Nr. 16, 23. Juli 2004
Linksextremismus in der Schweiz 2003 (Teil
IV - Schluss)
Achtzehn verletzte Polizisten
Von Dr. Paul Ehinger, Zofingen AG
Linksextremistische Gewaltexzesse waren und sind
kaum voraussehbar. Das zeigte sich erneut bei den Krawallen am Wochenende
vom 11./12. Oktober 2003 in Zürich. Sie entstanden unter dem Slogan «Reclaim
the streets».
Ähnliche Anlässe hatten auch in anderen Städten in den
Monaten zuvor stattgefunden. Doch am 11./12. Oktober 2003 offenbarte sich
ihr «wahrer Charakter».
Beginn
Um 20.30 Uhr setzte sich ein Umzug mit rund fünfhundert bis sechshundert
Personen von der Josefswiese aus in Richtung Escher-Wyss-Platz in Bewegung.
Mit der Zeit gesellten sich immer mehr vermummte Extremisten zum Umzug, und
die Stimmung wurde rasch aggressiver. Bei der Kornhausbrücke kam es zur
ersten Konfrontation. Die Polizei wurde massiv mit Steinen und anderen
Gegenständen angegriffen, weshalb sie Gummischrot und Tränengas
einsetzte. Nach weiteren Scharmützeln eskalierte die Gewalt gegen zwei
Uhr früh. Ein harter Kern von etwa hundert «Aktivisten» (selbst
von der NZZ am 13. 10. 2003 auf S. 33 so benannt) errichtete auf der Hohlstrasse
Barrikaden und zündete Container an. Damit blockierten sie den Verkehr.
Die Polizisten
wurden erneut massiv mit Steinen angegriffen. Diese antworteten mit Reizgas
und Gummischrot. Erst gegen 4.30 Uhr flauten die Unruhen ab.
Bilanz
Die Ausschreitungen hatten zur Folge, dass ein Polizist durch einen Steinwurf
am Bein verletzt wurde und hospitalisiert werden musste. Der Vandalismus verursachte
Schäden zwischen 60 000 bis 80 000 Franken, dies durch Beschädigung
von vier Personenwagen, darunter ein Streifenwagen der Stadtpolizei. Sodann
wurden zahlreiche Billettautomaten und Wartehäuschen mit Farbe verschmiert.
In einem Tramdepot besprayten die Extremisten vierzehn Tramzüge. Auch
das Gebäude eines Tramdepots wurde verunstaltet. Ferner warfen sie mit
Bierflaschen die Schaufensterscheibe eines
Coiffeursalons ein, beschädigten den Betriebskasten einer Lichtsignalanlage
und zerstörten die Barrieren für eine Nachtsperrung.
Aufschlussreich die Reaktionen: Die Absicht der Demonstranten sei ein «fröhlicher
Umzug mit Musik gewesen», hiess es. Der Polizei-Einsatz sei «völlig
unangemessen» gewesen. Der grüne Gemeinderat Balthasar Glättli
(inzwischen Präsident der Zürcher Links-Grünen) meinte: «An
der Kundgebung waren in erster Linie Party-People zugegen, die ein friedliches
Strassenfest feiern wollten.»
Ganz anders sah es Reto Casanova, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich.
Die Polizei hätte lange nicht eingreifen können, weil an der Umzugsspitze
Kinderwagen mitgeschoben worden seien. Vermutlich richtig sah es der SVP-Gemeinderat
