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Nr. 16, 20. August
1999
Rückreisewelle
nach Kosovo ohne Beteiligung der Schweiz
Keine Sehnsucht nach der Heimat?
Von Thomas Meier, Zürich
Bereits mehr als
zwei Monate sind vergangen, seit der Krieg im Kosovo beendet und
die Kosovo-Friedenstruppe Kfor in die Republik einmarschiert ist. Schon
in den ersten
Tagen des Friedens setzte eine eigentliche Rückkehrerwelle nach Kosovo
ein; nach
Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) sind in den ersten
zwanzig Tagen
nach Kriegsende rund 600'000 der insgesamt 850'000 Geflüchteten in
den Kosovo zu-
rückgekehrt. Auch aus den meisten westeuropäischen Aufnahmeländern
haben be-
reits grosse Anteile der Kriegsvertriebenen wieder die Heimreise angetreten.
Dies gilt
nicht für die Schweiz.
Wie gross das Ausmass
des humanitären Elends ist, zu dem der Kosovo-Krieg geführt
hat, zei-
gen allein schon die beeindruckenden Flüchtlingszahlen. Nicht weniger
als 850'000 Menschen,
annähernd die Hälfte aller albanischstämmigen Kosovaren,
haben die Republik Kosovo verlas-
sen müssen. Ein Lichtblick ist die Tatsache, dass in den ersten acht
Wochen seit Kriegsende
bereits 755'500 Personen, das sind 88,9 Prozent der Geflüchteten,
wieder in ihre Heimat zu-
rückgekehrt sind. Insbesondere in den Nachbarstaaten sind nur ganz
wenige Vertriebene ver-
blieben; 648'500 der insgesamt 667'000 in die beiden Staaten Albanien
und Mazedonien ge-
flüchteten Menschen sind inzwischen wieder in ihre Heimat Kosovo
zurückgekehrt. Auch in
den Ländern ausserhalb des Balkanraumes hat eine eigentliche Rückreisewelle
eingesetzt.
Mehr als 17'000 der 17'300 Personen, die in der Türkei Zuflucht gefunden
haben, konnten das
Land bis zum 2. August Richtung Heimat verlassen. Aus Deutschland sind
inzwischen 3750
Kosovo-Albaner wieder abgereist, das ist mehr als ein Viertel der in dieses
Land Geflüchteten.
Sonderfall Schweiz
Völlig aus dem
Rahmen fällt einmal mehr die Schweiz. Nicht nur, dass unser Land
von allen
Staaten ausserhalb des Balkanraums in absoluten Zahlen am meisten Flüchtlinge
aufgenom-
men hat - bis Ende Juli waren es gemäss Mitteilung des Bundesamtes
für Flüchtlinge (BFF)
deren 64'871 - und im Verhältnis zur Bevölkerung vierzigmal
mehr Menschen aus dem Kosovo
eine Zuflucht gewährt hat als Deutschland, auch bei der Frage der
Rückkehr spielt die Schweiz
eine Aussenseiterrolle. Einschliesslich des Fluges vom 16. August haben
bisher 1550 Kosovo-
Flüchtlinge unser Land wieder verlassen. Das sind nur gerade 2,4
Prozent der Aufgenommenen.
Die Zahl der Rückkehrer aus der Schweiz dürfte auch in den nächsten
Monaten kaum anstei-
gen; das BFF rechnet bis Ende dieses Jahres mit ganzen 2000 Rückführungen.
Wirkungslose Rückkehrhilfe
Die geringe Lust der
Kosovo-Flüchtlinge, unser Land wieder zu verlassen, ist um so erstaunli-
cher, als die Schweiz eine äusserst attraktive Rückkehrhilfe
gewährt; 2000 Franken werden
jedem erwachsenen Ausreisenden bar auf die Hand bezahlt, es wird der Flug
berappt, weitere
materielle Hilfe gewährt und zusätzlich Strukturhilfe für
den Wiederaufbau in der Höhe von 2000
Franken geleistet, was insgesamt eine Rückkehrhilfe von rund 5000
Franken pro erwachsene
Person ausmacht. Alle anderen Länder sind da weit weniger grosszügig.
Frankreich gewährt
den Rückkehrern einen Betrag von 3000 Franc (770 Franken), Deutschland
und Österreich be-
zahlen umgerechnet weniger als 400 Franken, und ein aus den USA ausreisender
Flüchtling
erhält nur 500 Dollar Reisespesen. Wenn diese Länder trotz wesentlich
geringerer Hilfe eine
deutlich höhere Rückkehrerquote als die Schweiz aufweisen, so
zeigt dies, dass die Höhe der
Rückkehrhilfe keine Motivation zur Ausreise darzustellen vermag.
Es ist, auch wenn es die
meisten Medien verschweigen, eine Tatsache, dass kein Land ausserhalb
des Balkanraums
auch nur annähernd soviel zur Linderung des durch den Kosovo-Krieg
verursachten Flüchtlings-
elendes beigetragen hat wie die Schweiz.
Kosovo-Flüchtlinge
als Dauerproblem?
Weshalb die zuständigen
Instanzen jetzt nicht alles daran setzen, dass die geflüchteten Men-
schen unverzüglich in ihre Heimat zurückkehren und sich dort
am Aufbau beteiligen können,
ist unverständlich. Weshalb wird der gleiche beeindruckende Einsatz,
mit dem die Kapazität
der Aufnahmestellen innert kürzester Zeit auf 9000 Personen pro Monat
gesteigert werden
konnte, jetzt nicht dafür verwendet, um wenigstens ebenso viele Flüchtlinge
pro Woche wieder
in die Heimat zu fliegen, wie dies in Deutschland möglich ist (welches
bekanntlich in absolu-
ten Zahlen viermal weniger Kriegsvertriebene aufgenommen hat als die Schweiz)?
Angesichts
der viel zu tiefen Zahl von rund 500 Rückkehrern pro Woche - es sei
vermerkt, dass heute noch
mehr Flüchtlinge neu in unser Land strömen, als in den Kosovo
zurückkehren! - muss befürch-
tet werden, dass das Thema Kosovo-Flüchtlinge zu einem Dauerproblem
in unserem Land wird.
Zwar liess der Bundesrat vor einer Woche verlauten, dass die Flüchtlinge
aus dem Kosovo bis
zum 31. Mai 2000 wieder in ihre Heimat zurückkehren müssen.
Die Tatsache jedoch, dass
selbst heute, drei Jahre nach Beendigung des Bosnien-Krieges, noch immer
mehr als 8000
bosnische Flüchtlinge bei uns weilen, lässt die Prognose zu,
dass die Schweiz noch jahrelang
die grosse Last wird tragen müssen, die mit der Betreuung und Versorgung
von Zehntausenden
von Kosovo-Flüchtlingen verbunden ist.
Thomas Meier
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