Nr. 19, 1. September 2006
Freiheit,
Unabhängigkeit und Neutralität: Die Schweiz aus USA-Sicht 1942 (6.
Folge)
Neutralität auf dem Prüfstand
Von Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg, Windisch AG
Der Kriegseintritt der USA Ende 1941 wurde von
weiten Teilen der Öffentlichkeit mit der entscheidenden Kriegswende gleichgesetzt.
Noch aber war zu Beginn des Jahres 1942 völlig ungewiss, wie lange der
Weltkrieg noch dauern würde. Für die neutrale Schweiz nahmen die
Versorgungsschwierigkeiten zu - was beide Kriegsparteien immer wieder zu nachdrücklicher
Kritik an der praktischen Umsetzung der schweizerischen Neutralitätspolitik
veranlasste.
Jerome Klahr Huddle meldete sich am 6. Februar 1942 wieder beim Staatssekretär in Washington.
Die Ärztemission an der Ostfront
Die Abreise der zweiten Ärztemission an die deutsche Ostfront - 28 Ärzte und 26 Krankenschwestern - am 8. Januar war zu verzeichnen:
"Der Militärattaché der Gesandtschaft meldet, nach sorgfältiger Untersuchung, sehr wenig Enthusiasmus in der Schweiz, was die Abreise dieser Mission angeht, ja er bezweifelt sogar, dass überhaupt eine zweite Kommission entsandt worden wäre, hätte man nicht einige Zeit zuvor bindende Zusagen gegeben."
Die amtliche deutsche Bezeichnung der Ärztemission als rein humanitär entspreche, führte Huddle weiter aus, gemäss dem "Volksrecht" genau der schweizerischen Sicht. Die Ridikülisierung der Ärztemission und der Schweiz durch eine wohl von deutschen Amtsstellen inspirierte Karikatur (ein fetter Schweizer im Pelzmantel samt Armbrust und Käse, welcher von der Wehrmacht an der Ostfront einen komfortablen und sicheren Bunker angewiesen erhält) in der "Münchner Illustrierten Presse" sei interessant. Die Nummer sei zwar der Schweizer Zensur zum Opfer gefallen, aber das "Volksrecht" habe die Karikatur ausführlich beschrieben.
Truppenreduktion?
Der Nervenkrieg nahm seinen Fortgang: Albert Oeri meldete sich am 8. Februar aus Riehen bei General Guisan und meldete "die allerschwersten Bedenken" gegen eine angeblich geplante Truppenreduktion an; Guisan beruhigte ihn am 11. Februar mit der Antwort, dass er die Bestände im Gegenteil im Frühling zu erhöhen beabsichtige.
Die von Oeri angesprochene laufende Beurteilung der schweizerischen Neutralität durch das Ausland war und blieb jedoch eine Tatsache. Huddle informierte Stewart am 9. Februar über den neusten Stand der Erkenntnis in Sachen Schweizer in der deutschen Armee. Es seien zurzeit rund 600 Freiwillige. Eine konzertierte Rekrutierung finde nicht statt, genau so wenig die Bildung schweizerischer Einheiten.
Schweizer Versorgungslage
Am gleichen 9. Februar 1942 fasste der Antrag des Volkswirtschaftsdepartements an den Bundesrat, in London Wirtschaftsverhandlungen mit der britischen Regierung aufzunehmen, die Schwierigkeiten und Grenzen der schweizerischen Neutralitätspolitik unter den Bedingungen des Februars 1942 zusammen. Ausgangspunkt der Ausführungen des Volkswirtschaftsdepartements war die britische Note vom 9. September 1941, wonach im Hinblick auf den von den Briten behaupteten "wesentlichen schweizerischen Beitrag an die deutsche Kriegführung" nur noch die bisherigen Zufuhren von Getreide und Futtermitteln durch die Blockade bewilligt würden, es sei denn, die Schweiz könne entweder ihre Lieferungen an die Achsenmächte einschränken oder die Versorgung Grossbritanniens und seiner Verbündeten mit kriegswichtigen schweizerischen Erzeugnissen steigern. Betroffen seien insbesondere die Importe von Baumwolle, Wolle, Kautschuk, technischen Fetten und Ölen. Für das vierte Quartal 1941 und das erste Quartal 1942 seien nur noch Getreide, Futtermittel, Speisefette, Speiseöle und teilweise Fettstoffe für die Seifenindustrie erhältlich gewesen.
