Nr. 17, 27. Juni 2003
Ein
feudales Gesellschaftssystem dominiert
Drogenhölle Afghanistan
Von Professor Dr. Albert A. Stahel, Wädenswil ZH
Nach dem Ende der Operation Enduring Freedom wird die Polizei des neuen Afghanistan durch die Kriminalität herausgefordert.
Gemäss Chef der afghanischen
Polizei, Generalmajor Jurhat, beunruhigt vor allem das Ausmass von Schmuggel,
Drogenhandel und Geldwäscherei. Mit 3000 Mann, die dem Innenministerium unterstellt
sind, versucht der General die Sicherheit in Kabul und zum Teil im übrigen
Afghanistan durchzusetzen. Drogengeld für Al-Kaida Eine grosse Herausforderung
geht von der Lage in den Ostprovinzen aus, die an Pakistan angrenzen. Die
Belutschen- und Paschtunen-Grenzstämme bestimmen die Lage in diesen Provinzen.
Trotz seiner Vereinbarung mit den USA intrigiert der pakistanische Geheimdienst
ISI (Inter-Services Intelligence) immer noch unter den Grenzstämmen. Ein weiteres
Problem geht von Paschtunen-Führer Gulbuddin Hekmatyar aus. Er ist in der
Nangarhar-Provinz sehr aktiv und lehnt die Regierung von Kabul ab, ja er hetzt
seine Gefolgsleute gegen diese auf. Seine finanzielle Grundlage dürfte der
Drogenhandel sein.
Pro Jahr werden in Afghanistan 170 Tonnen Mohn produziert. Die Grenzstämme
(die Mohmand und die Schinwari in der Nangarhar-Provinz) sind für die Heroinproduktion
und den Transport verantwortlich. Sie exportieren das Heroin in den Iran und
nach Pakistan. Mit dem Drogengeld werden die Al-Kaida und die Medressen in
Pakistan finanziert. Die Drogenbarone selbst sitzen in Karachi. Der Mann der
früheren Präsidentin Benazir Bhutto soll einer davon sein. Wirksame Drogenbekämpfung
ist deshalb nur mit Hilfe von Pakistan möglich. Gemäss General Jurhat dürfte
die pakistanische Drogenmafia zusammen mit dem pakistanischen ISI und der
amerikanischen CIA für die Bildung der Taliban verantwortlich sein. Vermutlich
hat auch Saudi-Arabien mit finanziellen Mitteln zum Taliban-Konstrukt beigetragen.
Ein weiterer Staat, Grossbritannien, dürfte die Idee zur Bildung dieses «islamischen
Ritterordens» geliefert haben.
Drogenanbau
1954 wurde der Helmand-Staudamm gebaut. Dadurch wurde eine grosse Region fruchtbar.
Diese Fruchtbarkeit wird seit einigen Jahren für den Mohnanbau ausgenützt.
Vor 25 Jahren gab es nur wenig Mohnanbau. Die Taliban haben den Anbau von
Mohn nach ihrer Machtübernahme gefördert. 1999 hat Mullah Omar die Produktion
verboten. Nach dem Fall der Taliban ist die Mohnproduktion wieder angekurbelt
worden. Das UN-Programm zur Unterbindung des Mohnanbaus und der Opiumproduktion
sieht vor, dass die Regierung in Kabul jedem Bauern, der keinen Mohn anbaut,
für je zweitausend Quadratmeter Ackerfläche 300 Dollar bezahlt. Die Bauern
nehmen das Geld zwar entgegen, pflanzen aber dennoch Mohn an.
Worin liegen die Ursachen für das Scheitern des UN-Programms? Ein Bauer erhält
von den Opium-Aufkäufern 500 Dollar. Die Nachfrage kommt aus dem Iran, aus
Pakistan und aus der Türkei. Der Kauf erfolgt zu einem Zeitpunkt, wenn die
Pflanzen noch nicht einmal grün sind. Die idealen Pflanzgebiete befinden sich
auf 900 Metern über Meer, in Nordafghanistan, vor allem in den Provinzen Nangarhar,
Helmand usw. Die Bauern müssen lediglich das Unkraut beseitigen, die Pflanzen
bewässern und abzapfen.
Die den Zwischenhandel besorgenden Aufkäufer haben ihre Fabriken für die Herstellung
des Heroins in Ghazni, im Kunartal, in Tora Bora, im pakistanischen Chaman
(afghanisch-pakistanische Grenze), im afghanisch-tadschikischen Grenzgebiet
usw. Bei diesen «Fabriken» handelt es sich um kleine Küchen, die schnell aufgestellt
und wieder verlegt werden können. Die Chemie für die Herstellung des Heroins
sind Produkte der Firmen Novartis und BASF. Die Heroinhersteller bekommen
pro Kilo 700 Dollar. Den Schutz für den Transport in iranische Gebiete leisten
die Grenzstämme.
Ausbeutung
Die soziale und politische Grundlage des Anbaus wie auch des Zwischenhandels
schafft die afghanische bzw. paschtunische Gesellschaft, eine Feudalgesellschaft.
Das Land gehört den Khanen, die von den Bauern den Zehnten aller Einnahmen
fordern. Damit finanzieren die Khane ihre Haushalte. Da der Mohnanbau und
die Opiumherstellung einträglicher sind als der Anbau von Weizen, fördern
sie den Drogenanbau. Eine Dorfgemeinschaft von tausend Menschen wird in der
Regel durch drei Khane kontrolliert, denen das Land auch gehört. Die Bauern
werden durch diese Khane im Prinzip ausgebeutet. Die Zwischenhändler und Heroinproduzenten
sind mit den Khanen verwandt. Sie wissen deshalb genau, welche Menge an Mohn
in einem Dorf angebaut wird. Diese Händler und Produzenten gehören zu den
Grenzstämmen, die auch für deren Sicherheit beim Transport nach Pakistan und
in den Iran besorgt sind. Die paschtunischen Khane haben die Politik Afghanistans
in den letzten zwanzig Jahren entscheidend mitbestimmt. Als sie nach der Machtübernahme
der Kommunisten erkennen mussten, dass ihr System durch diese bedroht wurde,
förderten sie die Mujaheddin als ihre Retter. Nach dem Sturz der Sowjet-Marionette
Najibullah 1992 stellten sie fest, dass ihre Retter mit ihrer Macht ihr Gesellschaftssystem
am stärksten bedrohten. Also unterstützten sie die Taliban, die sich zunächst
als königstreu bezeichneten. Diesem Etikettenschwindel der Taliban ist übrigens
damals auch Hamed Karzai aufgesessen. Die Taliban haben sich mit riesigen
Mengen von Dollars die Ergebenheit der Khane erkauft. Mit der Zeit entpuppte
sich der fundamentalistische Islam der Taliban aber zunehmend als Bedrohung
für die Existenz des feudalen Gesellschaftssystems. Also haben sich die Khane
mit der Nordallianz verbündet.
Dieses feudale Gesellschaftssystem bildet nicht nur die Voraussetzung für
den Drogenanbau und -handel in und aus Afghanistan, die Khane entscheiden
auch über die Politik und Stabilität Afghanistans. Sollten die Khane zur Überzeugung
gelangen, dass die neue Regierung ihre Interessen nicht mehr wahrnimmt, so
werden sie alle Mittel für eine Beseitigung dieser Regierung einsetzen.
Albert A. Stahel