Nr. 20, 30. August 2002
Bundesfeier-Rede, gehalten
am 1. August 2002 in Rümlang ZH
Ohne Leistungsbereitschaft keine Freiheit und
keine Unabhängigkeit
Von Nationalrat Ulrich Schlüer, Flaach
Ich freue mich, an einem Ort zu Ihnen sprechen zu dürfen, wo man den Geburtstag den 711. Geburtstag der Schweiz mit Freude begeht. Ich freue mich, an einem Ort zu sprechen, wo dem Redner keinerlei Anweisungen gegeben wurden, er müsse von der Schweizerfahne auf Distanz gehen, wenn er am 1. August das Wort ergreife.
Der Ausspruch die Bemerkung ist im vertrauten, kleinen Kreise angebracht worden, also nicht wörtlich zitierfähig - wird Bundespräsident Villiger nachgesagt: Der Unterschied, bei der Aufnahme der Schweiz in die Uno am kommenden 10. September sprechen zu müssen und die Expo, die Schweizerische Landesausstellung eröffnen zu dürfen - der Unterschied bestehe darin, dass er in New York wenigstens vor einer Schweizerfahne sprechen dürfe... Zwar konnte jener Bundesrat, der heute auf der Arteplage Biel seinen offiziellen Auftritt hat, offenbar durchsetzen, dass ihm zur Seite für die Dauer seiner auf acht Minuten begrenzten Rede ein Fahnenträger mit der Schweizerflagge stehen darf. Sonst ist die Schwei- zerfahne dort nicht geduldet. Und im derzeit offenbar täglich aufgeführten «Black Tell» - auch die Schweizergeschichte muss heute krampfhaft auf Multikulturell getrimmt werden - wird die Schweizer- fahne gar verbrannt. Uns kommen dazu zwei Fragen:
Was geht im Kopf eines Bundesrates vor, der - als offizieller Redner der Schweiz und ihrer Regierung - sich am 1. August in der vom Bund mit einer vollen Milliarde subventionierten Schweizerischen Landes- ausstellung Rahmenbedingungen bis hin zur Verbannung der Schweizerfahne gefallen lassen muss?
Und - zweite Frage - was geht in den Köpfen jener vor, die die eigene Landesflagge verhöhnen und sie mutwillig - sich damit offenbar originell fühlend - verbrennen?
Haben diese Fahnenverbrenner die so düsteren Parallelen zu ihrem Tun aus der Weltgeschichte - nicht aus der Schweizergeschichte! - völlig vergessen? Haben sie - wir unterschieben ihnen keine weiter- gehende politische Absicht, zweifeln bloss an ihrer Fähigkeit zu denken - in ihrer betriebsamen Ober- flächlichkeit vergessen, dass jene in der Weltgeschichte, die mit politischer Zielsetzung Fahnen verbrannt haben, oftmals wenig später auch Bücher - die Freiheit des Denkens unterdrückend - verbrannt haben? Und dass die gleichen totalitären Geister nicht selten damit geendet haben, dass sie selbst Menschen verbrannt oder anderswie umgebracht haben? Musste die Welt solches nicht immer wieder voller Schrecken beobachten? Mussten Unfreie, Unterdrückte solches nicht allzu oft erleiden?
Was denken sich - im Blick auf die Weltgeschichte, sofern sie sich mit dieser überhaupt befassen - jene, die mutwillig, sozusagen als öffentliche Lustbarkeit, Fahnenverbrennungen inszenieren? Hassen sie das Land, dessen Fahne sie verbrennen? Und wenn dem so ist, worin gründet ihr Hass, wo sie von diesem Land, dessen Flagge sie zur vermeintlichen Belustigung des Publikums in Brand stecken, für ihre als Gag «verkaufte» Tat ja noch reichlich bezahlt werden? Sie seien, behaupten sie zuweilen, die Erbauer einer neuen, einer anderen, der multikulturellen Schweiz.
Schön! Jeder in diesem Land hat, jeder in diesem Land soll die Freiheit haben, Anderes, Neues aufzu- bauen, zu gestalten. Genau darum haben sich die Eidgenossen vor über siebenhundert Jahren auf dem Rütli Freiheit und Unabhängigkeit geschworen. Genau darum haben sich die Eidgenossen vor bald zweihundert Jahren schliesslich vom Joch Napoleons befreit. Genau darum sind die Eidgenossen vor einem guten halben Jahrhundert den Tiraden aus der nördlichen Nachbarschaft nicht erlegen. Aber können diese Vorkämpfer der neuen, der - wie sie sagen - multikulturellen Schweiz Neues nur schaffen, indem sie Altes, für unsere Freiheit Symbolisches aus Hass verbrennen?
