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Nr. 17, 10. September
1999
Die USA als alleinige
Weltmacht
Unbekümmerte Machtpolitik
Interview mit USA-Korrespondent Richard Anderegg
Mitte August weilte
der USA-Korrespondent der «Schweizerzeit», Richard Anderegg,
für einige Tage in der Schweiz. Dies gab Gelegenheit, ihn zu befragen
über die
Grundsätze und Leitlinien amerikanischer Weltpolitik und über
das Verhältnis
Schweiz- USA. Die Fragen stellten Ulrich Schlüer und Thomas Meier.
Weltpolitik
Die USA sind derzeit
die einzige Macht, die ihren Willen weltweit - allenfalls mit militärischen
Mitteln - durchzusetzen vermag. Was erwarten Sie von einer Zukunft, in
welcher allein die Ver-
einigten Staaten in der Rolle des Weltpolizisten auftreten können?
Anderegg: Die
amerikanische Vormachtstellung ist in der Tat ein bestimmender Faktor
im
weltpolitischen Machtspiel von heute. Vor dem Jubiläum «50
Jahre Nato» am 25. April 1999
setzte sich insbesondere Deutschland noch mit Nachdruck für die Europäisierung
der Nato
ein: Die Nato müsse den Europäern vermehrt logistische Mittel
und strategische Reserven zur
Verfügung halten, womit die Europäer selbständiger als
in der Vergangenheit operieren könn-
ten. Auch müsste den Europäern der Rückgriff auf den amerikanischen
Nachrichtendienst er-
möglicht werden. Diesen Ansprüchen hat das Pentagon eine klare
Absage erteilt: Solange den
Amerikanern weltweit die Hauptlast der militärischen Operationen
zugemutet werde, wollen
sie über jene Mittel, mit denen militärische Einsätze weltweit
gesteuert werden, völlig unein-
geschränkt und allein verfügen. Die Realität verschärft
das Problem noch: Innerhalb der Nato
sind nur wenige Divisionen kurzfristig einsatztauglich. Vor allem die
nichtamerikanischen Trup-
penteile, auch die deutschen und französischen, sind weit von Einsatztauglichkeit
entfernt. An
stehenden, einsatzfähigen Kampftruppen stehen der Nato kurzfristig
nicht mehr als 40'000
Mann, fast nur Amerikaner, zur Verfügung.
Mentalitätsunterschiede
Sind Tendenzen
sichtbar, wonach die USA kraft ihrer militärischen Dominanz die Nato
ver-
mehrt auf die Rolle einer «amerikanischen Fremdenlegion» zu
verpflichten suchen?
Anderegg: In
diesem Sinne äusserte sich kürzlich der US-Sicherheitsexperte
Zbigniew Brze-
zinski, als er Europa als Protektorat der USA titulierte und die Europäer
zu Vasallen der USA
erklärte, was in Europa Unwillen, ja Furcht auslöste. Die USA
orientieren ihre strategische Ein-
schätzung immer an aktuellen Spannungsherden. Längerfristige,
historische Abläufe interessie-
ren sie kaum, was ihre Verbündeten oft vor den Kopf stösst.
In der Sicht von Madeleine Albright
sehen sich die USA drei Kreisen gegenüber. Im ersten sind die Freunde
der USA, mit denen
zwar etwa Meinungsverschiedenheiten aufbrechen, was ihre Bündnistreue
allerdings nie ernst-
haft beeinträchtigt.
Der zweite Kreis umfasst die «Möchtegern-Freunde» der
USA - Staaten, die sich gerne dem
amerikanischen Schutz unterstellen würden, die von den USA - zum
Beispiel wegen fehlender
demokratischer Errungenschaften oder als Folge von Menschenrechtsverletzungen
- aber eher
distanziert behandelt werden, deren Bündnisfähigkeit Washington
indessen fördert.
