Nr. 16, 30. Juni 2006

Der grösste Mangel schweizerischer Armeeplanung
Es fehlt an strategischem Denken

Von Hans Bachofner, Divisionär aD, Winterthur

In wenigen Tagen erscheint unter dem Titel "Armeereform in der Beschleunigungsfalle" eine Publikation, die eine erweiterte und aktualisierte Fassung eines am 28. Januar 2006 in Aarau an der sifa-Wintertagung zur Sicherheitspolitik gehaltenen Vortrags von Divisionär Hans Bachofner enthält und als "Aufruf zu mehr strategischem Denken" zu verstehen ist.

Die "Schweizerzeit" druckt nachstehend Auszüge aus dieser Schrift ab, welche die Bedeutung strategischen Denkens ins Zentrum stellen. Die Leser der "Schweizerzeit" können diese höchst aktuelle, interessante Publikation kostenlos anfordern.


Strategisches Denken

Strategisches Denken ist mehr als ein Blick über den Kugelfang. Politiker sind in der Regel Quereinsteiger, die plötzlich mit strategischen Fragen konfrontiert werden und auch der Feldherr, der strategos, wächst nicht auf Bäumen heran. Es gibt keinen anderen Weg als lesen, Wissen erwerben, selber denken und üben, ein Leben lang. Es fehlt nicht an Literatur, Erfahrungen, Lehre; es fehlt den strategischen Entscheidträgern aber zu oft an Wille und Lernbereitschaft, an Respekt vor dem nötigen Grundwissen. "Wir haben jeden Tag Ernstfall", lautet die Standard-Ausrede der Verantwortlichen, die dem Training in Übungen ausweichen wollen. Sie haben auch Angst vor der Blamage und der Übungskritik, denn Übung ist auf dieser Stufe auch Prüfung.


Konstanten und Variablen

Strategisches Denken unterscheidet Konstanten (die allem strategischen Handeln innewohnende paradoxe Dialektik, die stete Eskalation, meist in Form von mission creep internationaler Organisationen, die Rechtlosigkeit und Grausamkeit) von Variablen (die neuen Kriege, ihre Entstaatlichung, Ökonomisierung und Asymmetrisierung).

Strategisches Denken erkennt und unterscheidet imperiales von hegemonialem Verhalten grosser Mächte.

Strategisches Denken kennt die unterschiedlichen strategischen Kulturen mit ihren Elementen Geographie, Geschichte, Gesellschaft und Wirtschaft und berücksichtigt Identität stiftende Faktoren.

Strategisches Denken befasst sich mit den globalen Trends der demographischen Entwicklung, mit Wanderungen, Migration, Flucht, mit Umweltveränderungen, internationaler organisierter Kriminalität, technologischen Entwicklungen.

Strategisches Denken umfasst alle fünf Räume moderner Kriegführung: Weltraum, Luftraum, Meere, Boden und Cyberspace.

Strategisches Denken befasst sich mit der Macht der Menschen und der Ideen, durchschaut Zeitgeist-Ideologien und verfällt ihnen nicht.


Richtige und falsche Fragen

Strategisches Denken stellt hartnäckig die richtigen Fragen: Bei militärischen Auslandeinsätzen z. B. fragt es nicht "Was könnten wir auch noch tun? Könnten wir auch noch einige Dutzend Freiwillige nach Afghanistan schicken?", sondern: "Was soll herauskommen, politisch, militärisch, wirtschaftlich, strukturell, gesellschaftlich? Kann Schweizer Militär dieses Ziel überhaupt erreichen? Was wäre, wenn keine Schweizer dort wären? Was ist unser nationales Interesse? Das wirkliche Interesse anderer? Wie verhalten sich Aufwand und Ertrag?"

Strategisches Denken kennt keine lächerliche "me too-Armee", die überall dabei sein will, alles nachzuahmen versucht und jeder Militärmusik nachrennt. Die Lagebeurteilung vor einem Auslandeinsatz ist zu einer neuen Disziplin herangewachsen in den Misserfolgen der letzten Jahre. General Rupert Smith hat aus eigenem Erleben darüber geschrieben, wer ihn nicht gelesen und verstanden hat, sollte nicht mitsprechen in diesen Fragen.