Woraus nährt sich denn ihr Hass? Gründet er etwa in der Erkenntnis ihrer eigenen Ideenlosigkeit, ihrer geistigen Leere, weil sie nur verbrennen, nur niederreissen, aber nichts wirklich Neues aufbauen können? Gründet ihr Hass in der Erkenntnis, dass sich eigentlich niemand freiwillig für ihre Ideen begeistern mag, dass niemand sie zur Kenntnis nähme, hätte unsere Regierung nicht - ohne weiter zu fragen - die Steuerzahler massiv zur Kasse gebeten, woraus ihre zur Schau gestellte Fahnenverbren- nung nun finanziert wird? Hassen sie, die Vertreter des Neuen, die Bürgerinnen und Bürger deshalb, weil sie von deren ihnen von der Regierung verordneten Tributzahlung abhängig sind?
Was symbolisiert denn die Schweizerfahne? Was ist es, was uns die Alten, die diese Fahne zur Erringung der Freiheit unseres Landes vor sich getragen haben, als Auftrag hinterlassen haben?
Die Fahne steht für Freiheit, sie steht für Unabhängigkeit, sie steht für direkte Demokratie. Sie steht für jene von Generationen mit kaum je nachlassendem Willen geschaffene Ordnung, die dem Einzelnen ein Maximum an freier Lebensgestaltung sichert, die aber auch jeden Einzelnen vor Verelendung und unerträglicher materieller Not bewahrt. Gegen eine solche, von Generationen geschaffene Leistung ist eine Fahnenverbrennung - unterlegt mit etwas Öffnungs- und Aufbruchs-Rhetorik - eine wahrhaft dürftige, jämmerliche Alternative. Verständlich, dass sich bei jenem, dem nichts Konstruktiveres einfällt, Hass- gefühle melden, die er alsbald auf jene projiziert, die ihn für seine Nicht-Leistung noch loben und finanziell reichlich entschädigen.
Was aber ist in dieses Land, in die Schweiz gefahren, dass sie - wenigstens jene, die in den Medien das grosse Wort führen - solche Nicht-Leistung noch über allen Klee loben und fett honorieren?
Hat sich denn auch in unserem Land, weit über die provozierenden Kulturschaffenden hinaus, eine Mentalität eingenistet, die nicht weiss oder sogar verachtet, dass Werke nur entstehen, wo wirkliche, echte, im Schweisse des Angesichts geschaffene Leistung erbracht wird?
Wir - wir alle hier - zögern mit der Antwort. Weil uns - im Blick auf die Schweiz von heute - nur allzu bewusst wird, wie vergesslich wir der echten Leistung gegenüber geworden sind.
Viele, allzu viele in diesem Land verfielen dem Glauben, Wachstum sei auch ohne Leistung möglich. Das Paradies sei also angebrochen, wo alles an den Bäumen reift, ohne dass jemand noch die Mühsal der Saat, die Mühsal der beharrlichen Hege und Pflege auf sich nehmen müsste.
Aus dieser Mentalität entwickelte sich unser Staat zum Weltmeister im Geldausgeben. Man schwärmte von Wachstum - und häufte allein auf Bundesebene einhundert Milliarden Franken Schulden auf innert nur gerade der letzten zehn Jahre! Zählt man die Neuverschuldung von Gemeinden und Kantonen im gleichen Zeitraum noch dazu, dann zeigt der Schuldenberg gar die doppelte Höhe.
Geld, das ausgegeben wurde, ohne dass es mittels einer sichtbaren, messbaren Leistung bis heute erarbeitet wurde. Im blinden, törichten, dem Volk eingeredeten Glauben, auch auf einem Schulden- Fundament liesse sich Solides bauen. Als wüssten wir nicht, dass all diese Schulden ihren Tribut fordern werden. Auf Heller und Pfennig. Entweder - mittels Inflation - wird das Ersparte jener, die selbstverantwortlich auch an Vorsorge gedacht haben, kurzerhand entwertet, zunichte gemacht. Oder den nächsten Generationen wird während Jahren, ja Jahrzehnten die Last aufgebürdet, die Schulden- berge Franken für Franken abzustottern - auch in Zeiten, die wesentlich schlechter sein können, als es die neunziger Jahre waren, in denen die Überflussgesellschaft unseren Staat regelrecht an den Bettel- stab brachte.
Gleiche, zum Teil schwindelerregende Verschuldung begleitete die Wirtschaftsaufblähung, bei welcher - sichtbar in den boomenden Börsen - als Wachstum deklariert wurde, was - zum Beispiel im Gefolge überstürzter Fusionen bloss in die Bilanzen geschriebene, nie in Erfüllung gegangene Hoffnungen oder Spekulationen waren - finanziert auf Kredit, auf Pump.