Der dritte Kreis wird von den unverbesserlichen Bösewichten gebildet,
denen nur mit harter Po-
litik der Isolierung zu begegnen ist. Den europäischen Nato-Partnern
erscheint diese Einteilung
als allzu simpel. Die differenziertere Sehweise der Europäer trifft
andererseits in den USA oft
auf verhaltenen Spott. Entsprechend gross ist der amerikanische Argwohn
angesichts der von
allen europäischen Nato-Partnern verfolgten Politik der Senkung der
Verteidigungsausgaben.
Die amerikanische Art, bei aufbrechenden, die eigenen Interessen bedrohenden
krisenhaften
Entwicklungen relativ rasch zur Peitsche zu greifen, kann mit dem erschöpfenden
Analysieren
von Krisen, wie das die Europäer vorziehen, wenig bis nichts anfangen.
Wahlkampf-Stimmung
Und jetzt stehen
auch bereits wieder Präsidentschaftswahlen an.
Anderegg: In
der Tat! Das kalkulierende Wahldenken dürfte zunehmend dominieren:
Weltge-
schichtliche Dimensionen haben in einem Konfliktfall zurückzustehen.
Nur dessen Wirkung auf
die Präsidentschaftswahl ist noch ausschlaggebend. Meinungsumfragen
werden zunehmend
Regierungsentscheide bestimmen. Noch ausschlaggebender wird die Rücksichtnahme
auf die
wichtigsten Sponsoren im Präsidentschaftswahlkampf.
Es ist offensichtlich, dass die USA aus dem Sumpf ihrer immer unglaubwürdiger
werdenden
Wahlfinanzierung nicht herausfinden. Das Geldsammeln wird von Wahl zu
Wahl wichtiger, weil
von Wahl zu Wahl grössere Summen benötigt werden, weil der Wahlkampf
für jede Präsident-
schaftswahl früher als der vorherige einsetzt. Konstante, an einer
Strategie orientierte Politik
wird dadurch immer stärker beeinträchtigt. Während einer
vierjährigen Amtszeit kann ein Prä-
sident vielleicht während zweieinhalb Jahren vernünftige, an
den Interessen des Staates orien-
tierte Politik verfolgen. Von diesen zweieinhalb Jahren verliert er allerdings
möglicherweise noch
ein halbes Jahr für die Zwischenwahlen. Daraus resultiert jene Aussenpolitik,
die nur noch ra-
sche, schlagzeilenträchtige Erfolge sucht - allenfalls auch mittels
spektakulärer militärischer
Interventionen, wobei um jeden Preis eigene Verluste, insbesondere eigene
Menschenopfer zu
vermeiden sind. Der «chirurgische Eingriff» im Kosovo ist
Resultat solcher Politik. Keine Verlu-
ste an eigenen Soldaten, erkauft allerdings durch ein Flüchtlingsdrama
nie vorausgesehenen
Ausmasses und durch zahlreiche Massaker an jener Bevölkerung, die
man eigentlich zu schüt-
zen vorgab. Trotzdem kann dieser Eingriff zumindest vorderhand noch als
Erfolg verbucht wer-
den.
Kosovo
Noch überwiegen
die Stimmen, die den überzeugenden Sieg der Nato über das brutale
Regime
Milosevic vorbehaltlos begrüssen. Doch zunehmend wird die Öffentlichkeit
gewahr, dass der
Nato-Einsatz zwar den Herrschaftsträger ausgewechselt, nicht aber
die Herrschaftsmethoden
im Kosovo verändert hat: Statt der Serben bedrängen jetzt miteinander
rivalisierende kosovo-
albanische Organisationen mit teilweise totalitären Allüren
die Zivilbevölkerung. Bedroht diese
Entwicklung den inneren Zusammenhalt des Nato-Bündnisses?
