Nr. 18, 11. Juli 2003
Ein
Lehrstück in Sachen «politische Ehrlichkeit»
Die wundersame Wandlung des Rudolf S.
Von Nationalrat Christoph Mörgeli, Uerikon ZH
Vor zweieinhalb Wochen
fand einmal mehr ein Zischtigsclub unter Ausschluss
der Wirklichkeit statt. Thema: das Swiss-Debakel.
Teilnehmer: Alle, die
schon im Herbst 2001 geholfen hatten, ein paar
Milliarden zu vernichten. Wie es sich für einen regimetreuen Staatssender
gehört, wurden Andersdenkende von SF DRS nicht zugelassen. Kein Vertreter
der
SVP war geladen, obwohl diese Partei als einzige Regierungspartei gegen die
Geldverschwendung angekämpft hatte.
Alleskönner
Die Koalition der Gescheiterten blieb lieber unter sich. Zwar weiss
jedermann, dass hauptsächlich die Sozialdemokraten das desaströse
26/26-Modell durchgedrückt haben. Dennoch liess die Redaktion des
Zischtigsclubs nichts unversucht, um die SP nachträglich aufs Podest
der
Sieger und Rechthaber zu heben.
Der Berner Nationalrat Rudolf Strahm durfte die Rolle des kritischen Fragers
und Anklägers übernehmen. Strahm ist nicht nur Sozialdemokrat, sondern
auch
Ökonom. Eine Mischung, die besondere Gehirnakrobatik voraussetzt. Denn
entweder ist man ein tüchtiger Ökonom oder man ist ein tüchtiger
Sozi.
Beides zusammen geht schwerlich. Oder doch? Rudolf Strahm kann noch mehr.
Er ist Volksvertreter, Gewerkschafter, kritischer Bürger, Anwalt des
Steuerzahlers, Piloten-Freund, Dosé-Kritiker. Alles in einer Sendung.
Alles
in einer Person.
Glanzrolle
Seine Glanzrolle spielte der multiple Rudolf bei seinem Plädoyer für
die
geplünderten Steuerzahler. Dass sich ein Linker nur schon ansatzweise
in die
Gefühlswelt eines Steuerzahlers versetzt, ist beachtlich. Die
Staatsbeteiligung an der Swiss, so Strahm vorwurfsvoll, habe jeden
Steuerpflichtigen 800 Franken gekostet (da muss der Ökonom Strahm
mitgerechnet haben). Und jetzt wollen die noch Geld von der
Exportrisikogarantie! Da werde nur das Parlament umgangen (der
Staatsrechtler Strahm), und deshalb sei er (der Parlamentarier Strahm) auch
«hellhörig» geworden (Uriella Strahm). Und dieser Pilotenstreit
(der
Dosé-Kritiker Strahm) und überhaupt, diese paar Millionen für
die Piloten
(der grosszügige Strahm) seien nicht das Problem, aber alles geschehe
auf
dem Buckel der Lohnabhängigen (der Klassenkämpfer Strahm).
Geschichtsklitterer
Rudolf Strahm nahm es mit selbstbewusster Pose widerspruchslos hin, als ihn
die Zischtigsclub-Moderatorin als Gegner der Swiss-Staatsbeteiligung
einführte. Dummerweise hält das Parlamentsprotokoll fest, dass der
so
Gefeierte am entscheidenden 16. November 2001 im strammen Gleichschritt mit
seinen SP-Genossen Ja zum Eintreten auf die Swiss-Vorlage gestimmt hat.
Danach stellte er den Antrag, den Verwendungszweck der Staatsgelder für
die
Sozialpläne zu öffnen und so die Steuerzahler noch etwas mehr zu
schröpfen.
Bei der Schlussabstimmung enthielt sich der heldenhafte Rudolf Strahm der
Stimme. Aber diese Wahrheiten wollten die Geschichtsklitterer vom
Leutschenbach den Konzessionszahlern lieber nicht zumuten.
Christoph Mörgeli, Nationalrat