Nr. 17, 10. September 1999

Gedanken zur Ordnung der Wirtschaft
Marktwirtschaft: Die beste aller Welten?
Von Roland Baader, Waghäusel/Deutschland

Oft wird den entschiedenen Verteidigern der freien Marktwirtschaft vorgeworfen, sie
hielten diese Ordnung für die «heile Welt» oder «die beste aller Welten», in der an-
geblich alles nur gut und ideal sein könne - gewissermassen ein sozialistisches Para-
dies mit umgekehrten Vorzeichen. Die Antwort hierauf lautet: um Himmels willen,
nein!

In einem ganz bestimmten und wichtigen Sinne trifft sogar das Gegenteil zu. Das realistische
Menschen- und Gesellschaftsbild des Kapitalismus oder der Marktwirtschaft steht ja gerade
gegen den utopisch-idealistischen Perfektionswahn des Sozialismus und gegen den Machbar-
keitsglauben der politischen Gesellschaftsklempner. Im Gegensatz zu den idealisierten Gesell-
schaftsentwürfen aller Formen des Sozialismus-Kommunismus, die für ihre irdischen Paradiese
stets den «neuen Menschen» erschaffen wollen (notfalls, indem sie alle vorhandenen erschla-
gen), funktioniert die Marktwirtschaft auch mit den in der Realität vorzufindenden «zweitbesten
Menschen». Von Herbert Giersch stammt der Satz: Auch der Wettbewerb «aus zweitbesten
Motiven zweitbester Menschen» bringt noch hervorragende Ergebnisse. Das Einzigartige an
dieser Ordnung besteht ja gerade darin, dass die in ihr lebenden und handelnden Exemplare
des homo sapiens auch charakterschwach und von geringer Intelligenz sein können, dass sie
auch egoistisch und hartherzig handeln können - und damit doch zugleich zum Wohle aller an-
deren beitragen, ob sie das nun beabsichtigen und wollen oder nicht.

Eine Ordnung des Dienens

Im Unterschied zu jedem anderen sozio-ökonomischen System hängen in der Marktwirtschaft
Einkommen, Stellung, Karriere und Privilegien aller Art nicht von der Willkür der grossen Polit-
zampanos oder von der beliebigen Gunst oder Missgunst politischer Kader ab, sondern hier
kann jedermann - ob guter oder schlechter Mensch - seine Ziele nur dann verwirklichen und
sein persönliches materielles Wohl, Einkommen, Vermögen etc. nur dann erlangen oder meh-
ren, wenn er die Wünsche und Bedürfnisse anderer Marktteilnehmer entweder zu deren Zufrie-
denheit oder möglichst noch besser als seine Mitbewerber erfüllt. Und zwar freiwillig und gewalt-
frei. Marktwirtschaft ist eine Ordnung des Dienens und nicht - wie der Sozialismus - eine Orga-
nisation des Befehls und der Unterdrückung. Guy Kirsch, ein Schweizer Nationalökonom, hat
das einmal in die schönen Sätze gekleidet: «Der Markt zwingt seiner Konstruktionsidee nach
jeden einzelnen, seine Wohlfahrt dadurch zu fördern, dass er der Wohlfahrt der anderen Gesell-
schaftsmitglieder dient. Das bedeutet: ...(Es) ist dem einzelnen die Möglichkeit zur gewaltsa-
men Aneignung fremder Ressourcen, also die Mehrung des eigenen Verdienstes über das Aus-
mass der Dienste hinaus, die er anderen leistet, versperrt. Der Dienst am Nächsten erfolgt nicht
nur, wenn Wohlwollen und Mitgefühl dazu anhalten, sondern der Beitrag zur Wohlfahrt der ande-
ren wird auch dann geleistet, wenn lediglich triviales Eigeninteresse am Werk ist... Hier soll die
Gewalt des Menschen über den Menschen, die Instrumentalisierung des einen durch den ande-
ren verhindert werden, und doch soll die individuelle Freiheit nicht an den alles verschlingenden
Leviathan verloren werden. Damit unterscheidet sich dieses Konzept von all jenen Entwürfen für
Idealstaaten, die von Plato über Hobbes, Hegel bis zu Lenin und ihren Nachfolgern dem sozia-
len Frieden die Freiheit des Menschen zu opfern bereits sind.»

Das einzige, was mir an Kirschs Wortwahl missfällt (obwohl ich weiss, dass er das Richtige
gemeint hat), ist der Ausdruck «Konstruktionsidee». Die Marktwirtschaft ist im Unterschied zu
allen anderen denkbaren oder real existierenden Systemen keine «Konstruktion», also nicht
das Ergebnis eines menschlichen Entwurfs oder Plans. Sie entstand (übrigens lange vor dem
Staat) und entsteht spontan immer und überall, wo man sie entstehen lässt. Und sie funktio-
niert sogar da, wo man sie verbietet, nämlich in Form von sogenannten grauen oder schwarzen
Märkten. Sie ist, wie Friedrich A. von Hayek das meisterlich formuliert hat, «zwar das Ergebnis
menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs». Gerade deshalb ist sie - vor dem
Hintergrund der Unvollkommenheit und Fehlbarkeit des menschlichen Wissens und Wesens,
und ähnlich dem komplexen, synergetischen und kybernetischen Netzwerk der Natur - weitaus
effizienter und der Natur des Menschen angemessener, ja man könnte sogar sagen «Weiser»
als jedes Konstrukt irgendeines planenden Hirns.