Anderegg: In
den USA werden solche Zusammenhänge noch kaum registriert, weil US-Trup-
pen bisher kaum direkt mit den wachsenden Differenzen zwischen Nato und
UCK konfrontiert
worden sind. Den Deutschen wird dagegen allmählich klar, dass das
«Pulverfass Balkan» heu-
te nicht minder unberechenbar, gefährlich und unbeherrschbar ist
als am Vorabend des Ersten
Weltkriegs. Den Amerikanern fehlt diese historische Sicht. Sie wollen
einfach eine Cohabitation
zwischen Kroaten, Serben und Muslimen erzwingen, geschichtliche Perspektive
hin oder her.
Im übrigen stehen die USA auf dem Standpunkt, sie hätten bei
weitem die Hauptlast des Krie-
ges tragen müssen, die «politische Kleinarbeit» des Wiederaufbaus
hätten nun die Europäer
zu bewältigen.
Staatsführung
oder Volksbelustigung?
In der Ära
Clinton wurde eine ganz neue Form von Politik ins Scheinwerferlicht der
Öffentlich-
keit gezerrt: Das oft den Charakter von Schmierenkomödien annehmende
breite Auswalzen
von vielfach ausgesprochen unappetitlichen Skandalen. Die Tatsache, dass
damit auch die
führende Weltmacht an den Pranger gestellt und die Glaubwürdigkeit
ihrer Führung untergra-
ben wird, interessiert keinen Medienguru, wenn Aussicht auf profitsteigernde
Ausweidung süf-
fig darstellbarer Vorgänge besteht. Was steht uns da noch alles bevor?
Anderegg: Diese
Art medialer Skandalausweidung wird noch zunehmen. Auch dafür ist
Geld-
beschaffung, Fund-Raising, ein entscheidendes Motiv. Kurzatmiges - ob
in den Schmutz zie-
hend oder unverhältnismässig aufblähend - verdrängt
Langfristiges, kurzfristig zugunsten des
eigenen Lagers aufgeblasene, den Gegner schädigende Schaumschlägerei
schlägt kohärente,
an höheren Zielen orientierte Politik aus dem Feld. Das ist bedenklich
und gefährlich.
Die Schweiz im
Visier?
Die Emotionalisierung
der Politik wird damit weiter zunehmen. Politik wird immer stärker
auf
Köpfe zielen, primitiver und tränendrüsenorientierter betrieben
werden. Ein «Pionier» auf diesem
Weg ist Filmregisseur Steven Spielberg, der derzeit Tausende von Antworten
jüdischer Opfer
des Holocaust oder ihrer Nachkommen elektronisch archiviert, damit diese
in irgend welchen
denkbaren Zusammenhängen kurzfristig für Kampagnen «in
die Arena geworfen» werden kön-
nen. Da stehen Auseinandersetzungen ganz neuer Art bevor.
Wer auf entsprechende Angriffe zurückhaltend oder schwächlich
reagieren sollte, der dürfte
gnadenlos geprügelt werden. Man muss - und diese Lektion hätte
die Schweiz endlich zu ler-
nen - angesichts solcher Methoden dem Angreifer nur immer deutlich machen,
dass er letzt-
lich auf Stein beissen wird. Gerade die Schweiz täte gut daran, sich
auf solch neue Formen
erpresserischer Kampagnen-Politik vorzubereiten. Insbesondere sollte auf
die Qualität des Ge-
schichtsunterrichts geachtet werden. Nur wer die wirklichen Zusammenhänge
überblickt, kann
Aufgebauschtes von der Wirklichkeit trennen.
Zum Verhältnis Schweiz-USA: Die vom Bundesrat im März 1997 in
der Stunde höchster Be-
drängnis und ausgeprägter Kopflosigkeit überstürzt
angekündigte Sieben-Milliarden-Goldstif-
tung ist als Folge der Ablehnung des neuen Nationalbank-Artikels durch
die Eidgenössischen
Räte zumindest für lange Zeit verzögert, möglicherweise
bereits definitiv beerdigt worden.