"Dieser Zustand kann nicht lange andauern, ohne zu schweren Störungen in der schweizerischen Wirtschaft zu führen."
Versuche, der Schweiz auf diplomatischem Weg Erleichterungen zu erhalten, seien gescheitert und eine wesentliche Verringerung der schweizerischen Lieferungen an Deutschland komme nicht in Frage, "da diese schweizerischen Lieferungen das notwendige Gegenstück für die lebenswichtigen deutschen Lieferungen bilden". Zu einer erfolgversprechenden Diskussion über die grundlegenden Fragen der Blockadepolitik sei "eine direkte Fühlungnahme mit den Leitern der britischen Blockade in London notwendig", weshalb es sinnvoll sei, eine Delegation (Hans Sulzer, Winterthur; Nationalrat William-Emanuel Rappard, Genf; Paul Victor Keller, Delegierter für Handelsverträge, Bern) für die Aufnahme von Verhandlungen nach London zu entsenden.
"Wir erwarten aus den mit Grossbritannien und den Achsenmächten gleichzeitig geführten Besprechungen eine Chance für die Überwindung der grossen und auf die Dauer untragbaren Zufuhrschwierigkeiten im industriellen Sektor der schweizerischen Wirtschaft."
Noch lange Krieg
Wenn auch nach dem Eintritt der USA in den Krieg für jeden global denkenden und informierten Menschen der Ausgang des Ringens nicht mehr zweifelhaft sein konnte, zeigte sich gerade im Februar 1942, dass es bis dahin noch einen sehr langen Weg zurückzulegen galt. Am 11. des Monats notierte Markus Feldmann in sein Tagebuch, dass die Japaner in Singapur eingedrungen seien.
Der maritime Krieg im Atlantik schränkte die schweizerischen Importmöglichkeiten sehr direkt weiter ein. So war die Corte Real, ein 2000-Tonnen-Schiff der Companhia de Navegacao Carregadores Acoreanos 1941 von einem Unterseeboot versenkt worden, worauf die portugiesische Regierung den Transport von Waren aus oder nach Krieg führenden Ländern unter portugiesischer Flagge verbot. Dies ist einem nicht gezeichneten amerikanischen Memorandum über die schweizerische Wirtschaftslage vom 13. Januar 1942 zu entnehmen.
Die bebaute Fläche in der Schweiz sei von 184 000 Hektaren auf 270 000 Hektaren gesteigert worden, als Ziel strebe der Wahlenplan nach wie vor 500 000 Hektaren an. Die Getreide-Ernte sei grösser gewesen als im Vorjahr, die Kartoffelernte aber kleiner, so dass man beim Backen dem Mehl keine Kartoffeln zugeben könne. Die Milchproduktion sei kontinuierlich um fünf Prozent reduziert worden, ohne dass die Schweiz dadurch von eingeführten Fetten unabhängig geworden sei. 250 000 Schweine und 100 000 Rinder seien geschlachtet worden.
