Nr. 18, 27. Juni 2008

Erziehung – ein schwieriges Kapitel
Von Silvia Blocher, Herrliberg

Vortrag, gehalten am Worbig-Frühschoppen am 15. Juni 2008 in Flaach

Zur Erziehung gibt es nicht nur unzählige verschiedene Meinungen. Da glaubt auch jeder, selbst Fachfrau, selbst Fachmann zu sein, was ja eigentlich auch stimmt.

Jeder hat eine Erziehung hinter sich, oder sollte es wenigstens haben. Und viele haben schon selbst Kinder erzogen.

Braucht es überhaupt Erziehung?

Zur Beantwortung dieser Frage habe ich versucht, mir vorzustellen, wie das in der Steinzeit war. Die Menschen lebten in Höhlen, ihr Lebenszweck war einfach: Überleben zu jedem Preis. Jeder hatte sich dem unterzuordnen, auch die Kinder. Und was das heisst, das mussten die Kinder schon früh lernen. Darum war schon damals Erziehung notwendig. Da lauerten ja jede Menge Gefahren, welche das Überleben bedrohten:

Nässe und Kälte, wilde Tiere und giftige Pflanzen, Fallen für Tiere, Feuer in der Kochstelle, Hunger und Durst, aber auch Streit mit den Nachbarn. All diese Bedrohungen galt es zu umgehen. Es gab also Regeln, wie man sich anziehen solle. Das Kind durfte nicht unbeaufsichtigt nach draussen gehen, sicher nicht auf unbekannten Pfaden oder in unbekannte Gegenden. Es musste zuhause sein, wenn es dunkel wurde. Es durfte sich nicht mit Unbekannten einlassen und es musste sich gegenüber seinen Mitmenschen anständig benehmen, damit es keine unnötigen Auseinandersetzungen gab.

Das tönt ja alles sehr vertraut. Schauen wir es der Reihe nach an: Regeln zum Anziehen: Bei kleinen Kindern gilt es noch heute, das Kind vor Nässe und Kälte zu schützen. Bei Teenagern genügt das leider nicht mehr. Die Eltern sind gefordert, die Gefahren für ihre Kinder abzuschätzen, die ihnen z.B. durch besonders freizügige Kleidung drohen. Die Eltern müssen die Jugendlichen auf mögliche negative Folgen aufmerksam machen und notfalls zu deren Schutz Verbote durchsetzen.

Dann sind da die Fallen und die wilden Tieren: Die treffen wir heute kaum mehr an. Viele der heutigen Gefahren haben zwei Beine, sind motorisiert, haben Geld und Drogen, oder kommen in Gangs daher. Aber gefährlich können sie auch werden. Da gilt es, heute wie damals, die Gefahren abzuschätzen, Regeln aufzustellen, wachsam zu sein und im richtigen Moment einzugreifen.

Die giftigen Pflanzen sind heute Alkohol, Drogen, aber auch ungesunde Ernährung. Vielleicht auch ganz allgemein eine ungesunde Lebensweise. Auch dazu gilt es aufzuklären, Regeln und Verbote aufzustellen und durchzusetzen.

Der richtige Umgang mit den Nachbarn und den Mitmenschen ist heute wichtig wie damals. Früher lebten die Leute nahe aufeinander in Höhlen, heute in Wohnblöcken. An Sportveranstaltungen, in öffentlichen Verkehrsmitteln kommen sie sich oft nur allzu nahe.

Kinder in der Gesellschaft

Bei den Steinzeit-Menschen war es vordringliches Anliegen, Hunger und Durst zu stillen. Dafür wurden alle Kräfte gebraucht. Jeder musste mithelfen nach Massgabe seiner Kräfte, auch die Kinder. Schon bald konnten sie kleine Handreichungen verrichten, Körner sortieren, Beeren und Pilze sammeln, fischen, später Tiere ausnehmen, Werkzeuge feilen und so weiter. Je nach Begabung wurden sie gefördert. Der mit den geschickten Fingern durfte Netze knüpfen, der Mutige mit auf die Jagd. Der Fürsorgliche durfte bei der Pflege von Kranken helfen. Kinder halfen, das tägliche Leben zu meistern, wuchsen dabei gleichzeitig in nötige Verrichtungen hinein und konnten sich Kenntnisse fürs spätere Leben erwerben!

Kinder waren eine Hilfe und hatten so einen Wert und eine Stellung in der Gesellschaft. Sie mussten nicht durch Ungezogenheit, durch unangemessenes Verhalten auffallen und auf sich aufmerksam machen, sie wurden wahrgenommen als wertvolle Stützen der Familie und der Gesellschaft.

