Nr. 18, 11. Juli 2003
Der
schweizerische Klassiker des 20. Jahrhunderts
Zum Geburtstag des Dichters Meinrad Inglin
Von Dr. Johann Ulrich Schlegel, Zürich
Wenn Gottfried Keller
in Germanistikkreisen gerne als
Jahrhundertschriftsteller des 19. Jahrhunderts bezeichnet wird, so kann
man Meinrad Inglin aus guten Gründen als Jahrhundertschriftsteller des
20. Jahrhunderts einstufen.
Inglin ist dabei mehr
als ein Epigone und Nachfahre Gottfried Kellers. «Man
fühlt sich an Gottfried Keller erinnert, aber das ist nun nicht Hinweis
auf
ein Vorbild, sondern meint den Rang und die Urverwandtschaft», schreibt
Karl
Schmid über seinen Landsmann und Zeitgenossen Meinrad Inglin. Wenn man
Inglins berühmtes Hauptwerk, den «Schweizerspiegel», betrachtet,
so kann man
feststellen, dass sich kaum das Werk eines anderen Schweizer Schriftstellers
im 20. Jahrhundert findet, das einem Vergleich mit Kellers «Grünem
Heinrich»
standhält. Kurz, Meinrad Inglin ist ein selbständiger Grosser der
Literatur
und seinerseits eigenständiges Vorbild, gerade auch für unsere heutige
Welt.
Er kann uns nach wie vor einiges bieten.
Schicksalsschläge
Bereits der Lebenslauf Meinrad Inglins zeigt Perspektiven auf, welchen der
Leser in manchen Lebenssituationen Trost, Hoffnung und generell
Erfolgsmöglichkeiten zu entnehmen vermag, die faszinieren.
Inglin wurde am 28. Juli 1893 in Schwyz als Sohn eines geachteten
Uhrmachers und Goldschmieds geboren. Seine Urgrossväter sind besonders
hervorzuheben: Jener mütterlicherseits, der als Regierungsrat und Nationalrat
der Gründerhotelier des Grandhotels «Axenstein» war, und
jener väterlicherseits,
der als angesehener und in der Heimat selbst einflussreicher Offizier in fremdem
Kriegsdienst stand. Meinrad Inglin wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen
auf.
Da traf den Knaben, als er 13 Jahre alt war, ein Schicksalsschlag, der sein
Leben nachhaltig prägte: Mit 42 Jahren verunglückte sein Vater in
den Bergen
tödlich. Sein ganzes Leben beschäftigt den Dichter dieses Unglück.
1949
publizierte er in «Werner Amberg» wirklichkeitsgetreu die Geschichte
dieses
Unglücks und seiner Jugend, überarbeitete und publizierte sie erneut
zwei
Jahre vor seinem Tod 1969 und gestaltete die Tragödie über den frühen
Verlust seines Vaters auch symbolhaft 1968 in der Erzählung «Die
Furggel».
In der «Furggel» unternimmt der Vater mit seinem Sohn eine Bergwanderung.
Sie wollen auf dem Furggelgrat Gemsen beobachten. Der Vater lässt seinen
Sohn auf dem Streifzug warten und stürzt ab. Die Furggel, der Übergang,
erweist sich als Zäsur im Leben des jungen Menschen. Sein Schicksal steht
am
Scheideweg. Er muss sich, allein und verlassen, selbst entscheiden und
finden.
Aber Unglück zieht Unglück an. Nacheinander folgt kurz nach 1906,
dem
Todesjahr seines Vaters, Missgeschick auf Missgeschick. In drei Jahren am
Mathematischen Gymnasium des Kollegiums «Maria Hilf» in Schwyz
versagt er
derart, dass ihn diese Zeit als Trauma zeit seines Lebens zu verfolgen
begann. Er entscheidet sich für eine Uhrmacherlehre. Aber auch diese
Lehre
musste er abbrechen. Es folgt nochmals ein Versuch am Gymnasium, diesmal an
der Handelsabteilung. Er ist ein Jahr hier. Und es geht ihm nicht gut. Da
geht das Kollegium in Flammen auf und brennt nieder.
Das Ereignis versetzt den Siebzehnjährigen in einen wahren Freudentaumel.
Er
tanzt vor lauter Genugtuung und Erleichterung vor dem brennenden
Schulgebäude.
Aber dann schlägt das Schicksal nochmals unerbittlich zu. Seine Mutter
erkrankt schwer, und nach dem schnellen Tod seines Vaters muss der
Jugendliche nun erleben, wie der Tod jetzt noch grausamer, weil langsam,
viel qualvoller so früh auch nach seiner Mutter greift. Ihr Sterben
erschüttert den Sohn bis ins Innerste. Zehn Tage nach dem Tod der Mutter
verlässt er auch die Handelsschule.
Der junge Mann geht nach Caux und wird Hotelkellner. Hier muss er bei
allergeringster Entlöhnung arbeiten wie ein Berserker. Er ist ernüchtert
über die sogenannte bessere Gesellschaft in dem Nobelhotel «Caux
Palace».
