Nr. 16, 7.Juli 2000
Beängstigende Verlagerung des Verbrechens
Zunehmende Gewaltkriminalität
Von Thomas Meier, Zürich
Die Polizeistatistiken der Kantone und des Bundes sind auf den ersten Blick erfreulich; die Gesamtzahl der Straftaten ist generell rückläufig. Zu optimistischen Kommentaren über eine angeblich positive Kriminalitätsentwicklung, wie sie einzelne Medien verbreitet haben, besteht indes kein Anlass. Einzig aufgrund eines deutlichen Rückgangs der gemeldeten Einbrüche hat sich die Gesamtzahl der Straftaten reduziert. Die Gewaltkriminalität dagegen ist in einem alarmierenden Ausmass angestiegen. Auch die Ausländerkriminalität nimmt in den meisten Kantonen weiter zu.
76 322 Einbrüche für die gesamte Schweiz verzeichnet die «Polizeiliche Kriminalstatistik 1999», welche das Bundesamt für Polizei kürzlich veröffentlicht hat. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang um 8,5 Prozent. Auch die Fahrzeugdiebstähle haben 1999 um 5,1 Prozent abgenommen. Damit hat sich der fortdauernde Rückgang der Diebstahlszahlen auch im jüngsten statistischen Berichtsjahr fortgesetzt. Seit Einführung der Polizeilichen Kriminalstatistik im Jahr 1982 konnten noch nie so wenig Diebstähle registriert werden. Diese erfreuliche Entwicklung bei der Diebstahlskriminalität wirkt sich, weil der Diebstahl mit einem Anteil von mehr als 90 Prozent an allen Straftaten das deutlich häufigste Delikt ist, auch auf die nominale Gesamtkriminalität aus; die Gesamtzahl der Straftaten ging 1999 ebenfalls zurück. In Fachkreisen wird vermutet, dass der Rückgang der gemeldeten Diebstähle unter anderem mit der Tatsache zusammenhängt, dass verschiedene Privatversicherungen den Selbst- behalt bei Diebstählen erhöht haben.
Mehr Gewaltkriminalität
Der erfreulichen Entwicklung bei der
Einbruchs- und Diebstahlskriminalität steht ein dramatischer Anstieg der Fälle
von Raub, Körperverletzung und Vergewaltigung entgegen. Bei praktisch sämtlichen
Gewaltdelikten ist ein markanter Anstieg zu verzeichnen. So hat gesamtschweizerisch
die Zahl der Tötungsdelikte um 3,8 Prozent, der Körperverletzungen um 7,7
Prozent, der Fälle von Betrug um 9,5 Prozent, der Fälle von Freiheitsberaubung
und Entführung um 14,4 Prozent, der Vergewaltigungen um 16,1 Prozent, der
Erpressungen um 18,7 Prozent und der Fälle von Geldwäscherei sogar um 103
Prozent zugenommen. In den meisten Kantonen (aus denen ja die Zahlen für die
gesamtschweizerische Polizeiliche Kriminalstatistik stammen) wird eine ähnliche
Entwicklung verzeichnet.
Als geradezu dramatisch muss der Anstieg der Taten mit hoher Strafandrohung in den Städten bezeich- net werden. In der Stadt Zürich ist die Zahl schwerer Körperverletzungen von 61 auf 92 angestiegen. Das bedeutet eine Zunahme um fünfzig Prozent innert Jahresfrist. Mit 17 Tötungsdelikten weist die grösste Schweizer Stadt eine Häufigkeitszahl von 4,7 pro 100'000 Einwohner auf. Damit ist die Wahrschein- lichkeit, in Zürich das Opfer eines Tötungsdelikts zu werden, deutlich höher als in Berlin (Häufigkeits- zahl 3,7), Düsseldorf (3,2), Frankfurt (2,5) und Hamburg (2,3), die als die deutschen Städte mit der höchsten Kriminalität gelten. Auch mit der Zahl von 21 Drogentoten (5,8 Drogentoten pro 100'000 Einwohner) und mit den im Jahre 1999 verzeichneten 3410 Wohnungseinbrüchen (947 pro 100'000 Einwohner) nimmt die Limmatstadt im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz ein.
Ausländerkriminalität
Bei der Entwicklung der Drogenkriminalität
kann gegenüber dem Vorjahr eine leichte Abnahme fest- gestellt werden. Zu
einer Entwarnung besteht aber auch hier kein Anlass. Gemäss Bundesamt für
Polizei ist die Abnahme der Verzeigungen auf die Tatsache zurückzuführen,
dass im vergangenen Jahr grosse polizeiliche Kräfte für die Bewachung von
Konsulaten eingesetzt werden mussten, Kräfte, die für die Arbeit im Drogenbereich
fehlten. Mehr denn je befindet sich der Drogenhandel in ausländischen Händen;
36,8 Prozent der im Kanton Zürich ermittelten Tatverdächtigen bei Betäubungsmittel-Delikten
und sogar 61,8 Prozent der wegen Betäubungsmittel-Handel verdächtigten Personen
waren im Jahre 1999 Ausländer. Geradezu erschreckend ist der Anteil von Asylbewerbern
an der Drogenkriminalität. Während die Personen des Asylbereichs im Kanton
Zürich bloss rund 2,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, gehen auf ihr Konto
18,5 Prozent aller Fälle von Betäubungsmittel-Handel. Die beunruhi- gende
Entwicklung auf dem Gebiet der Ausländer- und Asylantenkriminalität verdeutlicht
die Wichtigkeit der politischen Forderung nach einer besseren Bewachung der
Schweizer Landesgrenzen. Jeder Kriminaltourist, der bereits an der Grenze
abgefangen wird, kann in unserem Land keine Straftaten mehr begehen.
Thomas Meier