Nr. 19, 3. September 2004
Ein neuer totalitärer «Ismus»
«Bedroht der islamistische Terrorismus auch die Schweiz?»
Von Peter Regli,
Boll BE Divisionär a.D., ehemals Chef des Nachrichtendienstes im Generalstab
Spätestens seit dem Angriff vom 11.
September 2001 gegen die USA ist sich die frei denkende Welt bewusst, dass
wir es mit einer neuen, brutalen und irrationalen Bedrohung zu tun haben:
dem totalitären Islamismus.
Neben regelmässig
wiederkehrenden Drohungen gegen alle «Ungläubigen» dieser
Welt seitens spiritueller Führer wie Osama bin Laden und Ayman al Zawahiri
der al Qaida häuften sich terroristische Attentate im islamischen Krisenbogen
von Marokko bis nach Bali. Diese Attentate töten unzählige unschuldige
Menschen, zerstören Hab und Gut, verbreiten Panik, verunsichern Bevölkerungen
und Regierungen. Sie stellen die heutige Hauptbedrohung der westlichen Welt
dar. Wir bezeichnen sie als «asymmetrisch». Insbesondere der demokratische
Rechtsstaat ist dort bedroht, wo er am verwundbarsten ist, wo er ungenügende
Mittel zur Abwehr bereitstellen kann und worauf er sich nach
der strategischen Wende in Europa am wenigsten vorbereitet hat.
Der totalitäre Islamismus
Der totalitäre Islamismus steht - im Gegensatz zum Islam als Religion
- in seiner Bedeutung dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus resp. dem
real existierenden Sozialismus, den vergleichbaren Herausforderungen des vergangenen
Jahrhunderts, in nichts nach. Seine Zielsetzung ist klar definiert: Er will
ein neues Kalifat errichten, die «Ungläubigen» (das sind
alle Nicht-Muslime!) unterjochen und die Welt auf der Grundlage des Korans
resp. mit dem Gesetz der Scharia regieren.
Der Weg dazu ist gegeben: Man nützt die eklatanten Schwächen und
die Dekadenz der westlichen Welt aus, greift sie mit asymmetrischen Mitteln
an, um sie über kurz oder lang gefügig zu machen. Das Beispiel Spaniens
mit dem Kniefall von Premierminister Zapatero im April 2004 gegenüber
dem Terror ist ein gefährlicher Präzedenzfall.
Dass auf diesem Weg des asymmetrischen Krieges auch Massenvernichtungswaffen
(chemischer, biologischer, nuklearer und genveränderter Art) Verwendung
finden werden, wird von den Nachrichtendiensten nicht mehr in Zweifel gezogen.
Die entscheidende Frage lautet nur noch: Wann, wo, womit und gegen wen?
Der islamistische Terrorismus
Die totalitäre, mittelalterliche Ideologie des Islamismus wurde zu Beginn
der neunziger Jahre hauptsächlich durch fanatische nichtstaatliche Akteure
wie Osama bin Laden und seinesgleichen verkündet. Mit gezielten Terroranschlägen
machte bin Laden und die al Qaida («die Basis») ab 1993 vermehrt
auf sich und ihre Bewegung aufmerksam. Mit seiner berühmten «Fatwa»
vom 28. Februar 1998 hat bin Laden konkret zum Krieg gegen Kreuzritter und
Juden - und somit gegen den Westen - aufgerufen. Seitdem hat sich die Situation
markant verschlechtert. Alle Länder, welche heute am Kampf gegen den
islamistischen Terror beteiligt sind, erscheinen nunmehr auf der Liste potentieller
Ziele der fanatisierten Jihad-Kämpfer. Mit den Terror-Anschlägen
in Istanbul (ab November 2003) und in Madrid (März 2004) muss allen klar
geworden sein, dass dieser Krieg des 21. Jahrhunderts Westeuropa erreicht
hat. Mit dem geplanten, aber dank hervorragender nachrichtendienstlicher Arbeit
der jordanischen Dienste vereitelten Anschlag in Amman vom April 2004 wären
erstmals in grossem Ausmass auch chemische Mittel eingesetzt worden. Es muss
davon ausgegangen werden, dass der Anschlag, wäre er geglückt, mehrere
zehntausend Tote verursacht und somit eine neue dramatische Eskalation dargestellt
hätte.
Die dieses Jahr insbesondere in SaudiArabien und Pakistan erfolgten tödlichen
Angriffe gegen Muslime, die Benutzung von religiösen Heiligtümern
wie Moscheen und Grabstätten im Irak als Munitionslager und Schiesspodeste
für den Guerillakampf beweisen das ruchlose Vorgehen dieser Terroristen.
Ziele und Methoden
Es geht nicht mehr nur ums ziellose Morden. Man will mit den Angriffen gegen
Mitarbeiter und die Infrastruktur der Öl- und Gasindustrie arabische
Länder und damit die ganze Welt in deren vitalen, wirtschaftlichen Interessen
treffen. Diese besorgniserregende Entwicklung hat die Lage auf dem Erdölmarkt
in kürzester Zeit stark beeinträchtigt. Sie könnte bald auch
zu einer weltweiten Wirtschaftskrise führen.
Der Islamismus kennt keine Spielregeln, keine Grenzen und vor allem keine
Ethik. Zur Erreichung seiner Ziele sind alle Mittel gerechtfertigt. Alle Schwächen
des Gegners werden brutal und rücksichtslos ausgenutzt. Die Jugend wird
militarisiert, zu Hass erzogen und im Namen Allahs für die eigenen politisch-ideologischen
Ziele missbraucht. Es werden sogar Kinder und schwangere Frauen rekrutiert,
für den heiligen Krieg, den «Jihad», ausgebildet und als
Selbstmörder eingesetzt. Die durch die
Gefangenenbefragungen in den Militärgefängnissen im Irak erzeugten
Demütigungen der islamischen Welt fördern den Hass gegen den Westen
noch zusätzlich und erleichtern die Rekrutierung neuer Märtyrer
weltweit. Die Vertreter des brutalen und menschenverachtenden Islamismus machen
ein Verhandeln, eine Annäherung, Toleranz und Integration praktisch unmöglich.
