Nr. 18, 26. Juli 2002

Dem Zeitgeist angepasst
Spiele zum Kennenlernen der Heimat...

Lang, lang ist¹s her, da hat uns der Grossvater ein Würfelspiel "Tour de Suisse" geschenkt. Die Buben würden mit diesem Spiel, so sprach damals Grosspapa zu unserer Mutter, das Heimat- land gut kennenlernen. Und tatsächlich, ich weiss noch heute, dass das Bundeshaus in Bern ist, dass die Aare in den Rhein fliesst, dass der Munot in Schaffhausen und das Löwendenkmal in Luzern sind. Die Zeiten haben sich geändert, es braucht andere Spiele für unsere Kinder. Zum richtigen Kennenlernen der Heimat ist heutzutage etwas stärkerer Tabak nötig als die harmlose "Tour de Suisse" von Grosspapa. Deshalb möchte ich ein paar konkrete Vorschläge für Spiele zur aktuellen Staats-, Wirtschafts- und Heimatkunde machen.

Da wäre zunächst einmal ein unterhaltsames Spiel mit der Bezeichnung "Sammelklägerlis". Nach jeder Würfelrunde darf jener Spieler mit der höchsten Punktzahl der "Fagan" sein und die anderen Mitspieler einklagen. Alle Spieler mit tieferen Punktzahlen als der Fagan müssen je eine Milliarde Franken in eine sogenannte Solidaritäts-Stiftung einzahlen (das Geld kann der Schachtel mit dem im Haushalt sicher noch vorhandenen alten Monopoly-Spiel entnommen werden). Vorsicht, wer im Spiel dreimal hinter- einander Fagan ist, wird weggejagt und muss zum Psychiater. Dafür darf er aber wählen, ob er in der Schweiz bei den Sozi oder bei den Grünen Ehrenmitglied werden will.

Spiel Nummer 2 heisst "Reise mit Eile". Hier hat jeder Mitspieler sieben Figuren, Magistraten genannt. Auf dem Spielfeld ist die ganze Weltkarte mit allen Ländern abgebildet. Jeder Spieler muss jetzt darauf achten, dass sich seine sieben Magistraten unter keinen Umständen beim Wort "Schweiz", sondern möglichst viel in anderen Ländern aufhalten. Gewonnen hat, wer seine Figuren fast immer im Ausland herumschieben kann, und der Sieger darf sich einen Tag lang "Bundesratskandidat" nennen.

Und dann gibt es das unterhaltsame Spiel "Abzockerlis", das in einem schummrigen Raum gespielt werden sollte. Hier erhält jeder Mitspieler eine mit Firmennamen bezeichnete Schachtel, gefüllt mit Wertpapieren (es können wieder solche vom Monopoly verwendet werden). Jetzt wird der Raum ganz verdunkelt, und auf das "Achtung, bereit, fertig, los" greifen alle in ihre Schachtel. Wer diese am schnellsten geleert und seinen Hosensack gefüllt hat, ist Sieger. Zum Schluss dürfen alle in den Ruhestand treten, aber der Sieger darf seinen Ruhestand einen "wohlverdienten" nennen. Das Spiel erhält noch zusätzlichen Pfiff, wenn sich alle Mitspieler einen Phantasienamen geben wie beispiels- weise Wikebarn, Ticor, Elosp, Oltaffer und so weiter ...

Und dann wäre da zum Schluss noch das politische Kinderspiel "Jag-SVP-und-Blocher". Es eignet sich speziell für alle, die später gerne einmal bei einer Zeitung, beim Radio und beim Fernsehen arbeiten möchten. Mit einer harmlosen Wasserpistole dürfen die Spieler auf Plakate mit Bildern von SVP-Politi- kern zielen. Wer mit einem einzigen Sprutz den Maurer und den Blocher trifft, hat gewonnen und ist Medienobernarr. Er erhält als Auszeichnung zudem noch den "Frank-augustmeyer-Orden".

Das wären also einige Vorschläge für neue Spiele zum Kennenlernen der Heimat. Es gäbe dann natür- lich noch die Spiele "Geldverbutterlis", "Versohle-den-Wähler" und "Uno/EU/Nato-Tanz". Wohlverstan- den, alles sehr ernstgemeinte Vorschläge, denn: "Hoher Sinn liegt oft in kind¹schem Spiel". Das Zitat stammt aus einem Gedicht von Schiller, und der muss es ja gewusst haben, denn er hat in seinem Wilhelm Tell auch geschrieben: "Früh übt sich, was ein Meister werden will!" sowie "Lern dieses Volk der Hirten kennen, Knabe!"

Ernst Tschanz