Nr. 16, 7.Juli 2000
Unser Fundament
Von Hans Ulrich Pestalozzi
Während Jahrhunderten war die europäische Kultur als innovativer Impulsgeber für die gesamte Weltkultur ausschlaggebend. Der europäischen Kultur liegt aber das christliche Ethos zu Grunde. Gemäss christlicher (im Vordergrund steht die protestantische) Zielvision, wie sie Max Weber beschreibt, sind Askese, Sparsamkeit und Disziplin die wichtigsten Voraus- setzungen für den wirtschaftlichen Erfolg und damit auch für eine starke Gesellschaft und einen starken Staat. Dabei ist zu berücksichtigen, dass wir unter «Vision» verstehen, wie die Zukunft zu gestalten ist und nicht wie sie aller Wahrscheinlichkeit nach aussehen könnte.
Diese Feststellung ist ganz entscheidend auch im Zusammenhang mit der Globalisierung der Wirtschaft bzw. ihren Folgen für die Schweiz und die christlichen Nationen. Es gibt keine grosse Welt-Religions- Philosophie, welche sich mit der Zukunft des Erdendaseins der Menschen auseinandersetzt, ausser dem Christentum (vgl. die Bücher Daniel oder Hesekiel im Alten Testament und die Johannes-Offen- barung im Neuen Testament und z. B. die entsprechenden Wuppertaler Kommentare).
Engagement
Wenn ich an dieser Stelle vom Christentum
spreche, so verstehe ich es so, wie es in den Evangelien dargelegt ist. Diese
fordern uns nirgends auf, von der Welt Abschied zu nehmen, ihr den Rücken
zu kehren und die Welt Welt sein zu lassen und in solch weltverachtender Haltung
unser Seelenheil zu erwirken. Das Evangelium hält uns im Gegenteil dazu an,
mit den Augen des Glaubens zu sehen, die Geister zu unterscheiden und dementsprechend
zu handeln und uns zu engagieren in Wirtschaft und Politik, in Wissenschaft,
Kultur und Sport - nicht dilettantisch-fromm, sondern sachgerecht und kompetent.
Wo der Christ Autorität ausübt - in Familie, Wirtschaft, Staat, in Politik,
Wissenschaft, Kultur oder Sport - ist er sich seiner Verantwortung gegenüber
Gott als Schöpfer bewusst. Mit anderen Worten versteht er die von ihm ausgeübte
Autorität als ein ihm übertragenes Mandat mit allen seinen Konsequenzen.
Damit ich nicht missverstanden werde, möchte ich an dieser Stelle unterstreichen, dass ich nicht der Meinung bin, dass die anderen Kulturen bedeutungslos seien oder gar zu verachten wären. Sicher nicht - aber es sind eben nicht die unsrigen, sie sind nicht unsere Herkunft, nicht unsere Heimat, nicht unsere Identität. Alles, was wir sind, unsere Institutionen, unsere Gesetze, unsere Kultur, beruht - mindestens bis vor kurzem - auf christlichen Wertvorstellungen. Ich erinnere nur an den Ursprung der Menschenrechte.
Ausgangspunkt
Nach Hegel ist die Epoche der Aufklärung
ohne christliches Ethos als Ausgangspunkt gar nicht denk- bar. Aber eben nur
als Ausgangspunkt. Doch die Welt ist in den letzten zwei Jahrhunderten nicht
schöner, besser und gerechter geworden, wie die «Aufklärer» aller Zeiten zu
ihrer Rechtfertigung behaupten. Meiner Meinung nach gerade deshalb, weil sie
das christliche Ethos in Frage stellen. Die Gegenwart beweist zur Genüge,
dass die Welt vielmehr elender geworden ist und der Gewalt anschei- nend nur
mit Gewalt Einhalt geboten werden kann.
Identität
So bin von Grund auf überzeugt, dass
es ohne Rückbesinnung auf die Eigenschaften unserer herge- brachten, auf dem
christlichen Ethos abgestützten Kultur für uns keine Identität gibt. Ohne
Identität gehen wir jedoch in anderem auf und sind nicht mehr uns selbst,
sondern das andere. Ich meine damit, dass wir am Scheideweg stehen, ob wir
unsere Zukunft in den eigenen Händen belassen oder diese aber anderen überlassen
wollen. Dies gilt nicht nur für die Schweiz, sondern für ganz Europa, ja letztlich
auch für Amerika. Ohne feste Verankerung in der eigenen Identität ist jede
Anpassung an ein fremdes Umfeld keine solche mehr, sondern eben ein Verzicht
auf sich selbst - ein Baum ohne Wurzeln, ein auf Sand gebautes Haus.
Hans Ulrich Pestalozzi