Nr. 17, 13. August 2004
Noch einmal
Die Schweiz, die Uno und Israel
Ulrich Schlüer
Die «Spalte rechts» in der letzten
«Schweizerzeit» unter dem Titel «Exekution» hat ein
aussergewöhnliches Echo ausgelöst. Dutzende von Leserbriefen trafen
auf der Redaktion ein,
etwa zwei Drittel übten teilweise scharfe Kritik, in rund einem Drittel
erhielt die Redaktion Lob. Beide Standpunkte - von dezidierter Parteinahme
zum Geschehen im Mittleren Osten ausgehend - haben unsere Überlegungen
missverstanden.
Zuerst zwei ausgewählte,
im Inhalt völlig gegensätzliche Leserbriefe:
Tadel
Mit Ihrer «Spalte rechts» («Exekution») in Nr. 16
der «Schweizerzeit» zielen Sie zu kurz.
Natürlich vermuten Sie richtig, dass die von den Israeli errichtete Sperrmauer
niemandem gefällt (ausser den Israeli natürlich). Selbstverständlich
kann auch kein zivilisierter Mensch palästinensische Selbstmordattentate
gutheissen. Gleichzeitig sind aber auch die gezielten Exekutions-Raids gegen
die Palästinenser mit nichts zu entschuldigen. Dass die unserem Aussenministerium
von der Uno zugedachte Konferenz oder Vermittlerrolle zu einer Entspannung
oder gar Annäherung von Israeli und
Palästinensern führen könnte, bezweifeln Sie sicher zu Recht.
Was ich in Ihrer «Spalte rechts» aber sehr vermisse, ist, dass
Sie mit keinem Wort erwähnen, dass Israel sich seit Jahrzehnten im Westjordanland
breit macht, in dem es nichts, aber auch gar nichts zu suchen hat. Hier liegt
doch wohl die Wurzel allen Übels. Dass in einer solchen Situation das
uns nicht mehr so geläufige Ritual «Auge um Auge - Zahn um Zahn»
gelebt wird, ist natürlich nicht gutzuheissen, aber leider Realität,
die auch mit dem sicher vorhandenen Goodwill von Frau Calmy-Rey kaum entschärft,
geschweige denn aus
der Welt geschafft werden kann. Hier braucht es den groben Keil auf den groben
Klotz. Und dies kann wohl kaum die Rolle der kleinen Schweiz in der grossen
Welt sein.
Heiner H. Zollinger-von Salis, Gommiswald
Lob
Ich möchte Herrn Ulrich Schlüer ein Kompliment machen für seine
«Spalte rechts» vom 23. Juli betreffend die israelische Sperranlage.
Schon lange wartete ich auf eine Gegenreaktion seitens der Politik über
die israelfeindliche Politik und Information unserer Landesregierung. Die
Berichterstattungen sind so unglaublich einseitig, dass es unerträglich
wird. Die Linke hat sich klar für die muslimische Seite entschieden (Jean
Ziegler in Genf u.a.). Sie weiss nicht, dass sie damit aufs falsche Pferd
setzt und, im übrigen, der palästinensischen Bevölkerung und
den übrigen mausarmen Bevölkerungen in den muslimischen Staaten
einen schlechten Dienst erweist.
Direkten Nachrichten aus Israel zufolge gingen seit Errichtung der Sperranlagen
die Terroranschläge deutlich zurück. Und nun soll ausgerechnet die
Schweiz eine «Vermittlerrolle» nicht nur übernehmen, sondern
auch finanzieren(!), natürlich zu Gunsten der Palästinenser und
zu Ungunsten Israels. Ich habe ein sehr ungutes Gefühl, wenn die offizielle
Schweiz, also die Regierung unseres Landes, sich in solch israelfeindliche
Verstrickungen hineinziehen lässt, nur um bei den Weltgremien (Uno, Int.
Gerichtshof, EU usw.) als gross zu erscheinen, wo diese die Schweiz doch vor
allem als Geldgeber missbrauchen ...
Elisabeth Wyss, Bern
Unser Standpunkt
Beide Leserbriefe zielen an dem in der «Schweizerzeit» geäusserten
Standpunkt vorbei: Wir wissen nur zu genau um die gegensätzlichen, unvereinbaren
Positionen zum Geschehen in und um Israel, auch in unserer Leserschaft. Um
diese Positionen ging es in der erwähnten «Spalte rechts»
indessen nicht.
Hingegen werde ich persönlich mich weiterhin mit allen mir zur Verfügung
stehenden Mitteln dafür einsetzen, dass die Schweiz auf gar keinen Fall
in den Konfliktherd Mittlerer Osten hineingezogen wird. Es entspricht leider
der verhängnisvollen Haltung von Bunderätin Micheline Calmy-Rey,
der Uno -
genauer: wechselnden, von Fall zu Fall gerade passenden Uno-Organen - die
Entscheidung zu übertragen, wie die schweizerische Neutralität auszugestalten
sei.
Diese unüberlegte, verhängnisvolle Abtretung der Neutralitäts-Entscheidung
an die Uno bekämpfe ich mit allen Mitteln. Es darf nie geschehen, dass
die Schweiz durch mehr oder weniger zufällige Mehrheiten in wechselnden
Uno-Organen zu einer kopflosen Einmischung in einen internationalen Konflikt
verführt wird, in dem in Wahrheit Grossmächte den Ton angeben. Die
Grossmächte haben selbst auszulöffeln, was sie anrichten - nicht
die Schweiz! Wer sich unüberlegt in fremde Konflikte einmischt, holt
solche Konflikte nur allzu bald ins eigene Land.
Nicht einmal die Uno selbst verleiht einem Mehrheitsentscheid der Uno-Vollversammlung
(deren stimmberechtigte Mitglieder zu zwei Dritteln aus Nicht-Demokratien
kommen) den Gehalt von Völkerrecht. Um so weniger darf sich die Schweiz
mit einem «völkerrechtlichen Einsatz» beauftragen lassen,
der lediglich von momentanen Machtverhältnissen in der Uno bestimmt wird.
Die Aufgabe der Schweiz heisst Nicht-Parteinahme, heisst Nichteinmischung.
Nur unter dieser Voraussetzung kann der Neutrale zwischen Konfliktparteien
echt vermitteln. Und dies nur dann, wenn alle Parteien in einem Konflikt -
auch die in Medien und Öffentlichkeit unbeliebten - den Neutralen um
Vermittlung ersuchen. Nicht aber dann, wenn eine Uno-Mehrheit einen parteiischen
Entscheid durchsetzen will, den durchzusetzen der Uno die Macht fehlt.
Ulrich Schlüer