Nr. 17, 12. Juli 2002

Neue Ordnungsformen der Gewalt
Gewaltmärkte und globalisierter Kleinkrieg
Von Divisionär Hans Bachofner, Uitikon-Waldegg

Die Gewalt sucht sich neue Ordnungsformen, die den gewohnten Vorstellungen von Krieg und Frieden zuwiderlaufen. Strategische Führung im beginnenden 21. Jahrhundert muss zurück- finden zur Kunst des Friedensschlusses ohne Rache und Vergeltung, sonst bereiten uns Machtmärkte und globalisierter Kleinkrieg die Hölle.

Gewaltexzesse, wohin wir blicken: Algerien, Afghanistan, Angola, Baskenland, Burundi, Guatemala, Indonesien, Israel, Kambodscha, Kaschmir, Kolumbien, Kongo, Liberia, Nicaragua, Nigeria, Nordirland, Peru, Philippinen, Ruanda, San Salvador, Serbien, Sierra Leone, Sri Lanka, Sudan, Uganda, Tschad, Tschetschenien. Hans Magnus Enzensberger nannte diese Liste ein Alphabet des Schreckens. Er hätte die Städte anfügen können, in denen jetzt wieder Synagogen brennen oder Jugendbanden herr- schen, wo man in abendlichen Vorortszügen nicht mehr sicher reist.

Bestürzt und deprimiert stellen wir fest, dass sich die Gewalt neue Ordnungsformen sucht, die den gewohnten strategischen Vorstellungen von Krieg und Frieden zuwiderlaufen. Der amerikanische und israelische Ruf «Wir befinden uns im Krieg» schafft kein Verständnis für die zeitgenössische Barbarei von Attentaten, Massakern, Terror durch staatliche und nicht-staatliche Organisationen. Der Hand- lungsbedarf ist gross, nicht nur aussenpolitisch. Weil, wie Thomas Hobbes schon Mitte des 17. Jahr- hunderts schrieb, die Folgebereitschaft der Bürger eng verknüpft ist mit der Schutzfähigkeit des Staa- tes, zerfällt die Autorität der Regierungen. Das funktionierende Gewaltmonopol des Staates ist nicht nur Voraussetzung einer florierenden Wirtschaft, sondern der gesamten Innenpolitik. Hobbes sagte es auf lateinisch prägnanter: pro protectione oboedientia, ohne Schutz kein Gehorsam.

Aus den vielen, oft klugen Erklärungsversuchen der letzten Wochen ragen einige Gedanken des Siege- ner Soziologen und Gewaltforschers Professor Trutz von Trotha heraus. Er erkennt eine Entwicklung der Gewalt auf Gewaltmärkten und hin zu einem globalen Kleinkrieg.

Gewaltmärkte
Sie wuchern zu allen Zeiten an den Rändern von Reichen, wo die im Innern funktionierenden Gewalt- monopole ihre Wirkung verlieren. Gewaltmärkte entstehen auch zu Beginn und am Ende von Staaten. Ihr Entstehen und ihr Zerfall ist fast immer von Gewaltmärkten begleitet. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts breiten sich diese Gewaltmärkte aus. Die Supermächte des kalten Krieges instrumentalisierten sie zu Stellvertreterkriegen und verdeckten so die wahre Natur. Das ist jetzt vorbei. Im ehemaligen Jugoslawien sind die Gewaltmärkte sogar nach Europa zurückgekehrt. Und was uns besonders aufschrecken muss: Der aus ihnen herauswachsende globale Kleinkrieg zeigt die Grenzen auf für die in den letzten zehn Jahren anvisierte Globalisierung auf der Basis von Menschenrechten, Demokratie, Rechts- und Verfas- sungsstaaten, Humanität und wirtschaftlicher Effizienz.

Der Begriff «Gewaltmärkte» will hinweisen auf die ökonomische und soziale Zweckrationalität der Gewalt. Der kleine Krieg ist heute in weiten Teilen der Welt ein Unternehmen. Trotha nennt einige der bekannteren Gewaltunternehmer mit Namen: Aided in Somalia, Machiar im Sudan, Koney im Norden Ugandas, Taylor in Liberia, Sankoh in Sierra Leone, Savimbi in Angola, Kabila im Kongo, die Kriegs- herren im libanesischen Bürgerkrieg, an den Rändern der zerfallenen Sowjetunion, in Afghanistan etc. etc. Für sie und ihre Nachfolger ist der kleine Krieg Raubökonomie und Markt. Sie plündern die Ressourcen, sie profitieren hemmungslos vom Markt der humanitären Hilfe, sie handeln mit Rohstoffen, Edelsteinen, Gold, Menschen, Waffen, Drogen. Sie erheben Zölle und Steuern, sie erpressen Schutz- und Lösegelder. Ihre Märkte sind vernetzt. Ostafrika, Afghanistan, Oststaaten, Balkan: Die westlichen Polizeiorgane kennen Wege und Netze, aber sie kontrollieren sie nicht. Kleiner Krieg und organisierte Kriminalität sind verwoben. Kriegsherren akkumulieren Reichtum und Macht, sie nutzen die kompa- rativen Marktvorteile, die ihnen die Anwendung von Gewalt verschafft. Es gibt eine Schattenwelt der Globalisierung über illegale Gewaltmärkte. Bewaffnete Bewegungen bieten neben ökonomischen auch soziale Chancen. Einige wenige Kämpfer werden Kriegsherren, Staatschef gar (Kabila zum Beispiel), viele andere finden ihren Weg in die Eliten der Wirtschaft, Administration oder Streitkräfte. Viele plün- dern das Startkapital für ein eigenes Unternehmen. Man kann aufsteigen zum hohen Offizier, zum internationalen Waffenschieber, Drogenbaron. Das Risiko ist immer hoch auf diesen Gewaltmärkten.