Nur wenige Stunden Schlaf bleiben ihm zwischen dem Aufwarten bei Bällen
und
dem Silberputzen am frühen Morgen. Da er in der kurzen Freizeit beim
Preiskegeln noch die Kegel aufstellen soll, beginnt er zu streiken, was ihm
ein Ausgangsverbot einträgt. In einem Brief schreibt Inglin seiner Tante:
«Dass ich trotzdem immer noch gesund und wohl bin, beweist, dass ich
nicht
von so schwächlicher Konstitution bin, wie Ihr immer dachtet.»
Entscheidende Weichenstellung
Er sieht aber auch als Kellner letztlich keine Zukunft. In einem Brief
wendet er sich an seinen ehemaligen Deutschlehrer am Kollegium, der ihm
wohlgesinnt scheint, Prof. Dr. Dominicus Abury. Und nun fand Inglin die
Weichenstellung für seine Zukunft. Dr. Abury ermutigt ihn, «seiner
inneren
Stimme» zu folgen und es mit der Existenz als freier Schriftsteller
und
Journalist zu versuchen.
Nochmals kehrt er an das Kollegium in Schwyz zurück, verlässt es
aber ohne
Matura mit zwanzig Jahren und studiert dennoch an den Universitäten von
Genf
und Bern. 1915 absolviert er die Offiziersschule in Zürich. Rastlos bildet
er sich jetzt als Autodidakt weiter. Er wendet sich den grössten
Schriftstellern der Weltliteratur zu. Auf die Russen Dostojewski und Tolstoi
folgt Nietzsche. Bei Tolstoi erkennt und erlernt er das historische Handwerk
in seiner ganzen Breite. Nietzsche lehrt ihn intellektuelle Redlichkeit.
Diese Grossen der Welt katapultieren Inglin aus der Gewöhnlichkeit und
dem
Durchschnitt heraus. Aber sofort beginnen auch die Schwierigkeiten. Die
Menschen hassen niemanden mehr als denjenigen, der sie durchschaut. Als er
1922 sein Erstlingswerk «Die Welt in Ingoldau» publiziert, fühlen
sich die
Leute entlarvt und in ihrem gemächlichen Alltagstrott gestört. In
Schwyz ist
er nicht mehr sicher. Er muss zeitweilig nach Zürich fliehen. Aber Inglin
wird schnell berühmt. Die Verlage bis ins ferne Ausland horchen auf und
wenden sich dem Autor zu. Für Inglin ist selbstverständlich, sein
Leben und
damit gleichzeitig seine Umgebung und die Erfahrung für sein Werk
einzusetzen. In der Erzählung «Herr Leutnant Rudolf von Markwald»
thematisiert er die Landesverteidigung.
Inglin kritisiert die Gesellschaft, aber er liebt sein Land. Nacheinander
erscheinen in den folgenden Jahren «Grand Hotel Excelsior», «Lob
der
Heimat», «Die graue March» und «Jugend eines Volkes».
Im Zweiten Weltkrieg
ist Inglin Kommandant eines Lagers internierter Polen und Franzosen. Nach
1945 erhält er im In- und Ausland Preis um Preis. Mit diesen Auszeichnungen
wird sein Schaffen gewürdigt und sein Werk weit über die Landesgrenzen
hinaus verbreitet. Einer der weltweit einflussreichsten Germanisten seiner
Zeit, einer der gleichzeitig auch sehr streng über die Schriftsteller
urteilte, Prof. Emil Staiger, stellte sich nachdrücklich hinter Inglin
und
hob sein Werk besonders hervor. Am 4. Dezember 1971 starb Meinrad Inglin im
Alter von 78 Jahren in Schwyz.
Natur und Staat
Um Meinrad Inglin zu erfassen, muss man zwei Fundamente näher beleuchten,
auf die er sich stützt: Auf der einen Seite ist dies die heimatliche
Natur
und auf der anderen Seite die politische Wirklichkeit des Landes. In der
Natur ringt sich Inglin zum Einklang von Werden und Vergehen, Leben und
Sterben, Erblühen und Verwelken durch. Der Vater sagt in der «Furggel»
zum
Knaben: «Viele Menschen verstehen nicht, dass man an den wildlebenden
Tieren
die grösste Freude haben und sie dennoch erlegen kann. Das sei ein
Widerspruch. Kann sein, dass es einer ist, aber das Leben hat viele
Widersprüche, man kann nicht alle lösen und es ist trotzdem schön.»
Meinrad Inglin erreichte den Zenit seiner Bekanntheit mit dem Hauptwerk
«Schweizerspiegel». Gegenüber Emil Staiger erklärte
er selbst, dass er bei
diesem Werk Tolstois «Krieg und Frieden» vor Augen gehabt habe.
