Nr. 17, 13. Juni 2008
General Guisans Antrittsbesuch in der Grenzregion Schaffhausen
Ein General nach dem Herzen des Volkes
Von Kurt Bächtold - Auszug aus dem Heimatbuch "Grenzland
im 2. Weltkrieg"
Ohne Deutsch-Welsch-Gegensatz entfiel die eindrückliche Wahl des Generals im Zweiten Weltkrieg auf den Waadtländer Henri Guisan. Selbst die sozialistische Schaffhauser "Arbeiter-Zeitung" feierte Guisan bei seinem baldigen Antrittsbesuch in der Grenzregion Schaffhausen "als General nach dem Herzen des Volkes".
Am Abend des 29. August 1939 trat die Bundesversammlung zusammen, um den General zu wählen. Alle Fraktionen schlugen einmütig Oberstkorpskommandant Henri Guisan vor, der mit 204 Stimmen gewählt wurde. 21 Stimmen entfielen auf den Neuenburger Divisionär Borel. Beifall rauschte durch den Saal. Es war eine Wahl nach dem Herzen des Volkes. Anders als vor 25 Jahren gab es keinen Graben zwischen Deutsch und Welsch. Der leutselige Waadtländer genoss überall unbedingtes Vertrauen. Er suchte und fand Kontakt mit allen Volksschichten.
Beifall wie "ein Sturmwind"
So vergingen nur wenige Wochen, bis er Schaffhausen den ersten offiziellen Besuch abstattete. Das "Intelligenzblatt" und das "TageBlatt" veröffentlichten darüber nur die trockenen Mitteilungen der Staatskanzlei, während sich Armin Walter, Redaktor der "Arbeiter-Zeitung", um einen persönlichen, farbigen Bericht bemühte. Nach seiner Darstellung ging die Nachricht, der General komme nach Schaffhausen, wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund, von Haus zu Haus. Von der Rheinbrücke bis zum Regierungsgebäude stand eine geschlossene Menschenreihe. An der Beckenstube hatten eine Ehrenkompanie unter dem Kommando von Hauptmann Franz Hirsch und die Regimentsmusik Aufstellung genommen. Am Münsterplatz wehten die Fähnchen der Schüler. Unter dem steinernen Portal beim Eingang zur Kantonspolizei erwartete das Kommando der Grenzschutzbrigade den General. Um 11 Uhr des 4. Oktober hörte man ein Beifallsrauschen, das sich "wie ein Sturmwind" von der Rheinbrücke bis zum Herrenacker fortsetzte.
Oberhalb des "Thiergarten" entstieg General Guisan seinem mit der Standarte des Oberbefehlshabers gekennzeichneten Auto und wurde vom Schaffhauser Platzkommandanten, Oberstleutnant Johannes Müller, begrüsst. Unter den rassigen Klängen eines Marsches schritt er die Ehrenkompanie ab und wollte sich gemächlichen Ganges ins Regierungsgebäude begeben. Da spielte sich eine allen Zuschauern unvergessliche Szene ab. Aus der dichtgedrängten Reihe löste sich ein kleines, zweijähriges Mädchen, trappelte dem General nach und überreichte ihm ein Blumensträusschen. In einer für ihn typischen Reaktion hob er das Kind empor und gab ihm auf beide Bäcklein einen Kuss.
Im Regierungsratssaal entbot Regierungspräsident Traugott Wanner dem Gast den Willkommgruss des Schaffhauservolkes. Seine Wahl habe im Schaffhauserland "ungeteilte Freude" ausgelöst. Gerade für die Bewohner eines Grenzkantons sei es eine Beruhigung zu wissen, dass der Wehrwille stark und geschlossen sei. General Henri Guisan verdankte die Einladung und gab seiner Entschlossenheit Ausdruck, die Grenzen der Heimat zu verteidigen, auch wenn diese Aufgabe angesichts der verzwickten Schaffhauser Grenzen Schwierigkeiten bereite.
"Im General die Wehrmänner begrüsst"
Begleitet vom Regierungsrat
und hohen Offizieren begab sich der General, wiederum unterwegs stürmisch
begrüsst und mit Blumen überschüttet, in die "Fischerzunft"
zu einem bescheidenen Mittagessen. Am Nachmittag besichtigte er die Stellungen
und Bunker der Grenzschutztruppen. Der Redaktor der Schaffhauser "Arbeiter-Zeitung",
wie seine Leserschaft sonst dem Militär und dem Offizierkorps gegenüber
eher kritisch eingestellt, endete seinen Bericht mit den Worten: "Man
wird da und dort erstaunt sein über diesen begeisterten Empfang des Generals
durch das Volk. Wir sind es nicht. Denn hinter dieser Begeisterung steckt
doch ein tieferer Kern, der in unserer besonderen Grenzlage seine Ursache
hat. Das Volk weiss, wie ernst die Lage ist. Es hat gestern im General unsere
wackeren Wehrmänner begrüsst."
Kurt Bächtold
Kurt Bächtold war viele Jahre Redaktor der "Schaffhauser Nachrichten" und vertrat den Kanton Schaffhausen achtzehn Jahre im Ständerat. Er absolviere unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg die Rekrutenschule und wirkte bald darauf als Leutnant im neuformierten Grenzschutz und danach in der Füsilier-Kompanie 111/61.
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Informationen zu diesem Dokumentationsband finden sie unter www.schaffhauser-heimatbuch.ch