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Statistisch gesehen
ist alles nur halb so schlimm
Uns tröstet der Durchschnitt
Leider - mit diesem
Wort beginnt fast alles, was in unserem Land geschieht - ist kaum
noch etwas zum besten bestellt. Die Wirtschaft stottert, das Land ist
übervölkert, die
Kriminalität schlimmer als weiland drüben in Chicago zu Zeiten
des Al Capone..., die
Staatsverschuldung hoch, und von der Expo oder vom Bellasi wollen wir
schon gar
nicht reden. Es wäre zum Heulen, gäbe es nicht den grossen Tröster
Durchschnitt.
Was immer uns an Unbill
widerfährt, im Durchschnitt ist alles bloss halb so schlimm. Das
ha-
ben die Behörden von Bund, Kantonen und Gemeinden gemerkt. Die Schlaumeier
beruhigen
uns ununterbrochen nach dem bewährten Durchschnittsprinzip: Äpfel
plus Birnen dividiert
durch Zwetschgen gibt Aprikosen. In der Praxis sieht das so aus: Die heutige
Staatsverschul-
dung von durchschnittlich 30'000 Franken pro Einwohner ist beispielsweise
um so weniger be-
denklich, als dass man jeden Monat ein paar tausend Asylanten ins Land
einreisen lässt. Da-
mit sinkt die durchschnittliche Pro-Kopf-Verschuldung ununterbrochen.
Oder nehmen wir die
Übervölkerung der Schweiz. Aber was heisst da schon Übervölkerung?
Dummes Zeug - genau das Gegenteil ist der Fall: Die Statistiker haben
bekanntgegeben, die
Schweiz sei - o haltet Euch fest - «dünn besiedelt».
Pro Quadratkilometer leben hierzulande
im Durchschnitt nur 163 Personen, während es in Italien 191 und in
Deutschland sogar 250
Personen sind. Wer hätte das gedacht? Der Witz ist bloss, dass man
bei dieser Berechnung
die Felswände und Gletscher unserer Berge als quasi horizontales
Gebiet mitberechnet hat.
Vermutlich wäre sogar die Eigernordwand geeignet zur Überbauung
mit Häuserblöcken.
Und erst die Kriminalität:
Sie ist durchschnittlich überhaupt kein Problem. Zwar habe ich kürz-
lich auf einer einzigen Zeitungsseite folgende Überschriften gelesen:
«Brutaler Überfall», «Taxi-
fahrer verprügelt», «Einbruch in Restaurant», «Auf
WC überfallen» und «Postcard-Code er-
presst». Aber auf der gleichen Zeitungsseite hatte es immerhin noch
Platz für fünf normale
Meldungen, was doch beweist, dass genau fünfzig Prozent unseres täglichen
Daseins (noch)
nicht kriminell gefährdet sind - also auch auf diesem Gebiet ein
ganz passabler Durchschnitt.
Die ewigen Meckerer,
welche behaupten, es stehe mit der Wirtschaft alles andere als gut, weil
immer mehr Firmen engere Freundschaft schliessen mit den Betreibungsämtern,
sollten eben
einmal das Wort «Konkurs» sprachlich richtig einordnen. Nimmt
man nämlich die durchschnitt-
liche Zahl aller in der Schweiz angebotenen Kurse wie zum Beispiel Malkurse,
Sprachkurse,
Turnkurse, Musikkurse, Computerkurse, Tanzkurse und so weiter, dann gibt
es im Vergleich
dazu sehr wenig Konkurse...
Überhaupt fehlt
es uns gar nicht an Geld. Ich bin kürzlich im Traum neben einem mir
bekann-
ten Millionär gesessen. Im Durchschnitt hatte jeder von uns ein Vermögen
von fünfhunderttau-
send Franken. Aber es soll mich deswegen jetzt niemand anpumpen, denn
der Kerl ist zwei
Tramstationen vor mir ausgestiegen, so dass ich durchschnittlich wieder
knochenstier war.
Im Durchschnitt genommen
sind wir alle fröhliche Menschen. Sogar wenn wir hin und wieder
wegen der Aussenpolitik des Bundes vor Wut einen heissen Kopf bekommen.
Zum Glück hilft
uns bekanntlich auch dann wieder der Durchschnitt: Man taucht den Kopf
einfach in eiskaltes
Wasser. Aber nicht vergessen, die Füsse gleichzeitig in einen Kübel
mit kochend heissem
Wasser zu stellen. Dann ist die Körpertemperatur sofort «durchschnittlich
normal»...
Ernst Tschanz
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zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr. 18 vom 17. September 1999**
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