Nr. 17, 21. Juli 2000

Erfolgreiche Verbrechensbekämpfung in den USA
New Yorker Mordstatistik

Von Richard Anderegg, Washington

Die Verbrechensstatistik der amerikanischen Grossstadt New York darf sich sehen lassen. Die jüngste Entwicklung wirft die Frage auf, ob der tiefstmögliche Stand bereits erreicht ist.

Die Amerikaner sind Spezialisten, wenn es um statistische Erhebungen geht. Auch die Zahl der Morde stellt eine statistische Grösse dar. Seit 1993 kann in den Vereinigten Staaten ein anhaltender Rück- gang der Gewaltkriminalität festgestellt werden. Die Zahl der Mordfälle hat zwischen 1993 und 1999 landesweit von 24'530 auf 15'600 abgenommen.

Getrübt wird diese Statistik von den jüngsten Zahlen der Stadt New York, ausgerechnet von jener Stadt, die weltweit als Vorzeigemodell einer erfolgreichen Verbrechensbekämpfung durch einen konsequenten und unerbittlichen Einsatz der Polizeikräfte dient. In New York wie auch in vier weiteren Grossstädten der USA nahm die Zahl der Morde letztes Jahr plötzlich wieder zu. Zudem hat sich in New York der steigende Trend von 1999 in den fünf ersten Monaten des laufenden Jahres fortgesetzt. Bei den politi- schen Parteien ist diese Tatsache nicht unbemerkt geblieben. Der Stab der Präsidentengattin Hillary Clinton, welche für den dieses Jahr zu besetzenden New Yorker Senatssitz kandidiert, untersucht eifrig, ob der kurzfristige Verbrechensanstieg mit einer Schwäche des wegen einer Krebserkrankung als Senatskandidat ausgefallenen Bürgermeisters Giuliani zusammenhängt. Auch Hillary Clintons Kon- kurrent Rick Lazio befasst sich intensiv mit der Entwicklung der Verbrechenszahlen New Yorks.

Tiefstes Niveau erreicht
Der Polizeichef der amerikanischen Millionenmetropole, Howard Safir, weist alle politischen Spekula- tionen zurück und macht darauf aufmerksam, dass die Abnahme der Kriminalität in der Stadt New York seit 1990 weit ausgeprägter war als im Landesdurchschnitt und als in allen anderen Grossstädten. Die Zahl der Morde nahm in New York von 2345 im Jahr 1990 auf 671 im letzten Jahr ab. Die 671 Fälle von 1999 bedeuten zwar 52 mehr als 1998. Aber der Chefkommissar Safir äusserte dazu wörtlich: «Natür- lich ist das Ziel bei der Senkung des Verbrechens theoretisch immer null. Bloss ist das in einer Acht- millionenstadt nicht zu erreichen. Hier haben wir es einfach mit einer statistischen Schwankung zu tun.» Und weise fügte Safir hinzu: «Wir müssen selbstverständlich darauf hinarbeiten, alle Verbrechen noch weiter zu senken, aber vielleicht werden wir feststellen, dass wir beim Mord auf Grund gelaufen sind.»

Das scheint die Statistik des Jahres 2000 bis Ende Mai zu bestätigen. Es gab in New York in diesen fünf Monaten 269 Morde, gegenüber 248 in der gleichen Zeit des vergangenen Jahres. «Das ist verdammt wenig», sagte kürzlich ein Polizeisprecher, «man sollte uns gratulieren». Im Juni 2000 war dann, wie man jetzt erfährt, wieder eine leichte Senkung zu verzeichnen. Die Stadt New York hat vor zwei Monaten für die Polizei unbegrenzte Überstunden bewilligt, und die hohe Präsenz all der Über- stunden leistenden Polizisten scheint die Verbrechenszahl tatsächlich noch ein bisschen weiter gedrückt zu haben.

Es gab auffallende statistische Schwankungen. So gab es im laufenden Jahr zehn Morde an Taxi- chauffeuren, was man seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Kürzlich raubte ein junger Mann einen Laden aus und erschoss, ganz nach Manier der Mafia-Hinrichtungsmethode, alle fünf anwesenden Angestell- ten, die gefesselt am Boden lagen, mit Nackenschüssen. Auch die Polizei, deren Taten nicht mitge- zählt werden, trug durch ihre eigenen Auswüchse von Wildheit, wie sie etwa bei den 41 Schüssen und 19 Treffern gegen den Afrikaner Diallo und bei einigen üblen Interventionen in Brooklyn zu verzeichnen waren, zum Bild einer steigenden Brutalität bei.

Wissenschaftlich gab sich ein Kriminologe der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh, Alfred Blu- menthal: «Ich habe ausgerechnet, dass die Vereinigten Staaten, wenn die Zahl von Mord und Totschlag (sog. homicides) weiter wie seit 1990 abnimmt, bis 2007 völlig mordfrei sein werden. Eine offenbare Unmöglichkeit», sagte er mit der Erleichterung eines Mannes, der eine schwere Sorge los wird.

Auswirkungen der Hochkonjunktur?
Bei sachlicher Betrachtung drängt sich die nüchterne Erkenntnis auf, dass in New York heute ein tiefes Verbrechensniveau erreicht ist und dass es sich bei den rund 670 Mordopfern, regelmässig rund 50 pro Monat, um eine Verbrechenszahl handelt, mit der man in einer Achtmillionenstadt bei einem konse- quenten Einsatz der Polizeikräfte offenbar rechnen muss.

Das Thema dürfte jedenfalls weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sein. Ein beson- deres Augenmerk der Fachleute verdient die bemerkenswerte Tatsache, dass die Verbrechensabnahme in New York und in ganz Amerika zeitlich mit dem über acht Jahren ununterbrochenen Wirtschafts- wachstums zusammenfällt. Der offensichtliche Zusammenhang zwischen Wohlstand und tiefer Krimi- nalität scheint die These zu untermauern, dass die Grossstädte ein sensibler Gradmesser sozialer Spannung sind.

Richard Anderegg