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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 21. Juli 2000
Wie sich die Schweiz
an der Weltausstellung in Hannover präsentiert
Namenlos
Betritt der Besucher an der Weltausstellung in Hannover den Pavillon Frankreichs, dann wird ihm vom ersten Schritt an klar: Da stellt ein stolzes Land selbstbewusst seine Leistungen vor: wissenschaftliche Erfolge, industrielle Errungenschaften, viel Eigenständiges. Und unablässig wird wiederholt: Da wird der traditionelle und der moderne Charakter Frankreichs vorgestellt. Insgesamt eine - von «Kulturschaffenden» möglicherweise als «konventionell» abgetane - Leistungsschau eines in sich selbst ruhenden Landes.
Lenkt der Besucher seine Schritte danach zum Nachbarpavillon, so trifft er auf Originelles: kunstvoll aufgeschichtetes Holz, teilweise enge Gänge begrenzend, teilweise zu kleineren Plätzen sich öffnend, insgesamt zu einer Art Labyrinth gefügt. An den Stehbars - Sitzplätze laden nirgends zum Verweilen - auf den kleinen Plätzen gibt es vielleicht einige Häppchen Greyerzer. Oder Riesling. Oder sonst eine Spezialität einer Landesgegend. Ob ein Besucher - zum Beispiel ein Japaner - daraus zu schliessen vermag, dass er gerade die Schweiz besucht? Wo der Name dieses Landes doch nirgends zu lesen, eine Fahne oder ein Wappen nirgends zu sehen ist? Halt! Da werden auch kleine Inschriften auf die Holzstösse projiziert, technisch höchst raffiniert, damit Schattenwurf eines Besuchers die Lesbarkeit des Projizierten nie beeinträchtigt. Die Namen schweizerischer Stauseen werden da zum Beispiel aufgelistet. Ob ein Japaner aus «Mattmarksee» wohl auf die Schweiz schliesst? Nicht fehlen dürfen auch Anschwärzungen, platte Beschuldigungen an die Adresse unseres Landes. Als Autoren mussten teilweise längst Tote ausgegraben werden, «Kulturschaffende» wie Niklaus Meienberg, Hermann Burger, die da ihrer pubertären Lust am Heimat-Besudeln frönen: Wegen der Neutralität, wegen des erfolgrei- chen Réduit-Konzepts im Zweiten Weltkrieg, wegen der Banken. Lauter Platitüden, nichts auch nur annähernd Neues. Aber auch nur sehr klein projiziert, von den Besuchern folglich kaum beachtet.
Der Haupteindruck bleibt: Die Schweiz ist in Hannover namenlos. Ob sich denn jene, die unser Land - abgesehen von den Mark und Bein durchdringenden Dissonanzen der die Holzbeigen angeblich in «Klangkörper» verwandelnden Musikanten - da zweifellos mittels einer originellen Baute ausstellen, des Namens Schweiz schämen, dass sie ihn weder auszusprechen noch anzuschreiben wagen?
Hat sich die Schweiz neben dem selbstbewussten Frankreich eigentlich zu ducken? Oder offenbart sich zu Hannover einmal mehr jene Orientierungskrise, welche «Kulturschaffende» und sich besonders kulturbewusst gebende Vertreter der Classe politique nun schon seit Jahren heimsucht? Einerseits nehmen sie dem Bürger gerne und reichlich Geld aus der Tasche, mit welchem sie sich anschliessend aufwendig «selbstverwirklichen». Werden diese Selbstverwirklicher eigentlich mit sich selber nicht fertig, dass sie den Namen des Landes, dessen Bürger sie für sich zahlen lassen, nicht mehr in den Mund glauben nehmen zu dürfen?
Ulrich Schlüer