Nr. 19, 3. September 2004

Verpönte Nationen
Internationalistische Scheuklappen
Von Dr. Paul Ehinger, Zofingen AG

Aus staatspolitisch-historischer Perspektive ist für die Bildung offener, demokratischer und liberaler Gesellschaften die Stufe der Bildung von Nationen ausserordentlich wichtig. Aber wir wissen es: Nur schon der Gebrauch des Begriffs «Nation» gibt heute Anlass zu Verdächtigungen.

Wenn Nation positiv gewertet wird, erst recht. Wer für die Nation eintritt, ist ein Nationalist. Vom Nationalisten ist kein weiter Weg zum Chauvinisten, Rechtsextremisten oder Faschisten.

Übertreibungen
Das hat seine Gründe. Das 19. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Nationenbildung. Die Überspitzung nationaler Werte führte dabei in der Tat auch zu Nationalismus, zur Überhöhung der nationalistischen Ideologie: Mit der Behauptung, das eigene Volk und seine Kultur, ja die eigene Rasse seien besser, seien mehr wert als alles andere. Entsprechend vorurteilsbehaftete Philosophie-Klitterungen bildeten den Überbau, der zum Ersten und zum Zweiten Weltkrieg führte. Versuche zur Überwindung des nationalistischen Denkens setzten schon im 19. Jahrhundert ein. Vor allem der Sozialismus verschrieb sich dem Internationalismus. Zwischen den beiden Weltkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts gewann diese Idee mit der Gründung des Völkerbundes und dann, nach 1945, mit der Uno eine institutionelle und globale Basis.

Positive Aspekte
Der «normale» Nationalismus hatte und hat noch heute auch viele positive Aspekte. Die Entstehung der Willensnation Schweiz zeigt dies auf eindrückliche Weise. Die Bildung von Nationen hat im 19. Jahrhundert den Gesellschaften enormen Auftrieb in allen Bereichen verliehen - besonders wirtschaftlich und kulturell. Vor allem hat der Nationalstaat seinen Bewohnern ein Gefühl der Geborgenheit, der Identität, der Heimat vermittelt. Die Menschen wussten, wohin sie gehörten, wo ihre Wurzeln waren. Heute schimmern solche Gefühle allenfalls noch beim Sport durch.

Undifferenzierter Internationalismus
Angesichts der negativen Entwicklungen werden diese Errungenschaften heute missachtet. Mehr und mehr hat ein undifferenzierter Internationalismus an Boden gewonnen, auch wenn er in der Gegenwart ohne die Grossmacht USA oft gar nicht lebensfähig wäre. Dies obwohl die USA selber ein Staat mit starker nationalistischer Ideologie sind. Aber in ihrer Welt- und Aussenpolitik ist ihre Strategie - mit EU und Nato im Schlepptau - darauf ausgerichtet, die nationalen Werte repressiv zu behandeln. Ihr Axiom: Es dürfen keine neuen Nationen entstehen, das Bestreben muss vielmehr dahin gehen, übernationale
Verbände zu erhalten oder neu zu schaffen. Alle nationalen und erst recht nationalistischen Prinzipien sind des Teufels.

Beispiel Balkan
Bestes Beispiel für diese Strategie ist die Balkanpolitik. Da gibt es eine serbische Provinz namens Kosovo. Obwohl dieses Territorium historisch, ethnisch, sprachlich oder kulturell mit Serbien wenig bis nichts am Hut hat, wird mit allen Mitteln versucht, den unbändigen Drang der Kosovaren nach
nationaler Selbständigkeit zu unterbinden. Dabei ist doch ganz klar, dass nach allen kriegerischen und anderen gewalttätigen Auseinandersetzungen in und um diese Provinz ein Verbleib Kosovos im serbischen Staatsverband nach menschlicher Vernunft ein Ding der Unmöglichkeit ist. Dabei könnte Kosovo als Kleinstaat eine bessere Zukunft in Aussicht gestellt werden. Fast überall, wo Kleinstaaten existieren, zeigt es sich, dass diese sich besser behaupten können als grössere oder grosse Staaten. Unser eigenes Land, die Schweiz, ist dafür wohl das beste Beispiel; aber auch Slowenien oder die baltischen Staaten falsifizieren diese Hypothese nicht.

Realitätsfremde Polit-Gebilde
Ähnlich der Fall Bosnien-Herzegowina: Ein Staat, den eine Mehrheit der Bevölkerung gar nicht will. Aber die internationalen Instanzen wollen ihn partout. Dabei werden Hürden aufgestellt, die in der jetzigen Phase der Geschichte gar nicht erfüllbar sind, etwa die Einhaltung demokratischer Standards, die Respektierung und Tolerierung der Menschenrechte, von Minderheiten und von Multikulturalität - alles ganz nach westlichen Mustern. Man gebe doch diesen Ländern ihre Unabhängigkeit. Das würde zwar eine Entflechtung der verschiedenen Gruppen bewirken, die allerdings keineswegs auf brutale und menschenverachtende Weise nach Vorbild des Sozialismus à la Milosevic erfolgen muss, sondern kontrolliert und gewaltlos. Dies würde die politische Entwicklung im Balkan mutmasslich wohl positiver beeinflussen als der Versuch, diese Gebiete mit geradezu kolonialistischen Mitteln demokratisieren und zivilisieren zu wollen. Denn solche Zielvorgaben sind derzeit zu hoch.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der von der in Berlin, Brüssel und Pristina domizilierten Expertengruppe «European Stability Initiative» veröffentlichte Bericht «The Lausanne Principle: Multiethnicity, Territory and the Future of Kosovo's Serbs» (vgl. NZZ vom 10.8.04, S. 3). Darin wird
gefordert, dass - ähnlich wie 1923 zwischen der Türkei und Griechenland - ein Bevölkerungstransfer festzulegen sei: «Auf diese Weise sollte die bis dahin in gemischten Siedlungsgebieten lebende orthodoxe und muslimische Bevölkerung nach territorialen Prinzipien entflochten werden.» Die Schlussfolgerung des Berichts: Dieses Vorgehen dürfe offenbar achtzig Jahre nach dem Frieden von Lausanne, der als Folge der Entflechtung verfeindeter Bevölkerungsgruppen das Verhältnis zwischen Griechenland und der Türkei Schritt für Schritt beruhigt hat, an einem anderen Ende des seinerzeitigen Osmanischen Reiches nicht zur Anwendung gelangen, «da es sowohl die Realitäten der bestehenden ethnischen Durchmischung verkenne wie auch im Kontext europäischer Integrationsbemühungen einen Anachronismus darstellt».

Mit anderen Worten: Infolge internationalistischer Scheuklappen dürfen gewisse Teile des Balkans keine Nationen werden. Damit wird im Balkan kein Frieden erreicht!



Dr. Paul Ehinger