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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 2. September 2005

Für ein Ja wird jede Stimme bezahlt
Hemmungsloses Klotzen

Jetzt fallen alle Skrupel: Dutzende Millionen werden in die Schlacht um die Ost-Personenfreizügigkeit geworfen. Doch all diese Millionen kommen aus der gleichen Schatulle: Leserbriefschreiber kauft sich
Economiesuisse zu Fr. 500.- pro zehn Leserbriefe. Standbetreibern winkt ein voller Tausender für jede einzelne Aktion. Der Bauernverband wurde mit Fr. 200 000.- gefügig gemacht. Gegenleistung: Massive Ja-Kampagne in der bäuerlichen Presse. Und jene Regierungsräte, die in Dutzenden grosser Inserate ihre angebliche Überzeugung pro ungehinderte Ost-Zuwanderung zur Schau stellen, sind montiert: Bezahlte Statisten der Economiesuisse. Hut ab vor Rita Fuhrer (SVP ZH) und Marina Masoni (FDP TI), die sich solch gekaufter Statistenrolle verweigern.

Auch all jene Partei-Exponenten, die sich gegen ihre eigene Partei pro Personenfreizügigkeit in Szene setzen lassen, wenden für ihre "Überzeugung" keinen einzigen eigenen Franken auf. Sie sind Puppen der Economiesuisse. Der Gipfel dieses skrupellosen Einkaufs von Ja-Meinungen: Der "Bund der Steuerzahler" - als "der SVP nahestehende Organisation" von Economiesuisse besonders umschmeichelt - wurde zu seinem Ja-Inserat mit einer Lockvogel-Prämie von sage und schreibe über einer halben Million Franken verführt …

Mehr als eine halbe Million für eine befürwortende Äusserung: Da fällt offensichtlich der letzte Rest demokratischen Respekts. Alles wird als käuflich eingestuft. Economiesuisse lässt Millionen springen. Warum hüllen sich zu solch degoutanten Vorgängen die grossen Medien eigentlich bloss in betretenes Schweigen? Sind sie etwa auch noch mit von der Partie?

Was sind das für Kräfte, die für Meinungseinkauf mit Millionen klotzen? Die Economiesuisse ist die Lobby-Organisation der grossen, weltweit tätigen Konzerne. Ist diesen die Aussicht, mit importierten weit billigeren Arbeitskräften in der Schweiz massiven Lohndruck und zunehmende Arbeitslosigkeit auszulösen, tatsächlich Millionen wert? Diese Grossen sind ja nicht an den Produktionsstandort Schweiz gebunden. Sie können jederzeit auslagern, wenn's hier schiefgeht. Hauptbetroffene der Personenfreizügigkeit sind die hier von ihrem Kundenkreis abhängigen kleinen und mittleren Unternehmen. Diese können nicht ausweichen. Sie müssten - genau wie die hiesigen Arbeitnehmer - die Suppe auslöffeln, die ihnen die Grossen mit ihren Millionen anrichten. Mit Millionen, die selbst für schnöden Kauf von Meinungen und Exponenten eingesetzt werden.
Sind wir da Zeugen des Ausverkaufs der Schweiz?


Ulrich Schlüer

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