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Die ehemalige Grossmacht
Russland verliert an Einfluss
Zerfällt das Imperium?
Von Hans Graf Huyn
Mit Putin hat Jelzin
seinen sechsten Ministerpräsidenten ernannt, den fünften in
sieb-
zehn Monaten. Während russische Nationalisten in dem Truppenvorstoss
ins Kosovo
einen imperialistischen Sieg der Moskauer Politik, ja sogar einen entscheidenden
Schritt zur «Westerweiterung» Russlands sehen, war die Aktion
in Wirklichkeit eine
russische Niederlage, denn Moskau hat weder eine eigene Zone noch einen
eigenen
Oberbefehl erhalten. Statt russischer «Westerweiterung» zeichnet
sich im Gegenteil
eine neue grosse Krise im Kaukasus und ein Zerbröckeln des russischen
Imperiums ab.
Stepaschin tanzte
nicht einmal einen Sommer. Nach nur 86 Tagen wurde er in die Wüste
ge-
schickt. Es bestätigt sich, was in diesen Kommentaren seit Jahr und
Tag immer wieder hervor-
gehoben wurde: Der KGB ist der eigentliche Herrscher Russlands. Nach Primakow
und Stepa-
schin ist Putin der dritte KGB-Mann in Folge Regierungschef. Auf die Frage,
was Jelzin veran-
lasst habe, Stepaschin durch den durchaus gleichartigen Putin zu ersetzen,
antwortete Jelzins
früherer Vize-Ministerpräsident Nemzow: «Es ist schwierig,
Wahnsinn zu erklären.»
Seit 1975 gehört
Putin der für ihre Massenmorde und Folterungen berüchtigten
KGB-Organisa-
tion an. Jahrelang war er KGB-Agent in Dresden, und bis zu seiner jetzigen
Ernennung Chef
des russischen Inlandsgeheimdienstes, der Nachfolgeorganisation des KGB.
Seine Hauptauf-
gabe ist offensichtlich, Jelzin und die «Familie» gegen Korruptionsermittlungen
zu schützen.
Als Nachfolgekandidat für Jelzin findet Putin keinerlei Widerhall
in der Bevölkerung. Für diese -
so die Neue Zürcher Zeitung - «sind die Dekrete aus dem Kreml
nur noch Belege für den Starr-
sinn eines greisen Mannes». Putin ist - so die Frankfurter Allgemeine
Zeitung - «ein Mann oh-
ne Gesicht, ohne Charisma, ohne Ausstrahlung». Er fordert einen
«einheitlichen Mechanismus
der staatlichen Verwaltung» und die «Wiedergeburt und Stärkung
der Verteidigungsmacht des
Staates». Mit der Zusammenarbeit von Primakow mit dem Moskauer Bürgermeister
Luschkow
entsteht eine für Jelzin und seinen Wunschkandidaten gefährliche
Herausforderung.
Russischer Imperialismus
Sowohl im Kosovo wie
im Kaukasus und in Zentralasien scheint Putin eine ebenso imperialisti-
sche Linie wie Jelzin einzuschlagen. Ein russischer Instruktor, der im
Kosovo auf serbischer
Seite russische Freiwillige befehligte, antwortete auf die Frage eines
Journalisten, wofür seine
Landsleute dort eigentlich kämpften: «Sie verteidigen dort
natürlich in erster Linie Russland
und dann erst Serbien. Wir werden bald fronterfahrene Offiziere brauchen...
Im Grunde genom-
men ist das, was in Serbien geschieht, der Beginn des Dritten Weltkrieges.»
Ermittler des In-
ternationalen Strafgerichtshofs sind auf Beweise gestossen, dass russische
«Freiwillige» be-
ziehungsweise Söldner an Massakern im Kosovo beteiligt waren. Daher
der verständliche alba-
nische Widerstand gegen russische Truppen.
Wladimir Schirinowski
erklärte zu Serbien: «Wir haben eine gemeinsame Sprache, eine
ge-
meinsame Kultur, ein gemeinsames Alphabet und eine gemeinsame Religion.
Wenn alles gut
geht, werden wir bald auch eine gemeinsame Grenze haben: von Kamtschatka
bis an die Adria.
Die Slowakei, eine prorussische Republik, wartet nur darauf, sich uns
anzuschliessen. Bulga-
rien, eingeklemmt zwischen Russland und Serbien und von türkischer
Eroberung bedroht, wird
sich uns ebenfalls zuwenden. Zypern auch und Griechenland sowie noch einige
asiatische Län-
der. Statt einer Erweiterung der Nato nach Osten wird Russland sich westwärts
ausdehnen.
Und das ist unsere historische Chance!»
