Nr. 18, 27. Juli 2001

Und ausserdem...
Benützen Sie endlich Ihr Talent!

Beschaffen Sie sich einen grossen Karton oder meinetwegen eine Holzplatte. Sie brauchen noch Leim, welcher in grösserem Quantum in jedem Baumarkt erhältlich ist. Jetzt nehmen Sie einen gefüllten Kehrichtsack und leeren den Inhalt auf den Fussboden. Es muss ja nicht gleich auf dem Teppich in der besseren Stube sein. Haben Sie alles beisammen? Gut so ­ wir können beginnen. Vom ausgeleerten Güsel suchen Sie die unappetitlichsten Dinge heraus und kleben diese kreuz und quer auf den Karton. Eventuell können Sie noch etwas Schuhwichse, Konfitüre oder Senf dazu schmieren. Sieht interessant aus, nicht wahr?

Wenn Sie getan haben, was oben beschrieben, dann sind Sie nicht etwa ein Söiniggel, sondern ein Künstler. Ich gratuliere. Ihr erstes Kunstwerk braucht natürlich noch einen zügigen Namen. Wie wäre es mit «Composition 4», «Aggression 6», «Galaxie 1» oder so irgendein gesuchtes Wort mit einer Zahl dahinter? Das wirkt immer verflümert gut. Die Bezeichnung sowie ein Verkaufspreis von sagen wir einmal 20'000 Franken schreiben Sie hinten auf den Karton. Hoffentlich sind Sie jetzt nicht so naiv und meinen, es kaufe jemand tel quel das Kunstwerk. Sie sind als Künstler nämlich noch nicht «arriviert». Wie man es wird? Nichts leichter als das. Melden Sie den Kulturredaktionen einiger Zeitungen, Sie hätten sich entschlossen, dem Kunstmuseum Ihrer Stadt das Werk «Composition 4» respektive «Aggression 6» usw. zu schenken. Die Übergabe finde nächste Woche statt, und eine Berichterstat- tung sei für die Leser sicher interessant. Orientieren Sie den Direktor des zu beschenkenden Museums. Er wird wohl oder übel auf Ihren Vorschlag eintreten müssen und für die Übergabefeier des Kunstwerkes einen Politiker oder eine andere bekannte Persönlichkeit einladen. Andernfalls riskiert er, von den Zeitungen durch den Kakao gezogen und als unfähig bezeichnet zu werden.

Ich darf Ihnen hier ein zweites Mal gratulieren, denn jetzt sind Sie «anerkannt». Die Journalisten werden Ihre Güselkunst über den grünen Klee loben und Interviews mit Ihnen machen. Von jetzt an können Sie jede Woche den Kehrichtsack ausleeren und etwas Neues kreieren. Je gruusiger, um so wertvoller. Ab sofort wird natürlich nicht mehr verschenkt, sondern nur noch verkauft, denn der Durchbruch ist geschafft. Man wird Ihnen Auszeichnungen und Kunstpreise noch und noch verleihen, die Kunstkom- missionen von Städten und Kantonen beschäftigen sich mit Ihren Werken, während ein paar schlaue Galeristen die Preise nach oben treiben wie Krankenkassen die Prämien. Schliesslich wird sogar die Eidgenossenschaft nicht mehr darum herum kommen, eine «Composition» oder eine «Aggression» von Ihnen anzukaufen. Wehe einem Zeitungsschreiber, dem es plötzlich in den Sinn käme, Ihre Kunstwerke zu hinterfragen und als das zu bezeichnen, was sie in Tat und Wahrheit sind: Humbug! Nur wir zwei, das heisst Sie und ich wissen, dass Sie als Eulenspiegel das Publikum an der Nase herumführen. Aber ich verspreche Ihnen, es niemandem zu verraten, denn ich bin schliesslich loyal gegenüber meinem Leserkreis...

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Ihr Äusseres müssten Sie als neuer Künstler noch etwas anpas- sen. Abgetragene Blue-Jeans haben Sie vermutlich bereits. Ein vertschätterter, speckiger Lederkittel ist sicher in einer Brockenstube zu haben, das Rasierzeug können Sie auf das nächste Kunstwerk kleben und dem Coiffeur die lange Nase machen. Die Narrenkappe müssen nicht Sie, sondern Ihre Bewunderer tragen!

Ernst Tschanz