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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 7. Juli 2000
Fragwürdiger Armee-Einsatz in Kosovo
Dogmatiker
Die Gewalt in Kosovo nimmt nicht ab. Täglich kommt es zu Schiessereien, zu Gewalttaten. Täglich sind Tote zu beklagen. Dort, wo Serben - auf die «multiethnischen» Glaubensbekennt- nisse gut bezahlter Krisenfunktionäre der «internationalen Gemeinschaft» vertrauend - in Kosovo noch ausharren, müssen sie von Truppen-Grossaufgeboten rund um die Uhr geschützt werden. Damit sie wenigstens im unmittelbaren Umkreis ihrer Behausungen leidlich sicher sind - von Bewegungsfreiheit im übrigen Land redet längst niemand mehr.
Dafür gedeiht die Mafia und weitet ihre Jagdgründe - auf unter Asylmissbrauch im Westen etablierte «Aussenposten» bauend - über alle europäischen Städte aus. Kein Land ist mehr vor ihr sicher. Das ist die Realität der an glänzenden Konferenzen immer wieder beschworenen internationalen «Kooperation» zum Wiederaufbau auf dem Balkan im Anschluss an einen vor Jahresfrist unüberlegt in Szene gesetz- ten Waffeneinsatz - gestartet ohne jegliche Kooperation und ohne völkerrechtliche Legitimität. Und von den vor Monaten so grossmäulig verbreiteten Erfolgsbilanzen ist nahezu nichts übriggeblieben. Der zum Schurken erklärte Gegner von damals sitzt nach wie vor an den Machthebeln.
Dennoch behaupten die, die um jeden Preis mit bewaffneten eigenen Soldaten dieser Krise hinterher- rennen wollen, unverdrossen, es gebe zu solcher Interventionspolitik keine Alternative. Wer nicht mitmache, schotte sich ab, isoliere das Land, zeige die Engstirnigkeit ewiggestriger Hinterwäldler. Darüber hinaus fällt den Befürwortern von Armee-Einsätzen im Ausland offensichtlich nichts mehr ein. Wie ist diese Argumentation doch armselig! Blind vor dem sich fortsetzenden Desaster klammern sich auslandsbesessene Politiker stur an ein zur «einzigen Möglichkeit» deklariertes Dogma. Sturheit und Blindheit kennzeichneten schon immer Regierungen, die sich - oft mit tragischsten Folgen für ihre Völker - aussenpolitisch verrannten. Gerade deshalb wurde auch die Aussenpolitik in den vergangenen Jahrzehnten der alleinigen, unumschränkten Verfügungsgewalt von «abgehobenen» Politikern schritt- weise entwunden und wenigstens einer teilweisen Demokratisierung unterzogen. Am weitestgehenden in der Schweiz, wo der Souverän selbst die grundsätzlichen Weichen zu stellen berechtigt ist.
Kann jemand auch nur ein einziges Beispiel aus der Weltgeschichte anführen, dass sich ein Volk in freier, offener, demokratischer Entscheidung je leichtfertig für ein Kriegsabenteuer entschieden hätte? Aber wie viele Beispiele gibt es, da von vermeintlicher Grösse verblendete Aussenpolitiker, den Boden unter den Füssen verlierend und gegenüber unverrückbaren Realitäten erblindend, ihr Land und ihr Volk in den Abgrund gerissen haben?
Ulrich Schlüer