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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer
am 20. August 1999 zur Expo 2001

Ohne die Schweiz?

Die Bauern, wenigstens die leistungsorientiert produzierenden - diese Bauern hätten
nichts zu suchen an der Landesausstellung. Auch die Kirchen seien nicht Expo-taug-
lich. Und eine Wirtschaft, die bloss ihre Errungenschaften darstellen wolle, sei ohne-
hin unerwünscht. Und auf Besucher, die möglicherweise auch einmal Lust auf eine
Bratwurst verspüren könnten, möchte man lieber verzichten.
Die Armee sei wohl als
Abfall-Wegräumerin geduldet, im übrigen aber (so sagte seinerzeit noch Pipilotti) nur,
wenn sie ein Defilée rückwärtsschreitend vorführe...

Über alles, was die Expo-Leitung nicht wollte, war sie sich von Anfang an im klaren. Sie woll-
te eine Schweiz ohne Schweizer, eine Schweiz ohne all das, was in der Schweiz täglich lebt.
Sonst bestehen nur noch über das Entsorgungskonzept klare Vorstellungen, freilich ohne
Kenntnis darüber, was es am Schluss überhaupt zu entsorgen geben soll.

Immerhin: Einige wenige - zwar eher abstruse - Ideen zirkulierten: Ein Institut für Eintags-Ehen
schwebte den Expo-Machern vor. Und eine Vorrichtung zur Gewinnung menschlicher Körper-
gase zwecks deren Abbrennung in Form von Minifackeln auf der Seeoberfläche... Solch Spinti-
sierereien vermochte die Expo-Leitung offenbar mit ihrer Vorstellung von «der Schweiz» zu ver-
binden. Dafür wurde unendlich «umstrukturiert». Zunächst wollte man möglichst «alle Kräfte»
in die Leitung integrieren. Jetzt soll sie wieder «gestrafft» werden, damit «effizienter gearbeitet»
werden könne. Nur das Beziehen ansehnlicher bis fetter Saläre hatte Kontinuität. Nie aber er-
fuhr man - weder von der erweiterten noch von der gestrafften Leitung -, wie sich die Expo-Lei-
tung die auszustellende Schweiz überhaupt vorstellt; was der Expo-Leitung die Schweiz be-
deutet. Man wolle, wurde man unwirsch abgewimmelt, eben «die Öffnung» der Schweiz zeigen,
nicht Ewiggestriges. Politiker begeisterten sich ob solcher Ankündigung, denn «Öffnung» ist
für Politiker ein geradezu idealer Begriff: Guttönend, wenn auch nichtssagend, vor allem auf
nichts verpflichtend. Das sagt auch den Medien zu - weil auch sie hinter dieser geschwollen
vorgetragenen Leerformel ihre Orientierungslosigkeit vertuschen zu können glauben. Den Aus-
stellungswerklern geriet das Öffnungsbekenntnis allerdings zur Katastrophe - sie hätten die
nichtssagende Leerformel ja mit Inhalt füllen müssen. Sichtbar wurde allerdings bloss ihre gei-
stige Leere der Schweiz gegenüber.

Jetzt, in der Katastrophe, soll «die Wirtschaft», deren Leistungsschau man bisher verschmäh-
te, retten. Sie verlangt, wie könnte es anders sein, zunächst eine «Machbarkeitsstudie» - nach-
dem man am vermeintlich Machbaren nun seit über zwei Jahren ziellos herumplant. Klar ist:
Tritt auch die Wirtschaft die Flucht in die nichtssagende «Öffnung» an, dann wird auch die
Wirtschaft scheitern. Man kann noch so viele Milliarden ins Projekt Expo investieren: Wer die
Schweiz zur Anti-Schweiz glaubt erniedrigen zu können, wer die Schweiz ohne die Schweiz
ausstellen will, wird vergeblich auf Besucher warten.

Ulrich Schlüer

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