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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 27. August 2004

Gerechte und selbstgerechte Bundesräte
Bundesrat im Wahrheits-Test

Wieder einmal herrscht demonstrative Empörung: Blocher - so lamentieren Medienschwätzer und Bundesräte - stehe nicht vorbehaltlos zum bundesrätlichen Schengen-Ja. Nur weil Blocher gesagt hat, das Kollegialprinzip könne keinen Bundesrat dazu verpflichten, dem Volk gegenüber Behauptungen (Schengen «bringe mehr Sicherheit», Schengen sei «die Lösung unserer Asylprobleme») zu verbreiten, die wahrheitswidrig seien. Was soll das Aufheulen in Redaktionen und Bundesratsbüros? Sind die
eigentlich demnächst bereit, das ganze Land zu verhökern, wenn sie dabei bloss Blocher «einbinden» können, diesen «Beschluss» dem Volk «im Namen der Landesregierung» unter allerlei geistigen Verrenkungen auch noch «verkaufen» zu müssen? Nur um ihn im gleichen Atemzug um so demonstrativer an den Pranger stellen zu können: Seht nur! Er, der einst «Stimme des Volkes»
spielte, verrät und belügt jetzt, kaum ist er Bundesrat, das Volk und «verkauft das ganze Land»! So erbärmlich plump glauben Berns Strippenzieher Blocher fangen und bodigen zu können ...?
Dabei stehen heute sämtliche sieben Bundesräte vor dem Wahrheits-Test.

Heute, im Vorfeld der Volksabstimmung vom 26. September 2004 über die erleichterte bzw. automatische Einbürgerung junger Ausländer: Wer eröffnet dem Stimmvolk endlich offen und ehrlich, dass Bern als «zweite Ausländergeneration» jeden ausländischen Jugendlichen erleichtert einbürgern will, sobald dieser hier nur gerade fünf Schuljahre absolviert hat? Und welcher Bundesrat gesteht dem
Volk endlich, dass als angeblich «dritte Ausländergeneration» jedes Ausländerkind bei Geburt automatisch eingebürgert werden soll, wenn auch nur ein Elternteil lediglich fünf Schuljahre in der Schweiz absolviert hat? Der andere Elternteil muss überhaupt nie in der Schweiz gelebt haben. Und
welcher Bundesrat sagt dem Volk die Wahrheit darüber, dass praktisch alle, denen mittels erleichterter und automatischer Einbürgerung der Schweizerpass nachgeworfen werden soll, zu Doppelbürgern werden? Oder redet, wo die allgemeine Wehrpflicht von ganz oben zur Disposition gestellt wird, noch
irgend jemand von Pflichten?

Statt über Blocher zu lamentieren, weil dieser sich weigert, Stimmbürger zu belügen, stehen alle andern Bundesräte - und mit ihnen zahllose gegen Blocher heulende Presseleute - vor dem Wahrheits-Test: Wer sagt dem Stimmvolk endlich ehrlich, was mit der gezielten Veränderung der Begriffe «zweite und dritte Ausländergeneration» bezweckt wird? Wer im Bundeshaus zu dieser Frage schweigt, macht sich der Manipulation der Stimmbürger schuldig.


Ulrich Schlüer


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