Nr. 19, 17. August 2001

Mit Verleumdungen konstruierter Rechtsextremismus-Vorwurf
So lügt der "Blick"
Von Thomas Meier, Zürich

Die Boulevard-Zeitung «Blick» hat den tragischen Selbstmord eines 19jährigen Lehrlings dazu missbraucht, das traurige Ereignis wider besseres Wissen in einen Zusammenhang mit der rechtsradikalen Szene zu bringen. Um die als Titel-Story aufgemotzten Lügen glaubwürdiger zu machen, haben «Blick»-Journalisten sogar Internet-Einträge gefälscht.

Am Anfang stand eine Vermisstmeldung: In der Nacht vom 6. auf den 7. Juli verliess der 19-jährige Lehrling Sascha Kübler das Haus im solothurnischen Breitenbach mit unbekanntem Ziel. Mit sich nahm er sein Sturmgewehr 90. Seither ward er nicht mehr gesehen. Alles deutete darauf hin, dass sich der Jugendliche ein Leid antun wollte. Die Suche durch Angehörige und Polizei blieb ergebnislos. Vier Tage später verbreitete die Kantonspolizei Solothurn eine Vermisstmeldung und bat die Öffentlichkeit um Mithilfe.

Brisante Schlagzeilen
Eine überraschende Wendung nahm der Fall am Montag, 16. Juli. An diesem Tag verbreitete der «Blick» auf der Titelseite unter der in riesigen Buchstaben gesetzten Schlagzeile «Wurde ihm Neonazi-Szene zum Verhängnis?» die Nachricht, dass das Verschwinden des Lehrlings möglicherweise in einem Zusammenhang mit der rechtsradikalen Szene stehe. Zur Unterstreichung dieser Vermutung verwies der Autor Alexander Sautter auf Einträge im Forum einer angeblich «braunen Internetseite», in denen der Verschwundene erwähnt wurde. «Sascha Kübler sympathisiert mit der rechtsextremen Szene», folgerte die Zeitung.

Die Enthüllungen des «Blick» schlugen ein wie eine Bombe. Noch am gleichen Tag liess die Solothur- ner Polizei auf Anfragen von Medien verlauten, dass sie ihre Ermittlungen auf die rechtsextreme Szene ausdehne, um abzuklären, welche Kontakte der Lehrling zu Neonazis hatte. Am nächsten Tag verkün- dete der «Blick» mit sichtlichem Stolz: «Aufgrund der 'Blick'-Recherchen dehnt jetzt die Polizei die Ermittlungen auch auf die rechtsextreme Szene aus.» Für «Kenner der Szene», so die Zeitung, spreche «vieles dafür», dass der vermisste Lehrling «ein Mitläufer der rechtsextremen Szene» gewesen sei. Die Autoren, Leo Ferraro und Adrian Jäggi behaupteten auch in diesem Bericht, es weise «klar in Richtung Rechtsextremismus (...), dass der Name des jungen Mannes im Forum einer braunen Internetseite auftaucht». Am 18. Juli schliesslich wurde die Leiche des Vermissten unweit seines Hauses im hohen Gras einer Wiese gefunden. Neben dem Toten lag sein Sturmgewehr. Die Polizei vermeldete nüchtern: «Die Fundsituation deutet auf einen Suizid hin.»

Alles Lügen
Die umfangreichen Ermittlungen, welche die Solothurner Kantonspolizei und der zuständige Untersu- chungsrichter aufgrund der Berichte des «Blick» anstrengten, führten zum Ergebnis, dass die Behaup- tungen der Boulevard-Zeitung erstunken und erlogen waren. In einem Medien-Communiqué vom 2. August hielt die Polizei fest, dass die im «Blick» erwähnte Homepage «keinen rassendiskriminierenden Inhalt aufwies» und dass der Verfasser und Eigentümer der Internetseite «keine Beziehungen zur rech- ten Szene» habe. Damit nicht genug. Die Strafuntersuchungs-Behörden förderten noch gröbere Verfeh- lungen der Journalisten an den Tag: Die beiden Einträge im Diskussionsforum der angeblich «braunen Internetseite» waren gefälscht; der «Blick»-Reporter Alexander Sautter und ein Redaktions- kollege W. hatten die Nazi-Sätze selber verfasst und mittels PC ins Internet eingespeist.

Sündenbock entlassen
Die für die Zeitung überaus peinlichen Ergebnisse der Strafuntersuchung veranlassten «Blick»-Chef- redaktor Jürg Lehmann zu sofortigem Handeln. Obwohl an den Manipulationen mindestens vier Jour- nalisten, sei es als Verfasser der Lügen-Berichte oder als Fälscher von Homepage-Einträgen, beteiligt waren, konzentrierte man sich auf einen einzelnen Sündenbock; noch am gleichen Tag, an dem er von der Polizei einvernommen wurde, musste der Journalist W., einer der Internet-Fälscher, seine Kündi- gung unterschreiben. Der Chefredaktor orientierte in der Folge die Mitarbeiter der «Blick»-Redaktion in einem internen E-Mail über die Kündigung und teilte darin unter anderem mit: «W. hat mit seiner Aktion die Integrität und Glaubwürdigkeit des Blicks grob verletzt. Er hat uns Schaden verursacht. W. hat seine gravierende Fehlleistung eingesehen und darum das Arbeitsverhältnis per sofort aufgelöst.» In dieser Mitteilung fand sich auch die Erklärung, weshalb nur einer der beiden Internet-Fälscher seine Stelle fristlos verlassen musste: Chefredaktor Lehmann gestand im internen E-Mail ein, dass er über den manipulierten Eintrag von Alexander Sautter orientiert war.

Thomas Meier