Nr. 19, 25. August 2000
Unaufhaltsame Spanisch-Invasion
Die USA werden zweisprachig
Von Richard Anderegg, Washington
Das Ausmass des Zuzugs von Menschen aus dem spanischsprachigen südamerikanischen Kulturraum in den Norden des Kontinents bedeutet auch für das klassische Einwanderungs- land USA eine Herausforderung. Die Auswirkungen dieser Immigration auf die amerikanische Gesellschaft und Kultur sind unübersehbar.
«Montezuma's Revenge», Montezumas Rache, nennen Touristen den Durchfall, der so vielen von ihnen ihre mexikanischen Ferien verdirbt. Die Redewendung nimmt ironisch Bezug auf die amerikanische Geschichte: Bekanntlich haben die Yankees den Ur-Amerikanern ganz Texas, New Mexiko und das südliche Kalifornien abgerungen. Deshalb sinnt der alte Gott Mexikos auf Rache, und er rächt sich regelmässig an den amerikanischen Touristen. Die Rache Montezumas scheint sich in den letzten Jahren zu einem eigentlichen Eroberungsfeldzug entwickelt zu haben, der mittlerweile bereits weit über die verlorenen Gebiete hinaus reicht. Dieser Feldzug ist ethnischer und kultureller Natur: 18 Prozent aller in den USA geborenen Babies haben «hispanische», spanisch sprechende Mütter, und zwei Drittel dieser Mütter sind Mexikanerinnen. Die letzten vollständigen Zahlen betreffen das Jahr 1995.
Geburtenboom
Im Jahr 1989
wurden in den Vereinigten Staaten 532'249 Kinder hispanischer Mütter geboren.
Das waren 14 Prozent aller Geburten in den USA. Sechs Jahre später, 1995,
waren es bereits 679'768 bzw. 18 Prozent der Geburten. Darunter hatte es Kubaner,
Puertoricaner, andere Zentralamerikaner, beson- ders Salvadoraner, auch Südamerikaner
und Spanier. Diese Nationalitäten machten rund ein Drittel der hispanisch-kulturellen
Geburten aus. Der Hauptanteil jedoch, nämlich 70 Prozent, fällt auf Nachkommen
mexikanischer Herkunft, wobei es sich bei den Müttern sowohl um legale wie
auch illegale Einwan- derinnen handelt. Diese hispanischen Babies werden dereinst
einmal einen wesentlichen Teil der «Standardamerikaner» ausmachen.
Hochrechnungen besagen, dass im Jahr 2000 die hispanischen Nachkommen rund 20 % aller neuge- borenen Amerikaner ausmachen werden. Olé! Apropos «Standardamerikaner»: Vor knapp drei Jahren sagte Präsident Clinton in einer Rede, die USA müssten sich bewusst sein, dass sie in der Mitte des jetzt angebrochenen Jahrhunderts nicht mehr ein mehrheitlich weisses Land sein werden. Bei den Nichtweissen denkt man zuerst an die Schwarzen. Ihr Bevölkerungsanteil beträgt aber nur 13 Prozent. Und der Zuwachs ist gering. Zwar sind sie meist deutlich sichtbar. Spricht man jedoch mit ihnen, so sind sie in Sprache und Gehabe völlig amerikanisch. Sie haben die heutige amerikanische Kultur mit ihrer Musik und Kunst wesentlich mitgeschaffen. Einen Zuwachs verzeichnet die Einwanderung aus dem asiatischen Kulturraum. Besonders im Westen ist sie mittlerweile spürbar. Dominierend ist indes das Wachstum der hispanischen Ethnie.
Zweite
Amtssprache
Es findet eine
eigentliche Völkerwanderung aus der Dritten Welt in die Welt der Reichen statt.
Die Immigranten sind in ihrer Erscheinung alles andere als einheitlich. Sie
gehen von Weiss zu Braun und Schwarz, von kaukasischen über indianische
bis zu asiatischen Zügen und bilden keine Einheit, weder sozial, historisch
noch politisch und kaum kulturell. Die Masseneinwanderung von Menschen insbe-
sondere hispanischer Herkunft hat in den USA zur Etablierung eines «Gebrauchsspanisch»
geführt. Werbung, Gebrauchsanweisungen, die öffentlichen, amtlichen Mitteilungen,
die jede Autorität in den USA machen muss, will sie überhaupt verstanden
werden.
Bankautomaten, Hinweisschilder in Verkehrsmitteln und Flugzeugen sind zunehmend nicht nur in englisch, sondern auch auf spanisch abgefasst. Es gibt mehr und mehr spanisch sprechende Medien. Während sich Einzelstaaten mit Gesetzen über Englisch als Amtssprache schwertun, ist Amerika wider Willen daran, zweisprachig zu werden. Der Wandel ist auch atmosphärischer Natur. Es gibt Spanisch am Arbeitsplatz, Spanisch als «Sound» im Supermarkt, im Taxi, auf der Strasse. Einfache Unterhaltsarbeiten in der südlichen Hälfte der USA und in Grossstädten werden in der Regel von spanisch sprechenden Arbeitern verrichtet, meist begleitet von einem Lehrling, der kein Englisch versteht. In Gaststätten ist Servierpersonal hispanisch, und mehr und mehr Menüs ebenfalls, mit Mex- Tex-Dominanz. Montezumas Vormarsch ist unaufhaltsam.
Richard Anderegg