Nr. 16, 26. Juni 2009

Glossen von Arthur Häny
Das Hagelwetter

Es gab gegen Ende des Monats Mai eine Reihe von warmen, ja heissen Tagen; der Sommer war mitten in den Frühling hineingerutscht. Alles blühte überschwänglich auf unserem Balkon: vom Rosmarin über die Glockenblumen bis zur Klematis. Im Irchelpark konnte man eine Heckenrose bewundern, die hoch hinauf in die Föhren geklettert war und das Dunkelgrün der Nadeln mit lieblichem Weiss und Rosa verzauberte. Es waren selten schöne Tage, zuzeiten ganz wolkenlos, voll überströmender Sonne. Sie waren fast zu schön, um wahr zu sein, diese Tage.

Aber dann wurde es allmählich dunstig und schwül. Man spürte, dass sich etwas Drohendes zusammenballte. An einem Nachmittag verfinsterte sich der Himmel; schwarz und schwärzer türmten sich die Wolken auf; es wurde rundum so dunkel, dass man genötigt war, das Licht anzuzünden. Alles war totenstill, kein Vogel pfiff. Plötzlich brach der Hagel los, es klirrte und knackte, es knallte und splitterte, man konnte nur noch in aller Eile die Rollläden herunterlassen, um wenigstens die Fenster vor dem Geprassel zu schützen. Und dann sass man in den Zimmern drin wie in einem umstürmten Schiff und konnte nichts weiter tun als alles geschehen lassen – wie es einem noch öfters im Leben passiert!

Bald war der Spuk vorüber und hinterliess eine breite Spur der Verwüstung. Zerfetzte Blumen und Blätter, zerschlagene Ästchen, geknickte Gräser – und überall diese Eiskugeln, in rauen Mengen herab geschleudert – ein schlimmer Anblick für Gartenfreunde, ein entsetzlicher Anblick für Bauern und landwirtschaftliche Produzenten, die ihre Saat dem offenen Himmel anvertraut hatten! Die Strassenränder sahen bedenklich aus. Der Hagelsturm hatteaber das Land nur strichweise verwüstet . Diesmal hatte es uns getroffen. So schnell es gekommen war, so schnell war das Unwetter auch wieder vorbei.

Das alles hatte es ja schon oft gegeben. Manch einer mag sich trotzdem im stillen gefragt haben: Warum hat es diesmal gerade mich erwischt? Habe ich mich irgendwie verfehlt? Wer ist eigentlich schuld an diesem Zornausbruch des Himmels?

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Und diese Frage hat man sich schon vor Jahrtausenden gestellt, wie nachzulesen ist bei den alten Dichtern    .

«Iam satis terris nivis atque dirae / grandinis misit pater…»

«Schon (über)genug an Schnee und grausigem Hagel hat der Vater geschickt…»

So klagt am Anfang eines Gedichtes der grosse römische Dichter Horaz. Doch welcher «Vater» hat den Hagel geschickt? Jupiter ist gemeint, der Göttervater der Römer, ihr oberster Gott! Er persönlich scheint ein solches Unwetter veranlasst zu haben. War es aus Zorn über die Freveltaten der alten Römer, die sich damals in einem grimmigen Bürgerkrieg zerfleischten? Letzten Endes verstand der Dichter den Bürgerkrieg selbst als das Hagelwetter.

Schon siebenhundert Jahre vor Horaz bewaffnete Homer den höchsten Gott der Griechen, den Zeus, mit dem Blitz. Zeus regnete, blitzte und donnerte cholerisch; er hatte wohl immer wieder einen Grund, sich oben auf seinem Olymp über das mickrige Menschenvolk da unten aufzuregen – oder über die rebellischen Titanen, die auf ihn losstürmten, um ihm seinen Herrscherthron zu entreissen. – Ebenso galt den alten Germanen der ulkige Thor mit seinem ‹Hammer› als Gewittergott. So haben denn, vermute ich, alle alten Völker das Gewitter «persönlich genommen». Sie haben seinen Urheber mit Namen genannt und die angerichteten Verwüstungen oft auf eigenes Fehlverhalten zurückgeführt.

Davon sind wir heutzutage weit entfernt. Die Meteorologen sprechen von Kalt- und Warmluftströmen, die im Aufeinandertreffen ein Gewitter erzeugen, und führen uns entsprechende Wetterkarten vor Augen. Sie verstehen das Hagelwetter als ein rein physikalisches Ereignis. So persönlich es uns auch treffen mag, wir nehmen es im allgemeinen nicht mehr persönlich, versuchen niemanden dafür haftbar zu machen. Ein Zorn auf den Himmel ist nicht mehr aktuell. Die Heidengötter sind längst entthront und existieren nur noch in den Texten der alten Klassiker. Diese Götter mit ihrer durchtriebenen Schläue, ihren Liebesabenteuern, ihren cholerischen Ausbrüchen von Eifersucht, Neid und Zorn – sie gelten uns heute als Projektionen unser selbst und sind in das phantastische Land der Mythen verbannt.

Aber irgendwie befriedigen uns die abstrakten Darlegungen der Meteorologen doch nicht ganz. Wenn es so übermächtig blitzt und donnert, strömt oder hagelt – wer fühlte da nicht dunkel, dass beim Gewitter im Grunde eben doch etwasDämonischesim Spiel ist? Dass da eine zerstörerische Urgewalt erscheint? Nur sind wir «aufgeklärten» Menschen nicht mehr bereit, diese Eruptionen einem zornigen Gott oder Dämon zuzuschreiben. Wenn es einen solchen gäbe, so wäre es zweifellos ein Dämon des Vernichtens. Und wer wäre das? Der christlich verstandene Gott kann es nun wirklich nicht sein! Denn schon seine ersten Zeugen verkünden unmissverständlich, «dass Gott Licht ist und keine Finsternis in ihm ist» (1.Johannes 5). Aber es gibt ein Oben und ein Unten auf dieser Welt; es gibt neben den lichten auch dunkle Gewalten. Und das nicht nur in den Menschen, in denen sie Hass und Hader, Krisen und Kriege erzeugen – sondern auch in der Natur. Man denke an Erdbeben, Sturmfluten oder Vulkanausbrüche… Wir leben auf einem unruhigen Stern, der inwendig voll Feuer ist, das sich rastlos regt. Diese dunklen Gewalten erscheinen im Mythos als Dämonen oder Götter, die sich gegen den obersten, ordnenden und richtenden  Gott erheben. Das Chaos bäumt sich gegen den Kosmos auf. Das ist eine uralte Erfahrung der Menschheit.

Im Augenblick ihres Ausbruchs sind diese Aufstände furchtbar. Aber sie gehen meist rasch vorüber. Auf die Dauer behaupten sich immer wieder die schöpferischen und bewahrenden Kräfte. Den Beweis dafür haben wir zum Glück rundum vor Augen. Die gepeinigten Bäume und Sträucher erholen sich vom Hagelwetter, und schon blühen die Rosen und Lilien wieder auf in den Gärten.

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Arthur Häny