Mauro Tuena: «Bei den Teilnehmern der unbewilligten
Kundgebung herrschte von Anfang an eine gehässige Stimmung. Schon bald
mischten sich immer mehr Vermummte unter die Menge.» (NZZ 14. 10. 2003,
S. 51).
Rede- und Meinungsfreiheit behindert
Dass unter dem Deckmantel der Globalisierungskritik auch vor Behinderung der
Rede- und Meinungsfreiheit nicht zurückgeschreckt wird, zeigte der vorzeitige
Abbruch einer Tagung des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft
(Buwal) und des WEF im Zürcher Kongresshaus am 31. Oktober 2003. Via
Internet konnten die Gegner etwa hundert Leute mobilisieren, die vor dem
Gebäude zum Teil vermummt protestierten. Sie erreichten den Abbruch der
Tagung, was sie allerdings nicht davon abhielt, danach in der Innenstadt zu
randalieren. Sie bewarfen Fahrzeuge mit brennenden Molotow-Cocktails. Die
Polizei nahm in der Folge siebzehn Chaoten vorläufig fest, darunter drei
Frauen. Eigentlich erschreckend die Kapitulation der Zürcher Stadträtin
und Polizeivorsteherin Esther
Maurer: «Ich will in Zukunft keine solchen Veranstaltungen mehr in Zürich.»
Dieser Meinung schloss sich selbst die NZZ an! (4. 11. 2003, S. 49)
Mit Schwefelsäure gegen Polizisten
Ein neues Element linksextremistischer Gewalt tauchte bei Krawallen in Basel
am späteren Samstagnachmittag des 15. November 2003 auf: Bei einer unbewilligten,
sogenannten «Anti-Repressions-Kundgebung» wurden drei Polizisten
mit Schwefelsäure attackiert. Sie mussten mit Verätzungen an Hals,
Unterarmen und Händen ins Spital eingewiesen und ambulant behandelt
werden. Die Polizei sprach in ihrer Mitteilung von einem «Säure-Attentat»
und einem «Saubannerzug». Der Basler Polizeikommandant Roberto
Zalunardo zeigte sich vor Ort gegenüber der Nachrichtenagentur SDA «entsetzt»
über «diese Art von Gewalt» gegen Beamte.
Die unbewilligte Demonstration hatte sich laut Polizei aus Gruppierungen des
linksextremen Spektrums zusammengesetzt. Obwohl sich die Demo insbesondere
gegen die Polizei und ihre Einsätze etwa bei der Räumung besetzter
Liegenschaften richtete, liess die Polizei die rund vierhundert Personen unbehelligt
vom Barfüsserplatz aus durch die Stadt ziehen. Angeführt wurde der
Zug von etwa hundertzwanzig aus Zürich angereisten Chaoten des «Schwarzen
Blocks». Er hinterliess eine bleibende Spur in Form zahlloser Sprayereien
an Fassaden, Autos und Trams. Die Situation spitzte sich zu, als sich am Marktplatz
von zwei Seiten Polizeigrenadiere den Demonstrierenden in den Weg stellten.
Erste Petarden flogen. Zur direkten Konfrontation kam es, als die Linksextremisten
plötzlich über die Mittlere Brücke ins Kleinbasel rannten.
Strassenkrawalle
Sie gingen mit Petarden, Flaschen und Farbbeuteln auf die Polizei los. Die
Polizei setzte dagegen Tränengas und Gummischrot ein. In den beiden Kleinbasler
Einkaufsstrassen Greifengasse und Clarastrasse kam es zu massiven Sachbeschädigungen.
Zahlreiche Schaufenster gingen in Brüche.
Um Plünderungen zu verhindern, stellte sich eine mit Helm bewehrte Demonstrantin
vor das zerbrochene Schaufenster eines Uhrenladens. Dennoch mussten elf Demonstranten
festgenommen werden. Sie wurden aber nach Feststellung der Personalien wieder
auf freien Fuss gesetzt - unter
Androhung einer Anzeige wegen Landfriedensbruchs, Sachbeschädigung, Körperverletzung
und Störung des öffentlichen Verkehrs.
Und auch hier das gleiche Spielchen: Die Demonstranten selber zählten
rund tausend Teilnehmer. Am Marktplatz sei es zu «Provokationen»
seitens der Polizei gekommen, behauptete das «Revolutionäre Bündnis
Basel» in einem Communiqué. Nachher hätten die Gesetzeshüter
dann einen Angriff mit Gummischrot, Tränengas und gashaltiger Flüssigkeit
gestartet. «Autonome und anarchische Gruppen» (gemäss Lesart
der Depeschenagentur SDA) widersprachen tags darauf in einem Communiqué
der Darstellung der Polizei: Mehrere Augenzeugen hätten berichtet, dass
ein Polizist unabsichtlich seine Kollegen mit Pfefferspray oder einem ähnlichen
Stoff bespritzt habe, wurde ziemlich kühn behauptet.