Menschenfreundlichere Gesellschaft

Damit unterscheidet sich die Marktwirtschaft, um es zu wiederholen, von allen utopischen oder
idealisierenden Konstruktionen, die eine «bessere Gesellschaft» und einen «besseren Men-
schen» voraussetzen - oder gar einer (angeblich) allwissenden Planbehörde bedürfen. Die libe-
ralen Denker wollen, indem sie auf Markt und Kapitalismus setzen, eine menschenfreundliche-
re Gesellschaft, ohne dass sie dabei der Illusion verfallen, der Mensch sei per se sonderlich
menschenfreundlich. Wenn die Theorie der liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung
von einem ziemlich eigensüchtigen «homo oeconomicus» ausgeht, dann nicht, weil sie diesen
Teil der menschlichen Natur für lobenswert oder gar für den einzigen Charakterzug unserer Spe-
zies halten würde, sondern einzig und allein deshalb, weil alles andere am menschlichen We-
sen (das natürlich auch existiert!) gar nicht konstitutiv für eine grosse, arbeitsteilige Gesell-
schaftsordnung sein kann. Die finsteren Seiten der menschlichen Natur, sprich Raub und pri-
vate Gewaltanwendung, Mord und Totschlag, Körperverletzung und Eigentumsschädigung, fal-
len in den Zuständigkeitsbereich des staatlichen Gewaltmonopols, des Polizei- und Justizap-
parates. Und die hellen und leuchtenden Seiten der menschlichen Natur, sprich Liebe und Hin-
gabe, Mitgefühl und Freundschaft, sind dem privaten Bereich der Gesellschaftsmitglieder zuge-
ordnet. Sie zum tragenden oder konstitutionellen Element einer Wirtschafts- und Gesellschafts-
ordnung machen zu wollen ist eine nicht mehr zu überbietende Wahnvorstellung, ein Delirium
von einem irdischen Paradies oder Gottesstaat (oder von einer angeblich allwissenden Funktio-
närskaste, die sich in der Lage dünkt, Gott zu spielen).

Kein Wunder, dass solcher Wahn, wo immer und wann immer man ihn in die Realität umset-
zen wollte, in eine irdische Hölle geführt hat. Es gibt eine Moral der Realitätsakzeptanz und
eine Unmoral der Realitätsverweigerung, eine Moral der Wirklichkeit und eine Unmoral der Illu-
sion, nämlich überall da, wo Realitätsverweigerung und Illusion Auswirkungen auf andere Men-
schen haben, die sie ausbaden müssen. Die Unmoral der Illusion ist besonders gross und ver-
werflich dort, wo hinter ihr ein politisches, interessengeladenes Kalkül steckt. Und das steckt
hinter jeder polit-ökonomischen Konstruktion, die von der Marktwirtschaft mit ihren realen Men-
schen und realen Gegebenheiten unseres Planeten abweicht. Marktwirtschaft löst also zwei
entscheidende gesellschaftliche Probleme oder Fragen:
1. Wie können grosse Menschenmassen miteinander friedlich kooperieren und interagieren,
ohne dass jeder jeden lieben und mitfühlend umarmen muss - also ohne dass wir allesamt gu-
te, perfekte und edle Menschen sein müssen; und
2. Wie können grosse Menschenmassen - jeder für sich und alle gemeinsam - die wechseln-
den Knappheiten der Welt und des irdischen Daseins möglichst effizient und erfolgreich über-
winden, ohne sich gegenseitig zu verletzen, zu berauben, zu unterwerfen, auszubeuten oder
gar zu töten. Dass die Funktionsweise der Märkte diese Probleme nicht nur einigermassen
hinreichend löst, sondern darüber hinaus sogar bewirkt, dass jeder jedem anderen nützlich ist
und dass alle gemeinsam durch dieses Einandernützlichsein auch noch immer wohlhabender
werden, ist ein Geschenk der Natur oder des Himmels, vor dem wir - wie einstmals Adam
Smith - in staunender Dankbarkeit stehen sollten.

Weltverbesserer

Es mag ja sein, wenden nun viele Skeptiker oder Gegner unserer freien Ordnung ein, dass die
Marktwirtschaft diese Probleme hinreichend löst, aber doch bestimmt nicht so, dass man die
eine oder andere Problemlösung nicht doch noch durch politische Aktion verbessern könnte.
Auch dieser Meinung muss der stringente Marktwirtschaftler entschieden entgegentreten. Es
ist nämlich Bestandteil der Unvollkommenheit des irdischen Daseins, dass auch die Lösungen,
welche die freien Märkte finden, selbstverständlich nicht perfekt sein können. Aber es ist auch
Bestandteil der Unvollkommenheit des Menschen, dass wir selten oder nie wissen können, wie
denn nun eine bessere Lösung aussehen sollte - und noch weniger, wie sie zu erreichen wäre,
ohne dass wir zugleich in anderen Belangen noch grösseren Schaden anrichten.

