Nr. 16, 13. August 2010

Glossen von Arthur Häny
Die Wettervorhersage

Am Morgen stehe ich auf und ziehe die Rollläden hoch. Draussen begegnet mir ein grauer, melancholischer Tag. «Hat man nicht gestern abend am Fernsehen Sonne vorausgesagt?» frage ich Marieluise, meine Frau.
«Es tönte jedenfalls viel besser als es jetzt aussieht.»
«Ich weiss gar nicht mehr recht, was man vorausgesagt hat. Oft höre ich nur mit einem Ohr hin und betrachte stattdessen mit beiden Augen die Wetterprophetin.»

«Das gleicht dir!» lacht Marieluise. «Aber wir hätten eigentlich selber merken können, dass die Sonne heute nicht so leicht durchkommt.»

«Wieso?»

«Die Krähen krächzten gestern abend laut und zänkisch! Ein unfehlbarer Hinweis auf einen Wetterwechsel.»

«Ja, wenn man auf die Krähen hörte, brauchte man keine teuren Computersysteme, um das Wetter von morgen zu berechnen.»

«Aber die Computer rechnen doch viel weiter voraus! Die Krähen dagegen, denke ich, interessieren sich nur für den kommenden Tag, und wir selber meistens auch! Darum frage ich mich manchmal, warum wir die Wettervorhersage am Fernsehen überhaupt mit ansehen. Aus lauter Gewohnheit?»

«Auch darum, weil sie immer auf die Abendnachrichten folgt. Und wenn man dort gehört hat, wie viel Aufregendes, Verworrenes oder Verruchtes wieder auf Erden geschehen ist, erwartet man gerne friedlichere Berichte über den Himmel. Aber da tönt es dann oft nicht weniger kriegerisch: ‹Es ist eine Kaltfront im Anzug›… Oder es gibt Berichte über Sturmböen, Hagelwetter und grosse Gewitter, die Erdrutsche oder Überschwemmungen verursachen…»

«Zum Glück sind die meisten Gewitter harmloser; doch aufregend sind sie allemal; am liebsten sehe ich ihnen von weitem zu. Sie donnern dann so dumpf in der Ferne wie Kegel über eine Kegelbahn... Aber was das künftige Wetter betrifft – das erkundeten wir in unserer Jugend sehr viel einfacher.»

«Wie denn?»

«Wir haben uns doch nie um Hoch- und Tiefdruckgebiete gekümmert! Dort wo ich aufwuchs, in Schiltwald im obersten Aargau, dicht an der Grenze zum Kanton Luzern – dort hatte man eine prächtige Aussicht, wenn man zum ‹Fuchswald› hinaufstieg. Man sah auf der einen Seite bis zum Jura hinunter und auf der anderen bis in die Innerschweiz hinein. Da erkannte man denn auch den Pilatus von weitem, von dem es hiess: ‹Trägt der Pilatus einen Hut,/ ist das Wetter gut,/ hat er einen Degen,/ gibt es Regen›.»

«Schade, dass wir von Zürich aus den Pilatus nicht sehen können.»

«Es gab aber noch andere handfeste Hinweise auf das Wetter. Wir Kinder machten oft Waldwanderungen mit unserem Vater, und da stiessen wir auf stattliche Ameisenhaufen, die wir aufmerksam betrachteten. Wenn die Ameisen ihre kleinen weissen Larven ausbuddelten und an die Sonne legten, dann zeigte das an, dass wir an diesem Tag bestimmt keinen Regenschirm brauchten.»

«Auch daran können wir uns leider nicht mehr orientieren! So oft wir jetzt auch miteinander spazieren gehen im Zürcher Wald, so selten begegnen wir noch einem ausgewachsenen Ameisenhaufen.»

«Es existierten noch andere Wetterzeichen. Wenn die Metallröhre nass war, die vom Brunnen vor dem Haus in die Küche führte, dann hatten wir mit Regen zu rechnen. Einige allgemeine Hinweise kennen die Leute übrigens auch heute noch: das Morgenrot, das Regen, und das Abendrot, das schönes Wetter verspricht – oder die pfeilschnell herumschwirrenden Schwalben, die ein Gewitter ankünden.»

«Du bist ja dort in Schiltwald einst noch ganz in der Natur aufgewachsen.»

«Ja, zu beobachten gab es viel! Wenn die Käthe, unsere schwarze Katze, in die Stube hereinkam, mit einem Satz auf die Ofenkunst sprang, sich dort einrollte und liegen blieb, dann sagte meine Mutter, dieser Tag komme nicht als Waschtag in Frage, weil man die gewaschene Wäsche nachher nicht im Freien aufhängen und trocknen könne. Es werde nämlich so lange regnen, bis die Käthe ihren Schwanz wieder hervorhole und sich recke und strecke.»

«Das war ja ein Wetterprophet, so schwarz wie die Krähen! – Ach ja, dieses Wetter, es beeinflusst unsere Stimmung nur allzu sehr. Früher jammerte auch ich über einen verregneten Sommer oder einen nasskalten Frühling. Heute nehme ich diese Dinge gelassener. Gewiss, ich fühle auch jetzt noch Erbarmen mit einem Bauern oder einem Winzer, dem das schlechte Wetter die Ernte verdirbt. Aber wir anderen, die wir nicht so direkt an der Nabelschnur der Natur hängen, sollten doch geduldiger werden. Wir nehmen uns selber zu ernst und klagen zu viel – und anderseits haben wir zu wenig Ehrfurcht vor der Natur. Auf längere Sicht gleichen sich Hitze und Kälte, Sonne und Regen ja meist wieder aus. Und übrigens sind manche Störungen der Atmosphäre zweifellos von den Menschen selber verursacht.»

«Ich bin nur froh, dass wir das Wetter noch nicht selber machen können!» sagt Marieluise.

«Allerdings! Die Technik-Freaks glauben in erschreckendem Mass an die Machbarkeit aller Dinge. Ich halte das für einen sehr gefährlichen Unsinn. Wir Menschen sind nämlich nicht halb so mächtig wie wir meinen. Wir können zwar eine Fliege totschlagen, aber neu erschaffen können wir keine… Wir sollten wieder bescheidener werden und mehr Ehrfurcht vor der Schöpfung empfinden. Dann sähen wir auch das Wetter mit anderen Augen an und beurteilten es nicht nur nach unseren eigenen Bedürfnissen... Die heutige Gesellschaft ist eine Anspruchsgesellschaft, und das ständige Mehr-und-noch-mehr-Wollen treibt sie an den Rand des Ruins.»

«Jetzt bist du aber ins Moralisieren geraten!» meint Marieluise.

«Widersprechen kann ich dir leider nicht. Aber sieh doch einmal durchs Fenster hinaus: schon hellt sich der düstere Morgen auf, und die ersten Sonnenstrahlen tanzen im Garten.»

Arthur Häny