Jetzt schlägt die Wirklichkeit zurück. Jene, die uns unermüdlich einzureden suchten, Wachstum stelle sich auch ohne echte Leistung ein, die hemmungslos genossen, hemmungslos aufbrauchten, verspe- kulierten, was andere in Jahren erarbeiten mussten - sie sind merkwürdig still geworden. Ihre aufge- bauschten Worte von der Öffnung, von der Globalisierung sind verstummt. Ihr Entscheid, statt den hiesigen Handwerkern, statt dem hiesigen Gewerbe lieber Russland, lieber Argentinien, lieber Korea, lieber Mexiko, lieber der Weltbank Milliardenkredite zu gewähren, weil solches viel grössere Gewinne verspreche, als ihn biedere Handwerker hier je zu erwirtschaften vermöchten - solche «Prioritäten- setzung» hinterlässt jetzt statt Milliardengewinn bloss Milliardenlöcher.
Wer die Lehre «Schuster, bleib bei deinem Leisten» als schweizerisch-provinziell glaubte verlachen zu müssen, kämpft jetzt ums Überleben. Das gilt für die Wirtschaft, aber auch für die Politik:
Jene, die glauben, man könne einfach ein bisschen zahlen, wenn ein Fagan die Schweiz zum Erpres- sungsopfer wähle, weil, wie sie leichtfertig hinwerfen, aussenpolitische Selbstbehauptung, Rückgrat als Zeichen aussenpolitischer Unabhängigkeit als Leistung heute nicht mehr gefragt seien die so argu- mentieren, werden von der Wirklichkeit heute gnadenlos eingeholt. Und wer glaubt, man könne - z. B. via Solidaritäts-Stiftung ein bisschen Geld im Ausland verteilen, dann seien unsere Exportchancen gesichert - wer so daherschwadroniert, wird gegenwärtig als untauglich aus den Chefetagen von Konzer- nen verjagt.
Und wer glaubt, es genüge, wortreich ein bisschen Multikulti zu beschwören, wenn allzu viele Fremde allein mit dem Ziel in unser Land kommen, unter gröbstem Missbrauch einer durch das Asylrecht gewährten Privilegierung skrupellos krimineller Bereicherung nachzugehen - wer angesichts dieser Entwicklung Recht und Ordnung nicht durchzusetzen wagt, der wird zum Totengräber unserer Rechts- ordnung.
Ohne Leistung kein gerechter, kein sicherer, kein freier Staat! Wer die geltende, demokratische Rechtsordnung nicht durchzusetzen bereit ist, schafft Unrecht. Wer die Anstrengung scheut, unserem Land die Unabhängigkeit, die Eigenständigkeit auch gegenüber Machtblöcken mit den von diesen eingeforderten Sachzwängen zu bewahren - wer zu dieser Leistung nicht bereit ist, wird der kommenden Generation kein freies Land übergeben können. Besinnung auf solche, über das Überleben in Freiheit und Eigenständigkeit entscheidende Gesetzmässigkeit tut heute not. Jene, die Fahnen verbrennen, helfen uns da weiss Gott nicht weiter.
So schliessen wir diese Besinnung zum 1. August nicht mit einem Jubellied auf heldenhafte Taten unserer Vorfahren. Viel eher erscheint es uns angebracht, im Blick auf die Schweiz von heute einem Mahner das Wort zu leihen, dem alten Attinghausen, der - in Schillers «Wilhelm Tell» - seinen Neffen Rudenz nachdrücklich warnt, als dieser den Schalmeienklängen der Glanz und Grösse versprechenden Macht am Kaiserhof der Habsburger zu verfallen drohte. Man braucht in diesem Mahnwort bloss das Wort «Adel» durch «Geldadel» und das Wort «Kaiserhof» zum Beispiel durch «Brüssel» zu ersetzen, und schon wird Attinghausens Warnung vor der Verführung durch die herrschende Macht brennend aktuell.
So sprach Attinghausen zu seinem Neffen:
«Verblendeter, vom
eiteln Glanz verführt!
Verachte dein Geburtsland! Schäme dich
Der uralt frommen Sitte deiner Väter!
Mit heissen Tränen wirst du dich dereinst
Heim sehnen nach den väterlichen Bergen,
Und dieses Herdenreihens Melodie,
Die du in stolzem Überdruss verschmähst,
Mit Schmerzenssehnsucht wird sie dich ergreifen,
Wenn sie dir anklingt auf der fremden Erde.
O mächtig ist der Trieb des Vaterlands!
Die fremde falsche Welt ist nicht für dich,
Dort an dem stolzen Kaiserhof bleibst du
Dir ewig fremd mit deinem treuen Herzen!
Die Welt, sie fordert andre Tugenden,
Als du in diesen Tälern dir erworben.
Geh hin, verkaufe deine freie Seele,
Nimm Land zu Lehen, werd ein Fürstenknecht,
Da du ein Selbstherr sein kannst und ein Fürst
Auf deinem eignen Erb und freien Boden.»
Ulrich Schlüer