Typischerweise sind die drei hauptsächlichen Gruppen der «Weltverbesserer» identisch mit
den drei Hauptfeinden des Klassischen Liberalismus: Die Utopisten, die glauben, den Schlüs-
sel zum Paradies auf Erden gefunden zu haben, die Politiker, die das politische Machtgeschäft
nur betreiben können, indem sie vortäuschen, die Welt verbessern zu können, und die überwie-
gende Zahl der Intellektuellen, die frustriert sind, weil ihre angeblichen Weltverbesserungsideen
im Kapitalismus nicht gebraucht werden.

«Nirwana-Irrtum»

Natürlich können und müssen wir vieles verbessern, unablässig und ohne jemals an ein Ende
zu gelangen. Aber alle diese Verbesserungen dürfen, soweit wir wirklich sicher sind, dass es
sich tatsächlich um «Verbesserungen» handelt, nur mit - und nicht gegen die Mechanismen
des Marktes und damit auch nicht gegen die freie Entscheidung und Verantwortung des einzel-
nen erfolgen. Vor was wir uns ganz besonders hüten sollten, ist das, was der amerikanische
Ökonom Demsetz den «Nirwana-Irrtum» genannt hat. Damit meinte er die Manie der sozialisti-
schen und etatistischen (staatsgläubigen) Gesellschaftskonstrukteure, alles menschliche Han-
deln und alles gesellschaftliche Geschehen an einem paradiesischen Ideal, an einem unmögli-
chen «Nirwana» zu messen. Immer, wenn die von dieser Manie befallenen Leute eine Abwei-
chung zwischen der Realität und dem reinen Ideal entdecken, schliessen sie daraus, dass die
jeweilige Realität ungenügend und dringend «verbesserungsbedürftig» sei. Der Kapitalismus ist
das beliebteste Angriffsziel dieser Sozial- und Nirwana-Techniker, weil er mit den Gegebenhei-
ten der unperfekten Welt fertig wird und sich weigert, nach himmlischen Systemen zu suchen,
in welchen «alles für alle gut wird».

«Neue Menschen»

Auch so manchem theologischen Weltverbesserer und «Weltethiker» sollte man ins Brevier
schreiben, dass solches Denken, solche konstruktivistische Unterstellung von der Möglichkeit
einer perfektionierbaren diesseitigen Welt mit «neuen Menschen» in einer «neuen idealen Ge-
sellschaft» nicht nur irdische Höllen schafft, sondern auch unter christlichen Aspekten ein sün-
diges Streben ist. Zurecht hat der österreichische Ökonom Erich Streissler auf die diesbezügli-
che Übereinstimmung von Klassischem Liberalismus und christlichem Glauben hingewiesen,
indem er schrieb:

«Nichts schadet dem Verständnis des klassischen Liberalismus mehr, als sein skeptisches
Menschenbild mit dem Menschheitsoptimismus der französischen Aufklärung zu verwechseln...
Wer an die Wirklichkeit gleicher Güte und Klugheit aller Menschen glaubt, kann kaum umhin,
sich im Lager Rousseaus wiederzufinden; wer an die potentielle Güte und Klugheit aller Men-
schen glaubt, verwirklichbar in einer leicht zu schaffenden neuen Gesellschaft, der wird zum
Marxismus treiben... Ein grundlegend anderes Menschenbild trennt (sie) unüberbrückbar...
vom klassischen Liberalismus. Der klassische Liberalismus ist sich in Fortsetzung christlichen
Gedankengutes bewusst, dass ein himmlisches Jerusalem erst entstehen kann, nachdem der
Herr über das All gesprochen hat: Siehe, ich mache alles neu, vor allem den Menschen.»

Gegen das Christentum

Es ist - auch in dieser Hinsicht - nur logisch und konsequent, dass jene Lehren, die den «neu-
en (perfekten) Menschen» und die «neue (ideale) Gesellschaft» hervorbringen wollen - also vor
allem alle Formen des Sozialismus und Kommunismus (aber auch, bis zu einem gewissen
Grad, der moderne Sozial- und Wohlfahrtsstaat) allesamt dem Christentum mindestens gleich-
gültig gegenüberstehen, meistens aber sogar feindlich gesinnt sind.

Als Götzen- und Ersatzreligionen von oft geradezu satanischer Dimension müssen sie die wah-
re Religion mit ihrem realistischen («sündenbehafteten») Menschenbild hassen und bekämpfen.
Um so tragischer, wenn sich mehr und mehr Theologen auf diesen Abwegen bewegen, auch
wenn es sich «nur» um die seichten Pfade des schleichenden Sozialismus im sozialen Ge-
wand handelt.

Roland Baader

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