Was hat die Schweiz
von den USA, vor allem auch von den aus den USA operierenden Jüdi-
schen Weltorganisationen zu erwarten, wenn dort wahrgenommen wird, dass
die Solidaritäts-
Stiftung politisch auf der Strecke bleibt?
Anderegg: Bundesrat
Couchepin ist bereits von Unterstaatssekretär Eizenstat befragt worden,
was die Ablehnung des Nationalbank-Artikels für die Solidaritäts-Stiftung
bedeute. Couchepin
bezeichnete die Haltung des Bundesrats zur Solidaritäts-Stiftung
als unverändert, nach wie vor
wolle der Bundesrat diese Stiftung realisieren. Auf der andern Seite realisieren
die politisch ak-
tiven jüdischen Kreise in den USA, welche Erfolge das aggressive
Auftreten ihrer Exponenten
gegen die Schweiz gezeitigt hat. Obwohl - so wird ihnen zunehmend bewusst
- der jüdische
Bevölkerungsanteil in den USA nur drei Prozent beträgt, können
sie zahlreiche politische
Schlüsselstellen einnehmen. Solche Errungenschaften sind selbstbewusstem
Auftreten in der
Politik zu verdanken. Somit dürfte sich am politischen Stil der jüdischen
Weltorganisationen
nichts ändern.
Eizenstat hat kürzlich mehrere Staaten, insbesondere Norwegen und
Schweden ausdrücklich
dafür gelobt, wie sie mit den jüdischen Ansprüchen umgegangen
seien. Auch Frankreich befin-
det sich laut Eizenstat auf dem «Weg der Besserung», und mit
Deutschland bestünden ohne-
hin kaum Probleme. Nach wie vor sei aber die Schweiz als «Sonderfall»
aussergewöhnlicher
Störrigkeit einzustufen. Mit dem Bergier-Bericht würden aber
weitere Instrumente für zielgerich-
tetes Vorgehen gegen die Schweiz verfügbar, meinte Eizenstat.
Es mag sein, dass ein Wechsel der Präsidentschaft ins republikanische
Lager für die Schweiz
eine gewisse Entspannung bewirken könnte. Auf der andern Seite täte
die Schweiz gut daran,
sich auf weitere Attacken, mit denen der amerikanische Wahlkampf «bereichert»
werden könn-
te, sorgfältig vorzubereiten.
Bankgeheimnis
Ist das Ziel dieser
Attacken das schweizerische Bankgeheimnis?
Anderegg: Sicher
steht das Bankgeheimnis ganz im Zentrum der amerikanischen Angriffs-
planung. Die US-Administration will überhaupt und generell mehr Auskünfte
über die Bankkon-
takte sämtlicher ihrer Bürger, inländische und ausländische
Konten gleichermassen anvisie-
rend. Die «Heiligkeit des Privatlebens» sei im Zeitalter der
weltweit organisierten Kriminalität
nicht mehr vollumfänglich zu respektieren. Im Bewusstsein ihrer weltweiten
Dominanz ist den
Vereinigten Staaten das schweizerische Bankgeheimnis immer wieder ein
Dorn im Auge. At-
tacken gegen das Bankgeheimnis sind deshalb zu erwarten. Sollte die Schweiz
erneut unter-
tänig, rein defensiv reagieren, dürften diese Angriffe innert
kürzester Zeit massiv verstärkt wer-
den. Der vom schweizerischen Botschafter Alfred Defago in der Holocaust-Krise
hundertfach
gesprochene Satz, «We made mistakes, but...» ist in den USA
immer nur als Geständnis be-
züglich Holocaust-Schuld aufgefasst worden. Er hat die Verstärkung
der Angriffe bewirkt, kei-
nerlei Entspannung. Wird die Schweiz, attackiert wegen ihres Bankgeheimnisses,
gleich
schwächlich reagieren, dann wird das Bankgeheimnis in Bälde
nicht mehr zu halten sein.
Herr Anderegg, besten
Dank für dieses Gespräch.
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