Es geht dabei nicht um ausbeuterische Kinderarbeit, die die Kinder überfordert, sondern um die sinnvolle Eingliederung der Kinder und Jugendlichen in die menschliche Gesellschaft. Bei uns sind solche Handreichungen ja selten geworden. Unsere Enkel helfen beim Kochen, Backen und vor allem beim Grillieren. Sie beteiligen sich am Tischen und die Jüngsten putzen alles Mögliche und Unmögliche mit dem Abwaschbeseli oder mit der Serviette. Die Kinder für Handreichungen nachzuziehen, bedeutet heute häufig nur noch Mehrarbeit und Geduld, wirklich benötigt werden diese Hilfen kaum mehr. Wertvoll sind sie trotzdem, weil sie die Kinder ins Erwachsenenleben einbeziehen.

Sie werden danken: Nun leben wir aber nicht mehr in der Steinzeit. Unser Leben ist einiges komplizierter geworden. Das habe ich zuerst selber auch gedacht.

Was heisst «Erziehung»?

Erziehung heisst aber in erster Linie Übermitteln und Durchsetzen von Regeln, die das Überleben, das Leben in der Gemeinschaft erleichtern. Und dieser Grundsatz gilt heute wie damals.

Erziehung ist nicht immer einfach. Manchmal hilft es tatsächlich, wenn Sie sich in konkreten Fällen – bevor sie Regeln aufstellen – fragen, ob es dabei im weitesten Sinn ums Überleben geht. Gerade bei Pubertierenden braucht es oft sehr viel Kraft und Energie, um Regeln durchzusetzen. Da lohnt es sich, sich vorher genau zu überlegen, was Sie verlangen wollen. Wenn Sie dann aber etwas angeordnet haben, dann müssen Sie es durchsetzen, um der eigenen Glaubwürdigkeit willen.

Und falls eine Strafe nötig werden sollte, dann sollte sie möglichst als logische Folge aus dem Fehlverhalten resultieren. Also: Wer zu spät aus dem Ausgang heimkommt, hat noch nicht die nötige Reife und bleibt deshalb ein- bis zweimal zuhause. Bei Kleinkindern ist es ebenso: Tragen sie einem Gegenstand zu wenig Sorge, kann man ihn für einige Zeit wegnehmen und erklärt ihnen, dass man es später wieder versuchen wolle.

«Gutmenschen»-Theorien

Grundsätzlich ist sich die Erziehung in Ziel und Grundsätzen gleich geblieben. Trotzdem ist Erziehung in der heutigen Zeit schwieriger geworden. Vor allem, weil uns eingeredet wurde, Erziehung sei eigentlich gar nicht nötig. Man hat uns erschüttert im Glauben an die Erziehung. Kinder würden von selbst alles recht machen, war die verbreitete Meinung, weil sie «gut» seien.

Sie kennen diese Theorien vom Gutmenschentum von anderen Bereichen: All die weitverbreiteten Missbräuche bei der IV, bei der Arbeitslosenkasse, bei der Sozialhilfe, bei den Asylgesuchen konnten sich doch nur ausbreiten, weil es nach dieser Gutmenschen-Theorie nur gute, selbstlose Menschen gibt – vor allem, wenn sie mittellos sind. Die Menschen seien gut, heisst es. Nur ihre Lebensumstände seien schlecht. Arbeitslose, Sozialhilfe-Empfänger, Asylanten würden als gute Menschen nie Unwahrheiten erzählen, nie lügen und nie betrügen. Schliesslich seien sie immer zu Unrecht und ohne eigene Schuld arm, arbeitslos, unterstützungsbedürftig geworden. So will es die Gutmenschentheorie.

Weit hat man es in dieser Hinsicht auch in der Beurteilung von Kriminalfällen getrieben: Allzu häufig werden die Opfer zu den eigentlich Schuldigen, während man den Kriminellen Erbarmen entgegenbringt.

Nicht nur die «Gutmenschen»-Theorie hat unsere Erziehungsbereitschaft geschwächt. Die gleichen Kreise, die diese «Gutmenschen»-Theorie verkünden, greifen auch unsere Werte an. Unser Verantwortungsgefühl wird lächerlich gemacht, die Selbstverantwortung als unsozial hingestellt. Unsere Sitten und Gebräuche werden als altmodisch verlacht, unsere Religion und ihre Anschauungen als intolerant angeprangert. Denken Sie an unsere früher sprichwörtlichen Tugenden: Die Pünktlichkeit (im Ausland ging die Sage, man könne die Armbanduhr nach den schweizerischen Zügen richten). Denken Sie an Tugenden wie Zuverlässigkeit und Treue. Sie wurden als einfältig hingestellt. Rechtschaffenheit wurde zum Bünzlitum degradiert, Sauberkeit und Ordnung auf den Strassen und öffentlichen Plätzen verlacht. Ich kann mich erinnern, vor Jahren im damaligen «Nebelspalter» gelesen zu haben, die Schweiz werde im Ausland belächelt, weil die Strassen so sauber seien, dass man sie als Tisch zum Essen benutzen könne. Die Schweiz wurde als hinterwäldlerische Idylle verhöhnt. Multikulturell müsse man sein, die heile Welt habe ausgedient, Respektlosigkeit und Disziplinlosigkeit galten als originell. Gewaltbereitschaft und Vandalismus wurden zum berechtigten Aufstand gegen zuviel Ordnung und Restriktionen verklärt. Und Leistungsverweigerung sei das Recht der – wie es hiess – Armen und Ausgebeuteten.

