Nr. 19, 13. Juli 2007

Freiheit, Unabhängigkeit und Neutralität: Die Schweiz aus USA-Sicht 1942 (21. Folge)
Der schwierigste Kriegsmonat

Von Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg, Windisch AG

August 1942, für die Armee anspruchsvoll, war für die Schweiz einer der schwierigsten Monate des Krieges. Vernünftig denkende Zeitgenossen konnten am schliesslichen Ausgang des weltweiten Ringens zwar keineswegs mehr zweifeln: Doch noch dominierten die Nationalsozialisten vom Atlantik bis zur Wolga. Sie beherrschten Nordafrika und verbreiteten, zum Teil allen Ernstes noch vom "Endsieg" überzeugt, Furcht und Schrecken.

"Es ist klar, dass … im August 1942, als die Achse auf dem Höhepunkt ihrer Macht stand, die Unruhe bei uns gross war und viele Leute Mühe hatten zu verstehen, dass die Schweiz sich nicht von der ‹Leuchtkraft› der Achse anziehen liess. Leider musste ich feststellen, wie sehr sich gewisse Leute durch die grossen deutschen Erfolge beeindrucken liessen."

Bundesfeier 1942

Willy Bretschers Leitartikel zur Bundesfeier 1942 in der "Neuen Zürcher Zeitung" erinnerte das Schweizervolk daran,

"dass es den Frieden seiner reifenden Felder - soweit eigenes menschliches Tun oder Zutun reicht - der Armee verdankt, die seit dem Ausbruch des Krieges zur Verteidigung der Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit des Staatsgebietes bereitsteht".

Er sprach von notwendiger nationaler Disziplin, rühmte Bundesrat Eduard von Steigers Ausdruck "Marschdisziplin" als Wort von "prächtiger Bildhaftigkeit" und beschwor "die Schicksalsgemeinschaft des Schweizervolkes". Bretscher schloss:

" … die Eidgenossenschaft bewährt sich heute, in schwerster Gegenwart, durch die blosse Tatsache ihrer Existenz als freies, unabhängiges Staatswesen inmitten des grössten Kriegsbrandes aller Zeiten - das wiegt viel, und noch ein Gewicht werfen wir in die Waagschale des Schicksals: wir wollen diese Eidgenossenschaft morgen! Der mächtige Willensimpuls, der dieses Gelöbnis vaterländischer Treue trägt, wird für die Schweiz im vierten Kriegsjahr eine unsichtbare Kraftquelle bilden."

Anschwellender Flüchtlingsstrom

Eduard von Steiger konnte in jenen Tagen nicht nur Willy Bretscher beeindrucken, sondern auch Bundespräsident Philipp Etter. Jedenfalls stellte Etter auf Antrag des offensichtlich die alarmierenden Schilderungen Robert Jezlers und Heinrich Rothmunds weitertransportierenden von Steiger am 4. August 1942 präsidial fest, dass der nach wie vor gültige Bundesratsbeschluss vom 17. Oktober 1939 in seinem Artikel 9 betreffend die Ausschaffung der "Ausländer, die rechtswidrig in die Schweiz kommen" in letzter Zeit "aus Gründen der Menschlichkeit" "nur noch ausnahmsweise angewendet" worden sei. Er bestimmte ferner, dass der alte Bundesratsbeschluss angesichts des "von gewerbsmässigen ‹Passeurs›" geförderten Zustroms "fremder Zivilflüchtlinge" wieder strenger angewendet werden müsse, "auch wenn den davon betroffenen Ausländern daraus ernsthafte Nachteile (Gefahren für Leib und Leben) erwachsen können."

Die sowohl bei Jezler als auch bei Rothmund klar feststellbare Angst vor einer deutschen Reaktion auf die Aufnahme einer sehr grossen Zahl von Flüchtlingen durch die Schweiz mag bei von Steiger und Etter ebenfalls mitgespielt haben, belegbar ist sie in diesem an tödlichen Folgen schweren Präsidialerlass direkt nicht. Dass aber Angst vor Deutschland in den Korridoren des Bundeshauses an jenem verhängnisvollen 4. August eine Realität war, ist eindeutig festzustellen. Vom selben Tag stammt ein Brief Bundesrat Marcel Pilet-Golaz' an seinen Amtskollegen Eduard von Steiger. Pilet verdankte einen vom Bundesratskollegen erhaltenen Bericht der Bundesanwaltschaft über eine Voruntersuchung betreffend nationalsozialistische Umtriebe in der Schweiz. Pilet gab nun zu bedenken, es sei

