anlage zum «Garten der Gewalt», und dem verdutzten Besucher wird mit der graphischen Sprache eines Vita Parcours beigebracht, wie sehr wir doch von Gewalt umgeben sind. Auf diese Idee wären wir ohne den Garten nie von selber gekommen.

Dabei ist das ganze Expo-Spektakel bereits eine einzige Notzüchtigung des Publikums, angefangen bei den endlosen Warteschlangen, in denen die naiv neugierigen Besucher wie Schafherden eine halbe Ewigkeit bei brütender Hitze oder kaltem Regen auszuharren haben: Desorganisation im Namen von neohelvetischer Inkompetenz und Dilettantismus. Und aufgepasst: Was nachher in einem dieser finsteren Pavillons dargeboten wird, ist oft noch langweiliger als das Warten in der Schlange. Man kann das Verhängnis sogar umkehren: Wer etwa die Wartezeit durch interessante Lektüre überbrückt, erlebt die nachher gebotene Show bald einmal als lästige Unterbrechung einer sinnvollen Beschäftigung!

Unmittelbar gewalttätig geht¹s im Pavillon «Happy End» zur Sache, wo man die Besucher veranlasst, den ihnen ausgehändigten und von ihnen beschrifteten Teller über den Köpfen anderer Besucher zu zerschmettern. Die ganze Expo ein gewaltsam vorsätzlich angerichteter Scherbenhaufen. Aber gemäss Aberglauben und nun auch im Zeichen neohelvetischer Staatskultur bringen Scherben Glück. Die auch bei uns vor 250 Jahren eingeleitete Aufklärung ist passé (Tipp: Den Vandalen-Akt verweigern, seinen Protest gegen den ganzen Expo-Unfug auf den Teller schreiben und als Souvenir mit nach Hause nehmen).

Organisierte Zwangsbesucher
Die Aussenwände des von der Nationalbank gesponserten Geld-Pavillons sind mit echtem Gold über- zogen, wohl eine leise Drohung, was mit solchem Reichtum gemacht werden kann, falls das Volk dessen Verwendung für abartige politische Zwecke verweigert. In den unteren Bereichen der Wände wurde das Edelmetall schon während der ersten Tage von Graffiti-Zeichnern weggekratzt. In den oberen Teilen, wo man von blosser Hand nicht hinlangt, bleiben vielleicht noch leere Flächen erhalten, um einen passenden Kommentar zur Expo ins schimmernde Gold zu kratzen (Leiter nicht vergessen!).

Auch im Innern des Geld-Pavillons hat die Blüte helvetischer Kulturschaffender die Gelegenheit nicht versäumt, das gemeine Volk vor den Kopf zu stossen. Da werden bündelweise Hunderter-Noten in Streifen zerschreddert. Natürlich weiss der aufgeklärte Bürger, dass die dem Geldumlauf entzogenen Noten für die Nationalbank nichts weiter sind als Papier, das sie zerschreddern kann, wenn es ihr passt. Aber die für solches Wissen notwendige Erklärung wird natürlich nicht geliefert. Sonst wäre der Gag im Eimer. «Geld - das letzte Tabu?» Ach was, jedenfalls nicht bei der Plünderung von Steuer- zahlern. Ein schönes Tabu, von dem die Expo-Macher so viel abkassieren und verschwenden durften!

Tabu an dieser Expo sind seriöse Information, Vernunft und ernsthafte gesellschaftliche Werte, ein Tabu, das nur von wenigen gebrochen wird, und natürlich ist es tabu, die verantwortlichen Kulturschaf- fenden, ob ihrer so wenig imponierenden Leistung als Dilettanten, Schaumschläger, Hochstapler und Scharlatane zu bezeichnen.

Wo so wenig Vorbildliches gezeigt wird, sollte man auch keine Schulklassen hinschicken ­ staatlich organisierte Zwangsbesucher, um die Statistik zu schönen. Wenn sich der dort herrschende Geist in den Köpfen der Jugend festsetzt, wird uns kaum noch ein Land den letzten Platz bei der nächsten Pisa- Studie streitig machen.

Werner Furrer