Man hat es solange geschrieben und geschrieen, bis sich die Schweiz ihrer selbst schämte. Aber es geht noch weiter.

Muss die Mundart verschwinden?

Jetzt ist unsere Sprache dran. Unsere Mundart soll im Kindergarten nicht mehr gelten. Nach dem neuen HarmoS-Gesetz müssten unsere Kleinen bereits obligatorisch mit vier Jahren zur Schule und sich dort möglichst früh an das Hochdeutsche gewöhnen.

Weshalb? Danach fragt niemand. Man schwafelt von besseren Integrationsmöglichkeiten für Ausländerkinder. Ja, ist ein fremdsprachiges Kind besser und schneller integriert, wenn es im Kindergarten hochdeutsch sprechen muss? Wie spricht es in der Pause? Oder will man diese Regelung vielleicht deshalb, damit unsere eigenen Schweizer Kinder keinen «Heimvorteil» mehr haben? Oder sich besser in der EU zurechtfinden?

Und wir Erzieher lassen uns von all dem beeinflussen. Sanft wie Lämmer lassen wir es zu, dass solche Anordnungen über unsere Köpfe hinweg beschlossen werden. Wir lassen uns täuschen von wohltönenden Worten wie Harmonie, Toleranz, Chancengleichheit – und scheuen die Mühe, diese Schlagworte zu hinterfragen.

Schlagworte hinterfragen

Dabei geht es um unsere Kinder! Unsere Kinder brauchen nicht nur Werte, die wir ihnen weitergeben, sie brauchen auch eine Muttersprache, damit sie Wurzeln bilden können. In der Muttersprache sollen sie sich im täglichen Leben ausdrücken können. Sie müssen aber auch ihre Gefühle und Gedanken weitergeben können. Drum lernen sie Lieder und Gedichte im Kindergarten. Ich bin überzeugt, dass Menschen, die sich mit Worten ausdrücken können, die sich mit Worten auch zur Wehr setzen und ihre eigene Stellung behaupten können, dass solche Menschen weniger schnell gewalttätig werden. Aber diese Auseinandersetzungen, das Streiten mit Worten muss gelernt werden. Eltern müssen es vormachen.

Zwischenmenschliche Beziehungen durch die Sprache sind für eine funktionierende Gesellschaft unerlässlich, ebenso wie Höflichkeit, geordnete Umgangsformen – gepflegte Umgangsformen hiess es früher –, Verlässlichkeit, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft. Leider erleben wir heute die Folgen einer wertefreien Erziehung: Erlaubt ist alles, worauf man Lust hat. Rücksichtnahme und Verzicht sind Fremdwörter. Unangenehmes will und kann man nicht bewältigen. Man rebelliert, wird gewalttätig. Oder man resigniert und weicht in Alkohol oder Drogen aus.

Darum brauchen wir eine Erziehung

Lassen Sie mich zusammenfassen: Wir müssen uns in der Erziehung besinnen auf das, was uns wichtig ist: Wir wollen unsere Kinder so erziehen, dass es ihnen später als Erwachsene möglich ist, das Leben zu meistern. Dazu braucht es Achtung vor sich selber und dem eigenen Leben gegenüber, ein gesundes Selbstvertrauen, das begrenzt wird durch die Achtung vor dem Mitmenschen und vor der Umgebung. Es braucht Fähigkeiten, um das Leben zu meistern. Dazu gehören Handfertigkeiten, aber auch geistige Einstellungen: Der Leistungswille ist wichtig, Überzeugungen, für die man einstehen kann und will. Die Stärke, Schwierigkeiten zu überwinden und Unangenehmes und Trauriges zu tragen. Das Wissen um die eigene Begrenztheit. Und zu all dem soll die Erziehung führen, indem sie das Kind von Anfang an geduldig und mit viel Liebe innerhalb von klaren Grenzen leitet. Grenzen, die mit der Zeit weiter werden und der Selbstverantwortung Platz machen.

Richtige Erziehung gibt dem Kind die Gewißheit, die Sicherheit, dass es mit seinen Eigenarten in Liebe angenommen ist und gefördert wird. Kinder brauchen eine Erziehung, die ihnen Achtung und Liebe für ihre Mitmenschen und ihre Umwelt übermittelt. Eine Erziehung, die ihnen die Möglichkeit bietet, Wurzeln zu bilden, damit sie später als Stützen der Gesellschaft fest im Sturm stehen können. «Erziehung – ein schwieriges Kapitel» hiess es am Anfang. Ja und Nein. Haben Sie den Mut zur Erziehung, dann wird es einfach!

Silvia Blocher