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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 8. September 2000

Astronomische Spesen von Carla del Ponte
Fast nichts

Nahezu eine volle, runde Million sollen die eidgenössischen Räte im Eilverfahren (weil ein beträchtlicher Teil des anbegehrten Geldes bereits ausgegeben ist) als Nachtragskredit bewilligen: Genau 920'000 Franken nämlich für während dieses Jahres angefallene Lohn- ausfallkosten sowie Reisespesen von Frau Carla Del Ponte, neuerdings «Chefanklägerin des Uno-Kriegsverbrechertribunals». Aus Sicht des Bundesrats ist es offenbar völlig normal, dass Funktionäre der «zweitobersten Uno-Hierarchiestufe» - dort siedelt die Landesregierung Frau Del Ponte an - jährlich Spesen in Millionenhöhe «verbraten».

Im Detail soll die Schweiz der Frau Chefanklägerin zunächst Fr. 250 000.-- jährlich als Lohndifferenz entrichten - so gross sei die Lücke zwischen Frau Del Pontes heutigem Uno-Salär und ihrem früheren Einkommen als Schweizer Bundesanwältin. Wer eine solche Summe als Differenz ausbezahlt bekommt, der dürfte - sollte man meinen - eigentlich fürstlich besoldet sein.Doch wer so denkt, täuscht sich: Frau Del Ponte bleibt für den Bund nämlich ein «Sozialfall» - so dass ihr Bern für ihre Wohnung in Den Haag monatlich Fr. 12'000.- zuschiessen will. Und auch für ihre Wochenend-Wohnung im Tessin sowie für ihre Absteige in Bern soll Frau Del Ponte einen monatlichen «Zustupf» von je Fr. 2'500.- bekommen. Insgesamt also sage und schreibe Berner Manna von 17'000 Franken allmonatlich - allein für Mietkosten. Ob gewöhnlich Sterbliche ihre zweifellos weit tieferen Mietrechnungen künftig auch einfach nach Bern zwecks Begleichung durch ein mildtätiges Bundesamt übersenden können?

Es entspreche, argumentiert der Bundesrat, dem «Code of Conduct» der Uno, dass das Herkunftsland die Spesen für «seine» Uno-Spitzenfunktionäre bezahle. Der gleiche Bundesrat, der die auf diesem Weg geforderte Million hinzublättern bereit ist, besitzt indessen die Unverfrorenheit, den Schweizer Bürgern und Steuerzahlern gegenüber zu behaupten, der von Bern so heiss herbeigesehnte Uno-Beitritt koste uns eigentlich «fast nichts». Er koste nur soviel, wie wir freiwillig heute schon an die Uno überweisen - aber fast nichts dazu. Und dann wirft Bern für eine einzige Funktionärin eine volle Million jährlich zum Fenster hinaus - bzw. nach New York oder Den Haag. Nur weil es Bern als «von hohem Interesse für die Schweiz» erachtet, Schweizer Funktionäre auf hohen Stufen der Uno-Hierarchie zu wissen.

Drastischer könnte sich die Classe politique kaum selbst entlarven: Wer andern Millionen zuschaufelt, die als Spesen verprasst werden können, der träumt davon, dereinst auch selbst einmal im Paradies unkontrolliert fliessender Spesen von jenen köstlichen Früchten geniessen zu können, die den Spitzen- funktionären in Internationalen Organisationen zu winken pflegen. Während man gleichzeitig und treu- herzig den eigenen, ohnmächtigen Steuerzahlern gegenüber frivol und ohne rot zu werden behauptet, was sich auf internationalem Parkett abspiele, koste «fast nichts».

Ulrich Schlüer

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