Nr. 16, 29. Juni 2001

Konzept der asymmetrischen Kriegführung
China ist anders
von Dr. Hans Bachofner, Uitikon-Waldegg

Der Militärpublizist und Divisionär a. D. Dr. Hans Bachofner setzt sich im heutigen Leitartikel, der bereits in der April-Ausgabe von «Infidar topics» erschienen ist, mit dem interessanten chinesischen Weg der asymmetrischen Kriegführung auseinander, mit dem es dem Land gelungen ist, seine Position als ernstzunehmende Grossmacht zu behaupten.

Die neue amerikanische Regierung will ihr strategisches Schwergewicht in den Pazifik verlagern. Damit rückt China, einst «Partner» ­ jetzt «Rivale», wieder ins Zentrum amerikanischer Sicherheitsinteressen. Die strategische Kultur Chinas unterscheidet sich beträchtlich von der atlantischen. Die erneute Stei- gerung der chinesischen Militärausgaben (2001 um 17,7 Prozent) beunruhigt, die wirklichen Zahlen liegen wohl noch höher als die dem Volkskongress vorgelegten.

Spannungen
Die Temperatur an den Berührungspunkten der beiden Mächte steigt, ohne dass aber Kriegsgefahr auszumachen wäre. Es werden Signale ausgetauscht, Linien markiert, Reaktionen getestet. Ein hoch- rangiger Überläufer aus dem innersten Kreis des chinesischen Verteidigungsapparates spielt den Amerikanern seit einigen Wochen Trümpfe in die Hand. Als Antwort hat die chinesische Luftwaffe über dem alten Pulverfass der Südchinesischen See einen amerikanischen Aufklärer auf den Boden geholt und dabei ein eigenes Kampfflugzeug verloren. Amerikanische Wissenschafter chinesischer Herkunft und Chinesen mit US-Beziehungen wurden verhaftet. Die mit Spannung erwartete erste Kontaktauf- nahme der chinesischen Führung mit der Regierung Bush, die Reise des chinesischen Vize-Premier- ministers Qian Qichen nach Washington ging über Unangenehmes hinweg, man blieb respektvoll höflich, aber auf chinesischer Seite klar: Hände weg von der Aufrüstung Taiwans, Hände weg von Kosovo-ähnlichen amerikanischen Abenteuern im chinesischen Einflussbereich, Hände weg von angeblich «humanitären» Militärinterventionen in souveräne Staaten. Auf chinesischer Seite wird beklagt, dass die US-Führung noch keine eindeutige China-Politik zu erkennen gebe.

Im Juli wird eine formelle Besiegelung der strategischen Partnerschaft Moskau­Beijing erwartet. Wenn keine Lageveränderung eintritt, ist damit zu rechnen, dass drei gemeinsame Interessen formuliert werden, die sich US-Interessen widersetzen: Widerstand gegen nationale Raketenabwehr, Unter- stützung der vollen territorialen Integrität von Staaten (gemeint: keine Einmischung in Tibet, Taiwan und Tschetschenien) und Ablehnung Kosovo-ähnlicher Militärinterventionen.

«Wohlhabender Staat ­ starke Armee»
Jedes Volk, das chinesische nicht weniger als das schweizerische, hat eine in Geographie, Geschich- te, Gesellschaft und Wirtschaft wurzelnde strategische Kultur unverwechselbaren Zuschnitts und von zäher Dauer. Chinesen verstehen sich zu Recht als Jahrtausende alten Sonderfall. Die Führung weiss, dass dem Land in der sich globalisierenden Welt ein erhebliches positives und negatives Potential gegeben ist: wirtschaftlich, politisch, ökologisch, demographisch und militärisch.

Die schon vor der Staatsgründung 221 v. Chr. formulierte Richtlinie gilt unverändert: «Den Staat wohl- habend und die Armee stark machen.» Die Volksarmee trägt die Narben der Ereignisse seit ihrer Gründung vor 74 Jahren. Sie diente der kommunistischen Partei im Bürgerkrieg gegen die Guomindang, im Krieg gegen Japan, im Koreakrieg. Der US-Imperialismus blieb Hauptgegner. Auch der Sowjet- Revisionismus wurde zum Feindbild mit Schiessereien an der sibirischen Grenze. Gegen Indien wurde ein Grenzkrieg geführt, und selbst Vietnam, ein sozialistischer Staat, sollte mit einem Krieg bestraft werden für seinen Vorstoss gegen Pol Pot: ein missglücktes Unterfangen, die Kriegserfahrung der Vietnamesen schwang obenaus. Mit Reform und Öffnung Deng Xiaopings entstanden die strategischen Partnerschaften Chinas mit Russland und den USA. Die Konfrontation auf dem Tiananmenplatz warf die Volksarmee zurück auf die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts, als Warlords auf die eigene Bevölke- rung schiessen liessen.

