Die USA vor den Präsidentschaftswahlen
Narrenwahl
Von Richard Anderegg, Washington
Obwohl die Präsidentschaftswahlen in Amerika erst im nächsten Jahr
statt-
finden werden, könnte man angesichts der betriebsamen Politlandschaft
fast meinen, die Primärwahlen und Wahlkonvente seien bereits vorüber.
An der Spitze stehen zwei Kandidaten mit sehr viel Geld: der Kronprinz der
amtie-
renden Demokraten, Vizepräsident Al Gore, und der Sohn von Clintons Vorgänger
George Bush, der ebenfalls George heisst, Gouverneur von Texas ist und auf Anhieb
zum Liebling des republikanischen Wahlvolks avancierte.
Der bei der Parteibasis überaus populäre republikanische Präsidentschaftskandidat
George Bush junior erfreut sich bei den Parteikadern keiner besonderen Beliebtheit.
Auch die Washingtoner Demokraten bekunden mit ihrem Kandidaten Al Gore mitun-
ter Mühe. Bei den Republikanern sind es zur Zeit noch zwölf zum Teil wenig
bedeut-
same Persönlichkeiten, die alle ins Weisse Haus wollen. An ihrer Spitze steht
George
Bush junior mit einem fast unerreichbaren Vorsprung.
Zwei Kandidaten der Demokraten
Im Gegensatz zu seinem republikanischen Gegenspieler Bush hat der Demokrat
Gore den Parteiapparat seiner Partei hinter sich. Zwar ist auch er noch nicht offiziell
nominiert - das wird erst im Wahlkonvent im Sommer 2000 der Fall sein -, aber nach
dem Bekunden von Parteikadern steht Gore konkurrenzlos da. Im Rennen sind bei
den Demokraten ohnehin nur gerade zwei Kandidaten. Beim zweiten, dem Senator
Bill Bradley aus New Jersey, geht man allgemein davon aus, dass ihm demnächst
die Luft ausgehen wird. Die Parole bei den Demokraten lautet demnach Gore 2000.
George Bush junior hat es in seiner Partei schwerer. Die Republikaner zerfallen seit
Jahrzehnten in eine Business-Partei und in einen rechten Flügel, der seinerseits
ge-
spalten ist in eine isolationistisch-patriotische und eine religiöse Gruppe. Die Zahl
von zwölf Kandidaten ist gross. Bereits während der versuchten Amtsenthebung
Clintons wurden bei den Republikanern interne Kämpfe um die Führung der Partei
sichtbar. In der Vergangenheit vermochten die Republikaner jeweils landesweit nur
dann erfolgreich aufzutreten, wenn sie eine einigende Figur an der Spitze hatten.
Beispiele sind Eisenhower (1953-60) oder Reagan (1981-88). Dies versucht nun
auch George Bush junior, nämlich als einigende Integrationsfigur aufzutreten. In den
Gliedstaaten wachsen neue republikanische Köpfe heran, die bei sich zuhause eine
unideologische, pragmatische Politik der Staatshilfe befürworten und die Intrigen in
Washington verachten. George Bush mit seinem Losungswort des «mitfühlenden
Konservatismus» ist ihr Mann. Das Phänomen George Bush und die von ihm einge-
setzten Rekordsummen von bisher mehr als 40 Millionen Dollar versetzen die
Partei-
bonzen ins Staunen. Der von Bush getätigte Aufwand steht beispiellos da. Selbst der
Demokrat Gore, als eigentlicher Geldaufreisser bekannt, kommt bisher «bloss» auf
gut 20 Millionen. Was den finanziellen Wahlaufwand betrifft, sind die
republikanischen
Rivalen weit abgeschlagen. Einzig der Verleger und Millionär Steve Forbes, der
seine Kampagne selbst bezahlt, setzt eine grössere Summe
ein.
Eine dritte Partei?
Jetzt ist plötzlich neuer Wind in den Wahlkampf gekommen. Einige der bisher
unter
«ferner liefen» gehandelten Kandidaten, Senator Bob Smith aus New Hampshire,
ein Konservativer und Isolationist, erklärte letzte Woche, dass er, falls die
Parteikory-
phäen vor der Popularitätswelle zugunsten Bushs die Waffen streckten, eine dritte,
echt konservative Partei zu gründen gedenke, wie dies seinerzeit Ross Perot getan
hat. Auch im demokratischen Lager läuft nicht alles rund. Al Gore ist eher hölzern. Bei
seinen Auftritten leistet er sich Schnitzer, die an Bushs Vizepräsident, Dan Quayle,
erinnern. Von Gores Fehlern profitiert sein Konkurrent, der ehemalige
Basketball-Star
und Senator von New Jersey, Bill Bradley. Bradley ist vom Typ einem Gary Cooper
nicht unähnlich und wirkt photogen. Er tritt vor kleineren Gruppen und bei
einflussrei-
chen Firmen und Verbänden auf und führt Gespräche mit Industrie- und
Finanzka-
dern. So ist es dem stillen Bradley gelungen, in nur gerade zwei Wochen 11
Millio-
nen Dollar zu sammeln.
Aktive «First Lady»
Belebend auf den Wahlkampf wirkt auch der ziemlich sicher definitive Entschluss der
«First Lady» Hillary Rodham Clinton, den Senatssitz des Ende 2000 zurücktretenden
New Yorker Demokraten Patrick Moynihan zu beanspruchen. Das politische New
York gackert wie ein aufgeregter Hühnerhof. Hillary Clinton tritt gegen Bürgermeister
Giuliani an, der den Republikanern einen Senatssitz zurückbringen möchte. Zur Zeit
sind beide Senatoren New Yorks Demokraten. Auch der Einstieg der Clinton-Gattin
in die nationale Politik bereitet vielen Politikern Sorgen. Hillary Clinton hat
sich bei
den jüdischen Wählern eingeschmeichelt, indem sie die Verlegung der US-Botschaft
von Tel Aviv nach Jerusalem forderte und von einem «unteilbaren Staat Israel mit
sei-
ner Hauptstadt Jerusalem» sprach. Solches hat der amtierende Präsident stets
sorg-
lichst vermieden. Offensichtlich nützt Hillary Clinton die verbleibenden 19 Monate als
First Lady im Weissen Haus zu publizitätsträchtigen Auftritten aus. Die projüdischen
Äusserungen der Präsidentengattin haben die zunehmende aktive arabische Lobby
auf den Plan gerufen und zu Protesten veranlasst. Die Wahlen 2000 sind, ungeachtet
aller Solo-Fahrten von Bush und Gore, noch keineswegs entschieden. Im Moment
sind sie in eine eigentliche Narrenphase getreten.
Richard Anderegg
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