Nr. 17, 10. September 1999

HIPPOKRATES
«Junk science»
...oder wenn der Killias von der Leine gelassen wird

Dass die staatliche Heroinabgabe wissenschaftlich gescheitert ist und bisher, trotz jah-
relanger Anstrengungen und immenser Kosten keinerlei Aussage und vor allem be-
weiskräftige Fakten hervorgebracht hat, ist offenkundig. Dies nicht zuletzt durch den
Bericht einer internationalen Expertengruppe, die im Auftrag der Weltgesundheitsbe-
hörde (WHO) die Rauschgiftabgabe unter die Lupe genommen hat.

Das Fazit dieser Expertengruppe ist vernichtend: Die zweijährigen Versuche haben keinerlei
Beweise dafür erbracht, ob die Verbesserungen, die bei den Versuchsteilnehmern eingetreten
sind, auf die Verschreibung des Rauschgiftes Heroin oder aber auf die umfangreiche psycho-
soziale Betreuung der Süchtigen zurückzuführen sind. Trotz dieser entscheidenden Unklarheit
soll und wird Heroin weiterhin auf Geheiss des Staates an drogenkranke Menschen abgegeben
werden. Dieses Vorgehen entspricht in etwa dem Verhalten einer Pharmafirma, die einen uner-
forschten Medikamentencocktail auf den Markt bringt, von dem sie nicht weiss, wie die einzel-
nen Bestandteile wirken. Von der zuständigen Kontroll- und Zulassungsbehörde wäre diese Fir-
ma längst mit einer saftigen Konventionalstrafe belegt worden, respektive wäre ihr Produkt nicht
für den Markt zugelassen worden. Doch anders verhält es sich beim staatlichen Heroin. Dessen
Abgabe soll - so will es das Departement Dreifuss - nun mittels Revision der Betäubungsmittel-
verordnung gesetzlich geregelt und legitimiert werden. Störend und hinderlich dabei sind aber
die internationalen wissenschaftlichen Kritiken, die immer wieder den Finger auf die wunden
Punkte der hiesigen staatlichen Rauschgiftabgabe legen. Doch gegen diese unliebsamen Stö-
renfriede scheint das Bundesamt für Gesundheit (BAG) nun ein probates Mittel in der Person
von Prof. Dr. Martin Killias, tätig im Bereich Kriminologie an der Universität Lausanne, gefunden
zu haben.

Mann fürs Grobe

Killias, selber an der Auswertung der Heroinabgabe beteiligt und nach aussen hin eher ein un-
scheinbarer Mann, entpuppt sich im Zuge der wachsenden Kritik an der Heroinabgabe immer
offensichtlicher als der Mann fürs Grobe, der vom BAG immer dann von der Leine gelassen
wird, wenn es darum geht, fundierte Kritik an der staatlichen Rauschgiftabgabe mit lautem Ge-
bell zum Verstummen zu bringen. Mächtig hat er sich schon gegen die Kritik der Expertengrup-
pe der WHO ins Zeug gelegt und dabei so laut gebellt, dass auch der unbedarfteste Beobach-
ter unwillkürlich auf die Idee kommen musste: hier verteidigt jemand seine lukrativen Pfründe.

Killias' Strickmuster ist dabei immer dasselbe. Die Kritiker hätten allesamt die Fakten, die die
wissenschaftliche - notabene killiassche - Auswertung der Heroinabgabe zu Tage gebracht ha-
be, nicht wirklich verstanden und zur Kenntnis genommen. Zur Untermauerung seiner eigenen
Wahrhaftigkeit betet Killias dazu gebetsmühlenartig die angeblichen Erfolge der Heroinabgabe
herunter, um somit die Kritiken zu entkräften. So erklärt der Kriminologe aus Lausanne immer
wieder, dass die Teilnehmer, die in die Versuche aufgenommen wurden, alle das Hauptaufnah-
mekriterium «schwer» süchtig mit mehrfach abgebrochenen Therapien erfüllt hätten. Zum Be-
weis dafür führt er an, dass «87 Prozent der Teilnehmer im Strafregister verzeichnet waren».
Worin jedoch der kausale Zusammenhang von schwerer Sucht - sprich: oft harte Drogen kon-
sumierend, mehrfach abgebrochene Therapien - und hoher Straffälligkeit besteht, blieb bis jetzt
das alleinige Geheimnis des Professors.

Warum Killias beflissen das Thema wechselt, wird bei einem Blick auf die von Killias und Kon-
sorten selber zu Tage geförderten Fakten deutlich: So hatten zum Zeitpunkt des Eintritts in die
Heroinabgabeprojekte 49 Prozent der Teilnehmer noch keine einzige stationäre Therapie durch-
gemacht. Weitere 26 Prozent hatten nur einen einzigen Therapieversuch unternommen, womit
bereits 75 Prozent der Teilnehmer das wichtigste Aufnahmekriterium nicht erfüllt hatten. Wei-
tere 11 Prozent hatten noch nie einen körperlichen Entzug durchgemacht. Was aber noch viel
unglaublicher ist: 4 Prozent konsumierten zum Zeitpunkt des Eintritts noch gar kein Heroin!
Auch Killias' Behauptung, die Versuchsteilnehmer seien alle in einem sehr ernsten Gesund-
heitszustand aufgenommen worden, wird durch die eigenen Angaben über den Eintrittszustand
widerlegt: Bei 79 Prozent der Probanden wurde der Gesundheitszustand schon zu Beginn als
«sehr gut» oder «gut» bewertet, womit ein weiteres Aufnahmekriterium nicht erfüllt wurde. Dass
am Ende eine Verbesserung des Gesundheitszustandes von 79 auf 86 Prozent zu verzeichnen
gewesen ist, mutet dann als etwas zweifelhafter «Erfolg» an.

Wissenschaftsmüll

Nun, dass sich Killias und mit ihm das BAG mit solchen fadenscheinigen und verzerrten Argu-
mentationen selbst lächerlich machen, ist ihre Angelegenheit. Tragisch daran ist, dass dieser
«junk science», dieser Wissenschaftsmüll, wie es der international renommierte schwedische
Epidemiologe Michael G. Koch in einer Klarstellung zu Killias' Argumentationen so treffend
nannte, dazu geeignet ist, in den Köpfen von Laien für Verwirrung zu sorgen, die nur mühsam
wieder ausgeräumt werden kann. Wissenschaft ist jedoch eine allzu wichtige Sache, als dass
man sie für die Begründung einer permanenten «Vergiftung Vergifteter» missbrauchen darf.
Dies sollte auch das Bundesamt für Gesundheit beherzigen und bei der Auswahl seiner «Ex-
perten» sorgfältiger sein.

Hippokrates

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