Propaganda-Angriffe
Das Memorandum diente, wie sehr viele andere Papiere jener Epoche, der alliierten Einschätzung, wie viel man durch die Blockade lassen müsse, um die Schweiz am Leben zu erhalten. So viel wie nötig, wollte man in Washington und London tun, aber keinesfalls das Geringste darüber hinaus, um nicht ungewollt den Deutschen in die Hände zu spielen. Auch das Wenige, das der Schweiz zugestanden wurde, war nur denkbar, weil an der Grundhaltung des Landes nicht der geringste Zweifel bestehen konnte. Ein Beleg dafür sind die in den amerikanischen Akten aufbewahrten Exemplare der Publikation "Eidgenössische Korrespondenz". Dieser "Presse- und Informationsdienst der NS-Bewegung in der Schweiz" liess sich am 18. Februar 1942 unter anderem wie folgt vernehmen:
"Gegenwärtig grassiert bei uns eine <Psychose>, die sich in einem kaum vorstellbaren Spionagewahn austobt. Plötzlich ist man nämlich darauf gekommen, dass durch die Militärjustiz das Mittel gegeben sei, um dem Nationalsozialismus in der Schweiz den Prozess zu machen. Herr Bundesanwalt! Ihr Herren von der violetten Justiz! Wenn es euch wirklich darum zu tun wäre, gegen die wirklichen Landesverräter und gegen das landesgefährliche Treiben der Spione vorzugehen, wenn ihr den sauberen Tisch haben wolltet im Schweizerhaus, warum fasst ihr nicht die britischen und alliierten Spione, Spitzel, Saboteure und Dunkelmänner, die zusammen mit lichtscheuem, jüdischem Emigrantengesindel als internationales Ungeziefer im Lande herumschmarotzen und vom demokratischen Schutzhort aus die ganze Welt verpesten. Es wäre euch ein Leichtes, jeden Tag einen Schauprozess mit britischen Agenten und schweizerischen Helfern aus <besten> Kreisen, die im Dienste des Dollars oder des Pfundes stehen, zu liefern."
Solche Propaganda-Angriffe auf "die erbärmlichen Anbeter der anglo-amerikanischen Allianz bei uns" wären wohl leichter zu nehmen gewesen, wenn da nicht gleichzeitig das nationalsozialistische Deutschland, der gleichgeschaltete Staat, von dem aus sie vorgetragen wurden und von dem die Schweiz bis zu einem gewissen Grad wirtschaftlich abhängig war, gewesen wäre, wenn sie nicht in angesichts der bereits damals bekannten Praktiken der Nazis keineswegs rein rhetorisch zu verstehenden Drohungen gegipfelt hätten.
Die Schweiz als Agitationsziel
So wurde Johann Baptist Rusch, Herausgeber der Schweizerischen Republikanischen Blätter und Leitartikler in der Basler <National-Zeitung> als einer "der Hauptschuldigen am Missverhältnis der Schweiz zum Reich" gebrandmarkt:
"Ein Pressemann, der sich zum Werkzeug von Juden, Emigranten und völkerverhetzenden Propagandisten macht, wie dies Rusch mit sich geschehen liess, ist ein übler Volksverräter und ein Schädling seiner Heimat. Wenn die Stimme des deutschen Blutes in unserem Volke wieder erwacht, wenn das Volk sich von diesem jüdisch-englischen Gift befreit und sich zurückfindet zu seiner urewigen Berufung, dann wird auch dieser Hetzer und Muster-Patent-Demokrat verstummen!"
Die Schweiz war in den Februartagen 1942 nicht nur das Ziel nationalsozialistischer, sondern weiterhin auch kommunistischer Agitation. Der amerikanische Konsul in Genf, Paul C. Squire, konnte am 19. der Gesandtschaft Exemplare beschlagnahmter kommunistischer Kampfschriften übermitteln. François Vibert, der Chef der Genfer Sûreté, habe ihm gesagt, die Dritte Internationale agitiere nach wie vor, die Aufklärungsarbeit der Polizei sei aber schwierig. Die untergeordneten Agitatoren bewahrten eisernes Schweigen und behaupteten, nichts zu wissen, so dass man nicht an die Namen der Drahtzieher herankomme.
Vor solchem Hintergrund
werden Äusserungen General Henri Guisans erst richtig verständlich,
wie die, eine rechtzeitig befohlene Generalmobilmachung sei bedeutsam und
er sei entschlossen, sie vom Bundesrat früh genug zu erreichen.
Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg
(Fortsetzung folgt)