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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 12. Juli 2002
Vor dem formellen Uno-Beitritt
der Schweiz
Über
den Umgang mit braven und mit unartigen Zöglingen
Grosses steht unserem Land bevor. Am 10. September 2002 ist es soweit: Die Schweiz wird hundertzwanzigstes Mitglied der Uno. Bern schwelgt in vorfreudiger Feststimmung.
Vorbereitungen laufen auf vollen Touren. Kosten werden nicht gescheut. Zumal unmittelbar an die Aufnahme der Schweiz jenes Traktandum am East River angesagt ist, das jedem nach Ruhm und glänzenden Fernsehauftritten Dürstenden das Herz bis zur Kehle pochen lässt: «Débat général à haut niveau» heisst es. Zwar ist man noch nicht sicher, ob dabei besonders Gescheites, Weltbewegendes gesprochen wird. Das «hohe Niveau» wird diesem Teil der Uno-Generalversammlung dadurch attestiert, dass die ganz Grossen dieser Welt auftreten werden. Und die Schweiz darf, direkt neben den Grossen, erstmals wie die Grossen zuschauen. Welch der Funktionärswelt Verfallener käme da nicht ins Schwärmen.
Doch die Vorfreude wird merklich getrübt. Aus dem Mund der um die Nationalräte Andreas Gross und Remo Gysin gescharten, ehemals wackeren Streiter für den Uno-Beitritt wird lauthals lamentiert: Da habe der Bundesrat für diese Beitrittsfeier zwar irgendeine Sängerin nach New York eingeladen. Sie aber, die eigentlichen Wegbereiter, die Pioniere, sie müssten zu Hause bleiben. Der Bundesrat habe sie, denen doch das Hauptverdienst für den erzielten Durchbruch nach New York zukomme, bei der Einladung nach New York schlicht übergangen. Ungerecht, herabsetzend, schnöde sei solche Behand- lung!
Das Departement Deiss gibt sich tief betroffen. Selbstverständlich werde man einen Weg finden, die Einladung an die Verdienstvollen, an die nach obrigkeitlicher Belohnung Lechzenden nachzureichen auch wenn der Bundesrat keine Berechtigung habe, gewisse, ihm besonders genehme «Volksvertreter» bevorzugt mit Reisen auf Kosten der Steuerzahler zu beschenken. Ein Weg werde sich finden lassen. Und die Schweiz wird einer neuen Etappe politischen Fortschrittes teilhaftig: Dem Filz auf höchster Ebene.
Ulrich Schlüer