Globalisierter Kleinkrieg
Der globalisierte Kleinkrieg ist eine Folgeerscheinung dieser Gewaltmärkte. Die Ereignisse im Nahen Osten und in Afghanistan hängen in der Tiefe ökonomisch, sozial, kulturell und politisch zusammen. Die Gewaltmärkte brachten eine neuartige Verbindung von terroristischer und kriegerischer Gewalt. Atten- tate und Anschläge steigern Schrecken und kriegerische Reaktionen, schaffen Zusammenhalt in der eigenen Kriegergruppe, korrumpieren und zersetzen die attackierten Gesellschaften, deren eigentlichen Schwachpunkt, die Alltagswelt, sie anvisieren.

Dieser globalisierte Kleinkrieg kennt weder Anfang noch Ende. Er ist anonym. Selbst die Definition des Feindes geschieht im Dunkeln: Geheimdienste haben diese Aufgabe übernommen. Ein solcher Krieg kennt kaum Gefechtsfelder. Die rasch wachsenden Städte der ganzen Welt sind die Hauptschauplätze. Der Krieger dieser Epoche ist bereit, zu sterben und zu töten. Die Gewaltmärkte bringen ihren eigenen Kriegertyp hervor, den Angriffs-Selbstmörder. Seine Kampftechnik ist nicht lokal gebunden. Seit dem 11. September 2001 kennen wir ihre interkontinentale Reichweite. Moderne Hochtechnologie gehört ebenso zu seinem Arsenal wie Sprengstoff und Messer.

Die Folgen dieser Entwicklung beginnen sich abzuzeichnen. Zwischenstaatliche Beziehungen verändern sich, den internationalen Friedensorganisationen des kalten Krieges fehlen die Antworten. Die Streit- kräfte werden zu polizeiähnlichen Institutionen, die nicht gegen andere Streitkräfte gleichen Zuschnitts antreten, sondern gegen rechtsfrei operierende internationale und lokale Banden, gegen NGOs von der Art der Al-Kaida. Die freien und geordneten Gesellschaften laufen Gefahr, aus Sicherheitsgründen den klassischen bürgerlichen Rechtsstaat auszuhöhlen.

Nach 1945 dauerte es vier Jahre, bis die Sowjetunion eine Antwort gefunden hatte auf die atomare Vormacht der USA. Nach dem Ende des kalten Krieges dauerte es zehn Jahre, bis die US-Dominanz wieder in Frage gestellt wurde. Der 11. September markiert eine neue Machtkonstellation: Eine Gross- macht steht der unübersichtlichen Vielfalt kleiner Machtzentren gegenüber, die sich auf Machtmärkten nähren und den globalen Kleinkrieg führen. Aus dem Ost-West-Konflikt ist eine Art Nord-Süd-Konflikt geworden. Die Verbündeten und Vasallen der USA müssen ihren Platz noch finden in diesen neuen Netzwerken. Auch ihre Gesellschaften sind im Visier der neuen Krieger.

Zum «ewigen Krieg»
Friede kann sein, wenn ihn die Völker wollen. Europäische Erfahrung kennt fast nur Hegemonie und Gleichgewicht als Rezept. Wir haben die Kunst des Friedensschlusses vergessen. Was versprachen sich die Kontrahenten am Ende der grossen Barbarei des Dreissigjährigen Krieges? «Immer währendes Vergeben und Vergessen, perpetua oblivio et amnestia.» Wo nicht vergessen und vergeben wird, wo politische Führer den Hass schüren, um an der Macht zu bleiben, wo Medien Mitschuld tragen an der Dauerüberhitzung der Gemüter, da kommt keine Ruhe auf. Selbstbeherrschung, Zurückhaltung, Mässi- gung, vielleicht sogar ein gewisser Werte-Relativismus ­ alles Tugenden, wie sie dem Neutralen zuge- schrieben werden ­ sind gefragt in einer Zeit des permanenten Ernstfalls oder, in Umkehrung des berühmten Kant-Titels, in einer Zeit «ewigen Krieges».

Man muss beides können: sich verteidigen und Frieden schliessen. Strategische Führung im begin- nenden 21. Jahrhundert muss zurückfinden zur Kunst des Friedensschlusses ohne Rache und Vergel- tung, sonst bereiten uns Machtmärkte und globalisierter Kleinkrieg die Hölle. Die beiden grossen A, Amnestie und Amnesie, Vergeben und Vergessen, werden dabeisein müssen. Der Schlachtruf «Nie vergessen» ist verdreht worden. Gemeint ist nicht die Schuld anderer, sondern Fehler, die nicht zu wiederholen sind.

Hans Bachofner