"gänzlich abwegig, dem vom Untersuchungsrichter vorgezeichneten Weg zu folgen und im Strafverfahren die Beziehungen Schweiz-Deutschland zu erörtern", denn es gelte "eine unter den gegenwärtigen Verhältnissen (sie sind, gemessen an den Umständen zurzeit der Beschlussfassung, heute vielleicht noch ausgeprägter) besonders untragbare Belastung unserer Beziehungen zum Deutschen Reich zu vermeiden".

Sowjetunion tritt ins Zentrum

Viertausend Kilometer von Bern entfernt, in Teheran, war gleichzeitig von Angst vor den Nationalsozialisten wenig zu spüren: Der schweizerische Geschäftsträger Armin Daeniker benützte die praktischen Probleme der durch die sowjetische Konsularabteilung zu erteilenden Bewilligungen für die Einreise in den sowjetisch besetzten Teil Irans dazu, zu normalen Beziehungen zur sowjetischen Botschaft überzugehen, der Vertretung eines Staates, mit dem die Schweiz bereits seit 1918 keine diplomatischen Beziehungen mehr unterhielt, der aber nun aus machtpolitisch-praktischen Gründen wichtig geworden war und fortwährend wichtiger werden sollte.

US-Lagebeurteilung

Über die Stimmung in der Schweiz berichtete am 4. August 1942 Leland Harrison dem Staatsdepartement anhand der Bundesfeieransprachen Bundespräsident Etters, der Bundesräte von Steiger und Wetter sowie General Guisans. Etter habe die humanitären Aspekte betont, von Steiger Einigkeit, Ordnung und Disziplin, Wetter die genügende Nahrungsmittelproduktion, die Demokratie, die Unabhängigkeit und die Neutralität.

Das letzte Wort ging an General Guisan, der den Schweizer Soldaten von 1942 aufgefordert habe, nach Gott Meister seines eigenen Schicksals zu bleiben. Der General hatte ja in der Tat in seinem "Tagesbefehl für den 1. August 1942" seine Soldaten an die Pflicht gegenüber ihrer Armee erinnert und gesagt:

"Schau um Dich: Die Schöpfung hat ihre Sache recht gemacht; sie hilft, indem sie ausgleicht: Das Land, das sie uns gab, ist nicht gross; aber, ob fruchtbar oder wild, immer undurchdringlich, ist es unser sicherer und treuer Verbündeter in unserem Willen, unabhängig zu leben. Schweizersoldat, um Herr über Dein Schicksal, das Du nach Gott allein bestimmst, zu bleiben, halte fest am Lösungswort, welches ich Dir am Anfang des Jahres gegeben habe: Entschlossen und treu!"

Die Schweiz stand wohl zu keinem Zeitpunkt vor- oder nachher der von Willy Bretscher beschworenen Schicksalsgemeinschaft so nahe wie im August 1942. Sie wollte - als Land - den Welthandel. Doch war sie in nunmehr ihre Existenz bedrohenden Weise eingeklemmt inmitten eines Gegenblockaderings in einem Blockadering.

Den tatsächlichen Unterschied zwischen dem Willen, überseeischen Handel zu treiben und der praktischen Unmöglichkeit, dies zu tun, lässt, wenigstens in den Grössenordnungen, die am 5. August 1942 von der amerikanischen Botschaft in London nach Washington übermittelte Liste der am 20. März bestehenden schweizerischen Warenvorräte in Grossbritannien und Übersee erkennen: Der Gesamtwert erreichte mehr als 95 Millionen Franken, das Gewicht über 51'000 Tonnen, die Warenkategorien reichten von Weissblech bis Rizinusöl und von Gummischuhen bis zu Tierhaaren. Die schweizerischen Handelsdiplomaten und Diplomaten in London müssen damals wenigstens zum Teil in der Naherwartung des Kriegsendes gestanden sein, der Betreff der erwähnten Depesche Botschaftsrat Harrison Freeman Matthews lautete nämlich: "Schweizer Nachkriegsnachholkäufe".


Jürg Stüssi-Lauterburg