Fachkenntnis statt Ideologie

Wir brauchen weniger Ideologie und mehr nüchterne Fachkenntnis in den Stäben und Direktionen und präzisere Fragestellungen beim politischen Personal. Und auch Bescheidenheit: Es sei das einzige Symptom von Dummheit, wissen zu wollen, welche Reformen die Welt brauche, schreibt Nicolás Gómez Dávila. Auch strategisches Denken kennt die Zukunft nur aus Szenarien. Der Entscheidträger muss trotzdem handeln, wohlinformiert, vorsichtig, schrittweise, immer handlungsfähig bleibend. Verloren hat er, wenn er eingesteht, es gebe keine andere Lösung, es herrsche Sachzwang. Er könne z.B. ins Ausland geschickte Truppen gar nicht mehr zurückziehen, auch wenn er wollte, aus Korea, Afghanistan, dem Kosovo und Bosnien.


Übungen

Die Schweiz pflegte während langen Jahren eine beispielhafte strategische Übungskultur. Politiker aller Parteien, die Verwaltungen von Bund und Kantonen, die Armeespitze mit ihren Stäben und die Wirtschaft schickten ihre besten Leute, setzten sich in Klausur einer simulierten Verbundkrise aus, suchten Lösungen, exponierten sich mit Übungsentscheiden. Sie entdeckten Lücken und Mängel, trainierten Befehlsgebung, Kontrolle und Korrektur auf höchster Ebene. Ein dichtes Netz von Verantwortungsträgern, die sich mit ihren Stärken und Schwächen kannten, lag über der Schweiz. Man wusste, wo man fragen konnte, auf wen man sich verlassen konnte, sprach eine gemeinsame Sprache, assoziierte ähnlich, wenn strategische Begriffe gebraucht wurden, man war vertraut mit den Rechtsgrundlagen, mit Kompetenzen und Mitteln. Keiner ging zurück an seinen Arbeitsplatz ohne Anregungen für Neuerungen im eigenen Bereich. Man lernte auch Kandidaten kennen für schwierige höchste Funktionen und andere, die nicht überzeugten.

Diese Übungskultur wurde abgebaut auf ein Minimum. Es geschieht nicht nichts, aber viel zu wenig. Der nötige Druck für die Herstellung eines krisensicheren Führungsnetzes kann nicht aus der Verwaltung kommen, es braucht Parlamentarier und Bundesräte, die erkennen, dass gerade jetzt in den grossen strategischen Umbrüchen Impulse nötig sind. Es wird Bequemlichkeit und Widerstand zu überwinden sein, aber das gehört zum Metier der Staatsführung. Und es braucht Übungsleiter mit Vorstellungsvermögen, strategischem Weitblick und Zivilcourage, die in keinem Moment an ihre nächste Beförderung denken, die fähig sind, die besten Kenner der Materie in Riesenstäben zu einer anspruchsvollen Leistung zusammen zu führen. Diese Leute gibt es, man muss ihnen nur Auftrag und Mittel geben, sie in ihrer Arbeit unterstützen und kontrollieren.


Es braucht eine strategische Doktrin

Üben kann man nur auf der Grundlage einer strategischen Doktrin. Man darf dabei das strategische Denken nicht reduzieren auf Krisenmanagement. Das ist etwas anderes, tiefer einzustufendes.

Die Übungsanlagen müssen Problemlagen existentieller Natur enthalten, müssen zu interdepartementaler Gesamtleitung von Staat und Armee provozieren. "Créer l'événement" ist der schwierigste und anspruchsvollste Teil der Arbeit eines Übungsleiters und seines Stabes. Man mache sich wenig Sorgen um die nachfolgenden operativen und taktischen Stufen. Sie sind gut geführt und werden die Impulse der oberen Stufe rasch aufnehmen.

Die Forderung lautet, das strategische Dach über dem Haus sei so zu konstruieren, dass es den neuen Unwettern standhalte.


Das Ziel

Eine strategische Doktrin, umfassend, gründlich, nüchtern, realistisch, unabhängig von Alibi-Kommissionen und Druck aus Washington und Brüssel, ist notwendig, wenn dieses Land die Geschlossenheit nicht verlieren will. Die Milizarmee darf nicht zum Spielball einer herrschenden Klasse und von Mode-Ideologien werden. Wir brauchen nicht ein Staatspapier mehr in der Schublade, sondern Ziele, Pflöcke und Grenzziehungen für Funktionäre. Ihr Widerstand ist verständlich. Niemand wünscht sich Einengung der Bewegungsfreiheit. Dieser Widerstand ist zu brechen. Aber es ist auch dafür zu sorgen, dass die Verantwortungsträger den nötigen Spielraum behalten. Die Verfassung darf nicht nach Manier von Winkeladvokaten ausgelegt werden. Unabhängigkeit und Neutralität sind so zu umschreiben in der Doktrin, dass sie von allen verstanden werden. Es ist deutlich zu machen, dass Freiheit und Unabhängigkeit auch auf andere Weise verspielt werden können als auf dem Schlachtfeld.

Hans Bachofner, Divisionär aD