Regierungsrat stellt sich vor Polizeikräfte
Einige Tage darauf, am 19. November 2003, stellte sich der Basler Polizeidirektor
Jörg Schild in einer Erklärung im Grossen Rat vor die Basler Polizeikräfte.
Er wies ausdrücklich Vorwürfe zurück, wonach die Ausschreitungen
auf die baselstädtische Deeskalationspolitik oder gar auf ein «Wegschauen
des Polizeidirektors» zurückzuführen seien: Dies sei «schlicht
unwahr, falsch und diffamierend».
In der Vergangenheit habe die Basler Polizei mit der Taktik, innerhalb eines
Toleranzbereichs auf eine Intervention zu verzichten, verschiedentlich grössere
Schäden verhindern können, sagte Schild. So sei die Basler Polizei
im Jahr 2002 insgesamt sechsundneunzigmal wegen Kundgebungen und Grossanlässen
aufgeboten worden. Alle bis auf eine Demo seien gewaltlos verlaufen.Schild
wies auf den in der Schweiz noch nie dagewesenen Angriff auf Polizisten mit
Schwefelsäure am Marktplatz hin. Dabei sei in den Reihen der Polizeikräfte
Verwirrung und Konsternation entstanden, welche Chaoten nutzten, um sich ins
Kleinbasel abzusetzen. «In Zukunft müssen wir gegen solche widerlichen
und hinterlistigen Angriffsmittel besser gewappnet sein», erklärte
er. Schild hatte sogar den Mut, Sympathisanten der Linksextremisten zu kritisieren.
Diese hatten von «Polizeirepression» und von angeblich zu hartem
Vorgehen der Polizei gesprochen, Rügen an die Polizei erteilt und Interpellationen
eingereicht. Schild sah sich deshalb veranlasst, an die Grossräte zu
appellieren, die Polizei wieder besser zu unterstützen. Gegen die Armee
Etwa zweihundert bis zweihundertfünfzig Linksextremisten störten
am 16. Dezember 2003 die Feier zum Start der Armee XXI beim Berner Eisstadion
mit Knallkörpern. Sie wurden aber von der Berner Stadtpolizei schon beim
Guisanplatz mit einem kurzen Tränengas- und Gummischroteinsatz in Schach
gehalten. Dabei kam es zu Behinderungen des öffentlichen Verkehrs. Dass
dabei Hunderte von Benutzern in ihrer Bewegungsfreiheit gestört wurden,
war selbstverständlich keine Zeile wert.
Wieder eine erschreckende Bilanz
Bilanz dieser linksextremistischen Umtriebe: mindestens achtzehn verletzte
Polizisten. Sachschäden von etwa drei bis vier Millionen Franken. Typisch
ist die Euphemisierung der Untaten. Da wird von «Nachdemo» oder
«Spaziergängen» gesprochen. Oder gestohlene Polizeischilder
werden als «akquiriert» bezeichnet. Ähnlich auch die verniedlichende
Bezeichnung der linksextremistischen Täter, etwa als «Schellenursli».
Sie selber bekennen sich kaum zu linksextremistischen Ideologien. In der Berner
Reithalle-Zeitung «Megafon» haben wir immerhin das Bekenntnis
zum Linksradikalismus gefunden. Dessen Vertreter aus der deutschsprachigen
Schweiz seien «an direkten Aktionen interessiert - sprich Blockaden.»
Ausserdem seien sie bereit, «sich darauf vorzubereiten und einen Schritt
weiter zu gehen, als nur an Demos mitzulatschen.» Typisch ferner die
Umkehrung der Tatsachen. Wenn die Polizei den Chaoten entgegentritt, etwa
um Personen oder Eigentum zu schützen, dann trägt sie die Schuld
an den Ausschreitungen; sie hat dann «provoziert». In diesem
Zusammenhang ist der Begriff «Deeskalations-Strategie» aufgekommen.
Genützt hats auch nicht viel.
Paul Ehinger