Der Islamismus ist globalisiert. Er lässt eine Trennung von Politik und
Religion nicht zu. Er infiltriert unsere Gesellschaften über das Netzwerk
des friedlich praktizierten Islams, missbraucht dessen Moscheen und Gebetsräume.
Hassprediger, Imame und Amire, insbesondere salafistischer und wahabitischer
Ausrichtung, vom Ausland finanziert, werden in unsere Länder eingeschleust
und eingesetzt. In den Freitagsgebeten werden gezielt auch junge Gläubige
einer Gehirnwäsche unterzogen und für den heiligen Krieg rekrutiert.
Besonders fanatisch und somit gefährlich erweisen sich Konvertiten christlicher
Abstammung, wie sie leider immer mehr auch in Europa und sogar in der Schweiz
zu erkennen sind.
Die Lage in der Schweiz
In den letzten Jahren zeigte es sich, dass auch unser Land und unsere Infrastruktur
für das Ausbreiten des Islamismus benutzt und missbraucht werden. Fanatische
konspirative religiöse Zellen haben sich im bisher friedlichen islamischen
Netzwerk der Schweiz eingenistet. Auch hier werden junge Leute (die «zweite
Generation al Qaida») rekrutiert und, z.T. auch als «Schläfer»,
für den «heiligen Krieg» vorbereitet. Die Schweiz dient Aktivisten
ebenfalls zur Erholung vom Kampf, für Treffen, Planungsaufenthalte und
logistische Absprachen. Islamistische Aktivisten bewegen sich unauffällig
und gut getarnt in unseren Strukturen und warten geduldig auf das Zeichen
für ihren tödlichen Einsatz. Naive
Multikulti-Integrationsgläubige geben, unbewusst als Einflussagenten
eingesetzt, noch Unterstützung. Islamische Aktivisten verbreiten, von
gewissen Medien und Kirchenvertretern assistiert, Desinformation und legen
falsche Spuren. Die in unserer Verfassung garantierte Religionsfreiheit erschwert
dem Staatsschutz die aktive, präventive Nachrichtenbeschaffung.
Folgerungen
Die Zeit ist gekommen, wo sich die freie westliche Welt, und somit auch die
Schweiz, dieser Bedrohung bewusst werden und aus dem Schlaf der Glückseligen
aufwachen muss. Eine gemeinsame Gegenstrategie muss festgelegt, es muss gehandelt
werden. Dies sind unsere Staaten insbesondere den nächsten Generationen
schuldig. Nicht zu verantworten wäre, wenn diese in einem Taliban-ähnlichen
Regime oder in einer Ayatollah- resp. Mullahkratie und die Frauen somit unter
dem (Un-)Recht der praktizierten Scharia leben müssten.
Der Islamismus hat kein Antlitz, keine Gestalt, keinen Geschmack, keine klare
Struktur. Man kann ihn nicht ohne weiteres erkennen. Er handelt als heterogene
Bewegung konspirativ, professionell, benützt meistens für uns (und
unseren Staatsschutz!) unverständliche Sprachen. Hartgesottene Profis
wie bin Laden, al Zawahiri oder al Zarqawi (Irak) verzichten ausserdem in
der Regel auf die Benutzung von mobilen Übermittlungsmitteln und stützen
sich auf ihnen vertraute Kuriere ab. Die Aufbauarbeit dieser Leute für
illegale Handlungen, ihre konspirativen Treffen und Vorbereitungen für
Terroranschläge können, wenn überhaupt, nur mit nachrichtendienstlichen
Mitteln und Verfahren erkannt und identifiziert
werden. In dieser asymmetrischen Bedrohungslage produzieren primär unsere
Polizeikorps, die Bundeskriminalpolizei und der Dienst für Analyse und
Prävention im EJPD, im Verbund mit ausländischen Partnern, am meisten
Sicherheit für unser Land. Grenzwachtkorps und Militärpolizei leisten
subsidiäre Unterstützung. Es sollte daher alles unternommen werden,
um diesen Behörden die Kompetenzen, die Mittel sowie die unbedingte Unterstützung
ihrer vorgesetzten Politiker zuzusichern. Nur so kann unser Land vor der islamistischen
Bedrohung geschützt werden. Die Randbedingungen
für präventive Polizei-Operationen müssen ebenfalls rasch verbessert
werden.
Dazu brauchen die Politiker
mehr Mut und Realitätssinn. Unsere Bevölkerung muss sachlicher informiert
und aufgeklärt werden. Jeder einzelne sollte ein gesundes Misstrauen
an den Tag legen und ausserordentliche Beobachtungen (auffällige Ereignisse
und Personen, alleinstehende Behältnisse etc.)
melden. Dies hat, in Anbetracht des aktuellen Umfeldes, mit Spitzeldiensten
nichts zu tun. Umdenken ist gefragt. Bis heute haben wir in diesem Lande die
Bedrohung des islamistischen Terrors verkannt. Dieser könnte uns plötzlich
einholen und uns schwer treffen. Nationale Interessen der Schweiz könnten
überraschend und nachhaltig geschädigt werden.Dann wäre wieder
einmal «Management by Kopfanschlagen» angesagt.
Peter Regli
Erstabdruck im Newsletter
«Freunde der ASMZ». Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des
Autors.