16. Juli 1999


Die USA vor den Präsidentschaftswahlen
Narrenwahl
Von Richard Anderegg, Washington


Obwohl die Präsidentschaftswahlen in Amerika erst im nächsten Jahr statt-
finden werden, könnte man angesichts der betriebsamen Politlandschaft
fast meinen, die Primärwahlen und Wahlkonvente seien bereits vorüber.


An der Spitze stehen zwei Kandidaten mit sehr viel Geld: der Kronprinz der amtie-
renden Demokraten, Vizepräsident Al Gore, und der Sohn von Clintons Vorgänger 
George Bush, der ebenfalls George heisst, Gouverneur von Texas ist und auf Anhieb 
zum Liebling des republikanischen Wahlvolks avancierte.
Der bei der Parteibasis überaus populäre republikanische Präsidentschaftskandidat 
George Bush junior erfreut sich bei den Parteikadern keiner besonderen Beliebtheit. 
Auch die Washingtoner Demokraten bekunden mit ihrem Kandidaten Al Gore mitun-
ter Mühe. Bei den Republikanern sind es zur Zeit noch zwölf zum Teil wenig bedeut-
same Persönlichkeiten, die alle ins Weisse Haus wollen. An ihrer Spitze steht George 
Bush junior mit einem fast unerreichbaren Vorsprung.

Zwei Kandidaten der Demokraten
Im Gegensatz zu seinem republikanischen Gegenspieler Bush hat der Demokrat 
Gore den Parteiapparat seiner Partei hinter sich. Zwar ist auch er noch nicht offiziell 
nominiert - das wird erst im Wahlkonvent im Sommer 2000 der Fall sein -, aber nach 
dem Bekunden von Parteikadern steht Gore konkurrenzlos da. Im Rennen sind bei 
den Demokraten ohnehin nur gerade zwei Kandidaten. Beim zweiten, dem Senator 
Bill Bradley aus New Jersey, geht man allgemein davon aus, dass ihm demnächst
die Luft ausgehen wird. Die Parole bei den Demokraten lautet demnach Gore 2000.
George Bush junior hat es in seiner Partei schwerer. Die Republikaner zerfallen seit 
Jahrzehnten in eine Business-Partei und in einen rechten Flügel, der seinerseits ge-
spalten ist in eine isolationistisch-patriotische und eine religiöse Gruppe. Die Zahl 
von zwölf Kandidaten ist gross. Bereits während der versuchten Amtsenthebung 
Clintons wurden bei den Republikanern interne Kämpfe um die Führung der Partei 
sichtbar. In der Vergangenheit vermochten die Republikaner jeweils landesweit nur 
dann erfolgreich aufzutreten, wenn sie eine einigende Figur an der Spitze hatten. 
Beispiele sind Eisenhower (1953-60) oder Reagan (1981-88). Dies versucht nun 
auch George Bush junior, nämlich als einigende Integrationsfigur aufzutreten. In den 
Gliedstaaten wachsen neue republikanische Köpfe heran, die bei sich zuhause eine 
unideologische, pragmatische Politik der Staatshilfe befürworten und die Intrigen in 
Washington verachten. George Bush mit seinem Losungswort des «mitfühlenden 
Konservatismus» ist ihr Mann. Das Phänomen George Bush und die von ihm einge-
setzten Rekordsummen von bisher mehr als 40 Millionen Dollar versetzen die Partei-
bonzen ins Staunen. Der von Bush getätigte Aufwand steht beispiellos da. Selbst der 
Demokrat Gore, als eigentlicher Geldaufreisser bekannt, kommt bisher «bloss» auf 
gut 20 Millionen. Was den finanziellen Wahlaufwand betrifft, sind die republikanischen 
Rivalen weit abgeschlagen. Einzig der Verleger und Millionär Steve Forbes, der 
seine Kampagne selbst bezahlt, setzt eine grössere Summe ein.

Eine dritte Partei?
Jetzt ist plötzlich neuer Wind in den Wahlkampf gekommen. Einige der bisher unter 
«ferner liefen» gehandelten Kandidaten, Senator Bob Smith aus New Hampshire, 
ein Konservativer und Isolationist, erklärte letzte Woche, dass er, falls die Parteikory-
phäen vor der Popularitätswelle zugunsten Bushs die Waffen streckten, eine dritte, 
echt konservative Partei zu gründen gedenke, wie dies seinerzeit Ross Perot getan 
hat. Auch im demokratischen Lager läuft nicht alles rund. Al Gore ist eher hölzern. Bei 
seinen Auftritten leistet er sich Schnitzer, die an Bushs Vizepräsident, Dan Quayle, 
erinnern. Von Gores Fehlern profitiert sein Konkurrent, der ehemalige Basketball-Star 
und Senator von New Jersey, Bill Bradley. Bradley ist vom Typ einem Gary Cooper 
nicht unähnlich und wirkt photogen. Er tritt vor kleineren Gruppen und bei einflussrei-
chen Firmen und Verbänden auf und führt Gespräche mit Industrie- und Finanzka-
dern. So ist es dem stillen Bradley gelungen, in nur gerade zwei Wochen 11 Millio-
nen Dollar zu sammeln.

Aktive «First Lady»
Belebend auf den Wahlkampf wirkt auch der ziemlich sicher definitive Entschluss der 
«First Lady» Hillary Rodham Clinton, den Senatssitz des Ende 2000 zurücktretenden 
New Yorker Demokraten Patrick Moynihan zu beanspruchen. Das politische New 
York gackert wie ein aufgeregter Hühnerhof. Hillary Clinton tritt gegen Bürgermeister 
Giuliani an, der den Republikanern einen Senatssitz zurückbringen möchte. Zur Zeit 
sind beide Senatoren New Yorks Demokraten. Auch der Einstieg der Clinton-Gattin 
in die nationale Politik bereitet vielen Politikern Sorgen. Hillary Clinton hat sich bei 
den jüdischen Wählern eingeschmeichelt, indem sie die Verlegung der US-Botschaft 
von Tel Aviv nach Jerusalem forderte und von einem «unteilbaren Staat Israel mit sei-
ner Hauptstadt Jerusalem» sprach. Solches hat der amtierende Präsident stets sorg-
lichst vermieden. Offensichtlich nützt Hillary Clinton die verbleibenden 19 Monate als 
First Lady im Weissen Haus zu publizitätsträchtigen Auftritten aus. Die projüdischen 
Äusserungen der Präsidentengattin haben die zunehmende aktive arabische Lobby 
auf den Plan gerufen und zu Protesten veranlasst. Die Wahlen 2000 sind, ungeachtet
aller Solo-Fahrten von Bush und Gore, noch keineswegs entschieden. Im Moment 
sind sie in eine eigentliche Narrenphase getreten.

Richard Anderegg

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