Die russische Einmischung
im Kosovo war für Jelzin eine Niederlage, und auf dem Kölner
G-7-
Gipfel hat er nichts erreicht. Zurück in Moskau, sah er sich dem
wachsenden innenpolitischen
Chaos gegenüber. «Chaos und Willkür», so meinte
kürzlich der russische Schachweltmeister
Kasparow, bestimmen die Entwicklung in Russland. Keine der für die
Entwicklung einer Markt-
wirtschaft notwendigen Reformen sei in Russland umgesetzt worden. Die
von Jelzin inszenierte
Privatisierung der staatlichen Betriebe sei ein grosser Betrug, weil die
Filetstücke an Mitglieder
der alten und damit auch der neuen Nomenklatura verhökert worden
seien. Darüber hinaus gebe
es keinerlei Rechtssicherheit in Russland, so dass sich ausländische
Investoren davor hüten
würden, Geld in Russland anzulegen. Auch von der Präsidentschaftswahl
im nächsten Jahr sei
keinerlei Wende zum besseren zu erwarten.
Kollaps des Zentrums
Der seit Jahren zu
beobachtende Erosionsprozess der Macht schreitet immer deutlicher fort
und nimmt mehr und mehr gefährliche Formen an: gefährlich nicht
zuletzt deswegen, weil in
Russland vergleichbare Entwicklungen in der Folge stets zu Diktatur und
Tyrannei geführt ha-
ben. In einer Analyse des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft
für Auswärtige Po-
litik heisst es: «Für die Zerfallserscheinungen gibt es in
der russischen Geschichte Parallelen.
Am Ende dieser Entwicklung stand immer die Einführung eines totalitären
Regimes, welches
mit Gewalt den Zentralstaat wiederherstellte... Immer mehr Regionen haben
aufgehört, Steuern
an das Zentrum abzuführen. Gleichzeitig haben einige Regionen, wie
Sacha und Kernerowo,
eigene Goldreserven angelegt und die Schaffung eigener Zentralbanken angekündigt...
Der vom
Kollaps des Zentrums ausgehende Zwang, die Autonomie der Regionen zu erhöhen,
hat zu ei-
ner Art Nebenaussenpolitik der Provinzen geführt.»
Unter der Überschrift
«Moskauer Machtvakuum» berichtet die Frankfurter Allgemeine
Zeitung:
«Auf die Frage, ob die russische Führung die Situation im Nordkaukasus
noch kontrolliere, ant-
wortete unlängst ein russischer Minister, es sei nicht einmal sicher,
ob die russische Staats-
macht die Lage in Moskau unter Kontrolle habe... Russland bricht nicht
auseinander, es ero-
diert von innen. Äusserlich hält es zusammen, aber für
den inneren Zusammenhalt fehlen die
Mittel, der Wille und die Idee. Russland bestehe fort, dem Anschein nach
ein Staat, tatsäch-
lich aber ein Konglomerat von Provinzen und Regionen.» Der amerikanische
Aussenpolitiker
Zbigniew Brzezinski hat kürzlich dargelegt, dass ein möglicher
Zerfall Russlands der zu neuen
geopolitischen Konstellationen in Eurasien führen könnte, für
die europäische Sicherheitsarchi-
tektur des 21. Jahrhunderts eine grosse Herausforderung darstelle.
Loslösung
von Regionen
Dr. Alexander Kokejew
vom Institut für internationale Beziehungen der Russischen Akademie
der Wissenschaften erklärt, das gesamte Land werde durch eine fortschreitende
Loslösung
der Regionen von Moskau geprägt. So hat etwa Tatarstan ein eigenes
Staatsangehörigkeits-
gesetz erlassen, das eine tatarische Staatsangehörigkeit zulässt,
ohne zugleich eine russi-
sche zu haben. Nischnij Nowgorod - entgegen einem Urteil des Verfassungsgerichts
- verfügt,
dass Betriebe erst Gehälter zahlen müssen, ehe sie Steuern entrichten.
Gouverneure verschie-
dener Provinzen haben die Kontrolle von Banken, Industriebetrieben und
Medien übernommen.
Jakutien hat sichgeweigert, von seinen Goldvorräten etwas nach Moskau
abzuführen. In Sara-
tow hat man die Einführung einer eigenen Währung geprüft.
In Krasnojarsk hat General Lebed
damit gedroht, die in seiner Provinz stationierten Truppen seiner Provinz
zu unterstellen. In
Swerdlowsk macht sich Gouverneur Rossel zum Sprecher der Uralregion gegenüber
der Mos-
kauer Zentrale.
Hans Graf Huyn
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zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr. 18 vom 17. September 1999**
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