In einem kürzlich in Beijing erschienenen ideologischen Schulungsbuch wird ein aktuelles Feindbild vorgegeben: der Westen werde unablässig weiter versuchen, China zu verwestlichen und zu spalten. Die Menschenrechtsauftritte westlicher Politiker und internationaler Organisationen, die Forderung nach Demokratisierung, die religiösen Aktivitäten der Falungong-Sekte, des Lamaismus in Tibet und der Islamisten in Nordwest-China sind Illustrationen dieses Bedrohungsbewusstseins. Die strategischen Vordenker Chinas sind sich einig: die amerikanische Technologiedominanz ist nicht einzuholen. Jede bewaffnete Auseinandersetzung wird deshalb asymmetrisch sein. Die Volksarmee muss fähig sein, diese technische Überlegenheit zu unterlaufen und gezielt amerikanische Schwachpunkte zu treffen sowie eigene Schwachpunkte zu schützen.

Die grösste amerikanische Schwäche ist die Aversion gegen Verluste. Wenige Fernsehbilder mit toten Amerikanern haben in der Vergangenheit genügt, um den kriegerischen Willen zu brechen. Also ist die Fähigkeit, mediengerechte Verluste zuzufügen, erste Voraussetzung für einen Krieg mit den Amerika- nern. Auch Geduld und langer Atem fehlen ihnen: rasche Entscheidungen sind deshalb hinauszuzögern. Die öffentliche Meinung ist der bevorzugte Schwachpunkt. Das hat Auswirkungen auf die Rüstung: Wer mit Raketen Teile amerikanischer Flugzeugträger-Gruppen vernichten kann oder gar einen Flugzeug- träger selbst, hat gewonnenes Spiel. Wer das amerikanische Festland mit Massenvernichtungswaffen treffen kann, verhindert einen Krieg schon von vornherein.

Asymmetrische Kriegführung
China ist nicht der Irak und nicht Serbien. Aber die asymmetrische Kriegführung wird auch hier auf adäquate Weise gepflegt. In Russland wird modernes Material gekauft, das bei Bedarf weiterentwickelt wird. Zerstörer mit Marschflugkörpern gegen Schiffsziele, speziell gegen die für Taiwan vorgesehenen Kriegsschiffe mit Ägistechnologie, Unterseeboote, Kampfflugzeuge, Boden-Luft-Raketen, Boden-Boden-Raketen, daneben eine zwar verkleinerte, aber doch noch die weltgrösste Infanterie: Die Nachrichten- dienste von nah und fern empfangen mit Interesse die Signale, die China aussendet. Der professionelle Beobachter versteht es, hinter dem technischen Neuen die uralten chinesischen Lehren der Kriegfüh- rung zu sehen. Sun Dse, der vor zweieinhalb Jahrtausenden wirkende Kriegstheoretiker, lebt inmitten von Laserwaffen und elektromagnetischen Feldern. Die aktuelle Diskussion, ob internationale Kriegs- regeln, die ja ausschliesslich zum Vorteil des Westens formuliert worden seien, überhaupt eingehalten werden müssten, weckt Misstrauen.

Neben die erneuerten traditionellen schweren Waffen tritt seit Jahren die gesteigerte Fähigkeit, den Informationskrieg zu führen. Computer und Weltraumwaffen sind als amerikanische Schwachpunkte anvisiert. Aus den Kriegen am Golf und im Kosovo zogen die Chinesen die Lehre, dass die USA lange Aufmarschzeiten benötigen. Wer asymmetrisch kämpft, sucht den Zeitvorteil, die rasche oder gar die präventive Aktion, bevor die Amerikaner überhaupt eingreifen können. Mit dieser Doktrin steigt allerdings die Kriegsgefahr in gespannter Zeit.

Diplomatie statt Konfrontation
Das alles sind langfristige Überlegungen und Anstrengungen. China sucht offenbar nicht den schnellen Zusammenprall. Es wird z. B. keine massive Aufstockung des Bestandes an amphibischen Mitteln gegenüber Taiwan beobachtet. Die Amerikaner von Taiwan fernhalten ist wichtiger als die bewaffnete Konfrontation. Diplomatie mit militärischen Nebentönen wird vorgezogen. China hat gewaltige innere Probleme zu lösen. Ein friedliches Umfeld bietet dafür bessere Möglichkeiten.

China ist keine Weltmacht und weiss das. Als Regionalmacht mit bedeutendem Platz in einer regio- nalen Machtbalance ist es ernstzunehmen. Es erstaunt nicht, dass die neue amerikanische Regierung nach wenigen Monaten Amtszeit noch über keine definitive Asienpolitik verfügt. Die ersten Auftritte des Aussen- und des Verteidigungsministers deuten darauf hin, dass sie China die gebotene Aufmerk- samkeit schenken wollen, wahrscheinlich auf Kosten Europas. Wer immer mit amerikanisch geführten Nato-Feindseligkeiten rechnen muss, sollte sich für den chinesischen Weg der asymmetrischen Kriegführung interessieren. Strategische Innovation statt Kopie ist gefragt. Wer wüsste das besser als der Schweizer Milizsoldat, der in der Wirtschaft erlebt, wieviel Innovation bringt und wie wenig die blosse Kopie? Das gilt auch für die schweizerische Armeereform.

Hans Bachofner