Der Roman
stellt die Schweiz in epischer Breite modellhaft in besonderer Situation
dar. Es ist die Zeit des Ersten Weltkrieges, und das Land hat einen
geschichtlichen Punkt erreicht, an welchem die politischen und sozialen
Grenzen modernen Wachstums nicht mehr zu übersehen sind. Der Einzelne,
welchen er anhand der verschiedenen Charaktere in einer Familie gestaltet,
benötigt eine neue Selbstfindung, die weniger in der Selbstverwirklichung
gipfelt als in der Erkenntnis einer Selbstbeschränkung und dem Prinzip
des
Gefechtsabbruchs. Man muss auch mit unvollkommenen Resultaten und halb
abgeschlossenen Entwicklungen leben können. Inglin setzt seine Hoffnungen
für die Zukunft der Schweiz nicht auf Eliten wie etwa im vorliegenden
Fall
jene der Offiziere, sondern auf die Unteroffiziere der Milizarmee, die
Handwerker und Bauern. Sein Erkennen von Grenzen im menschlichen Streben
lässt ihn aber gerade bezüglich der Allgemeingültigkeit dieser
Darstellung
Landesgrenzen überschreiten. Der «Schweizerspiegel» wird
damit in zeitloser
Gültigkeit vom Schweizer Roman zum europäischen und weltweit bedeutsamen
Roman. Inglin zeigt sich darüber hinaus als gewiefter Historiker, der
nicht
aus verstaubten Archiven mit dürren, abstrakten Dokumenten auftaucht,
sondern mitten aus dem Leben und seiner Zeit diese in ihren Wesenszügen
darstellt und hinsichtlich des Wesentlichen verdichtet. Und genau damit
erfasst er als Dichter, worauf besonders Ortega y Gasset hingewiesen hat,
mehr als jeder Gelehrte auch die Realität. Er ist auch mehr als ein
Buchhalter der Fakten. Er versteht es meisterhaft, über die Zusammenhänge
nachzudenken. Die Bandbreite, mit der ein Historiker Geschichte einzufangen
vermag, zeigt seine Bedeutung. Und es ist Inglins Bandbreite, die ihn zum
wahrhaft grossen Erzähler macht.
Wie in der Natur mit ihrem Werden und Vergehen bedeutet auch in der
menschlichen Geschichte das Leben Kampf. Wilhelm Tell, den Inglin in «Jugend
eines Volkes» gemäss der Legende symbolhaft thematisiert, lässt
er nach
erfolgtem Tyrannenmord durch das verschneite Tal heimwärts wandern, und
er
stellt fest: «Wo er durchschritt, entfuhren den Männern leise Jauchzer,
die
Mädchen erblassten und schauten ihm schweigend nach, die Mütter
hoben ihre
Kinder hoch und flüsterten seinen Namen.»
Inglin verzichtet auf jegliche Schnörkel. Wie eine Filmsequenz aus der
Natur
lässt er eine Sequenz Geschichte Revue passieren. Und seine Beobachtung
ist
soziologisch messerscharf und wirklichkeitsgetreu.
Von der Gesellschaftskritik und der historischen Erzählung gelangt Inglin
zur mehr denn je aktuellen Zivilisationskritik.
Nachdenken in der Ruhe
1954 erschien sein Werk «Urwang». Das Tal soll in einem Stausee
verschwinden. Die beiden grossen Bereiche Inglins, die Natur und die
Geschichte, überschneiden sich, wobei die Natur den Kampf verliert und
untergeht. Die fortschreitende Zivilisation siegt über die Täler
und Flüsse.
Immer weiter hinauf werden Reh und Fuchs, Gemse und Hirsch gescheucht. Die
letzte unwirtliche Wildnis ist letzte Zuflucht vor der Flut des Wirtschaftlichen
geworden. Das Tal «Urwang» wird zum Spiegel der Natur, die nachgerade
aller Macht der Prosperität, dem kalten Mammon, zu opfern ist.
Der Major, der als letzter die Bastion im Tal gehalten hat, sieht, dass er
verloren hat. Er muss weg wie die Bauern, deren Häuser langsam im Wasser
versinken. Sie werden andernorts wieder heuen und emden, aber, so Inglin:
«Jauchzen werden sie nicht mehr.»
Entwurzelung, Nivellierung auf ökonomische Gewinnmaximierung und
Gleichschaltung können ganze Ethnien im eigenen Land auslöschen.
Der Major
hat dann in der Tat keine Landesverteidigung mehr wahrzunehmen. Denn diese
hat zur Voraussetzung, so nochmals Karl Schmid, «dass man dasjenige
besitzt,
was zu verteidigen wäre».
Aber wie gelingt es, dahin zurückzukehren? «Die Zukunft»,
meint Inglin in
«Lob der Heimat», «gehört nicht dem rasend Tätigen,
sondern dem Ausgeruhten
und Gesammelten.»
Und erst in der Ruhe kann man nachdenken. Hoffen wir, dass die Schweizer es
vielleicht noch können! Auch für diese Hoffnung stünde der
Name Meinrad
Inglins.
Johann Ulrich Schlegel