16. Juli 1999

Glosse
Die Fichen und der Cumulus

Wenn man dem Schweizer etwas verspricht, dann sind ihm seine Prinzipien ungefähr 
noch ebenso viel wert wie dem Beelzebub der Weihrauch. Aber wehe, wenn er leer 
ausgeht. Erinnern Sie sich per Zufall noch an die sogenannte Fichenaffäre? Da hatte 
ein Bundesrat - ich glaube er hiess Furgler oder irgendwie so - die Namen und 
Adressen von politisch verdächtig in Richtung Moskau, Peking, DDR und so weiter 
tendierenden Leuten aufschreiben lassen - sogar dann, wenn diese nur ihr Auto in 
der Nähe von Botschaftsgebäuden kommunistischer Länder parkierten. Die Sache 
flog auf, es gab ein Riesentheater. Vor allem die Grünen und die Sozi tobten und 
brüllten. Das Volk rief nach dem Datenschützer. Ein Wunder, dass man nicht gerade 
noch den Rütlischwur wiederholen und unsere Eidgenossenschaft da capo erfinden
musste. Dabei war alles nur halb so schlimm.
Der damalige Bundesrat hatte leider ein Fingerspitzengefühl, welches jenem eines 
Chirurgen mit Boxerhandschuhen zu vergleichen ist. Hätte man jedem Fichierten we-
nigstens gleichzeitig noch ein Schokoladestängeli oder einen Kaugummi verbilligt 
zum Kauf angeboten, dann wären alle die linksgefederten Politikaster freiwillig zur 
Bundespolizei gerannt wie Kälber zur Tränke, um sich dort aufschreiben zu lassen. 
Was bei den Fichen des Bundesrates ein kläglicher Misserfolg wurde, das ist bei der 
Aktion «Cumulus» der Migros ein Tophit! Nicht weniger als 70 Prozent aller Schwei-
zer Haushalte, das seien 1,75 Millionen, haben sich als sogenannte Cumulus-Kunden 
registrieren lassen. Dafür mussten sie ihre Einkaufsgewohnheiten, ihre Hobbys und 
ihren Lebensstil bekanntgeben. Und das alles, weil man als Cumulus-Kunde - oder
sagt man als Cumulant? - von der Migros hie und da etwas ein wenig billiger oder 
sogar gratis bekommt. Man spare im Jahr, so wurde gemeldet, durchschnittlich 46 
Franken - wahrhaft ein horrender Betrag. Die Leute hätten der Migros dafür ohne zu 
zögern auch noch die Blutgruppe und die Farbe der Unterhosen gemeldet... Wenn 
der Schweizer das Wort «Vergünstigung» hört, dann wiehert er entweder vor Begei-
sterung wie ein altes Kavallerieross beim Trompetensignal oder er schmachtet wie
Bundesräte, die ins Schaufenster eines Reisebüros blicken.
Es lebe der Cumulus, doch ins Pfefferland mit den Fichen. Zu bedauern ist dabei der 
nette Herr Datenschützer. Das Volk schätzt seinen Einsatz wenig und hört nicht mehr 
auf ihn. So langsam wird er sich vorkommen wie ein Prediger in der Wüste. Inzwi-
schen aber dürfen die Cumulus-Erfinder bei der Migros über ihren Erfolg Gloria und 
Hurra singen. Sie schnüffeln auf vollständig legale Art und Weise fast das ganze Volk 
aus - sogar die grimmige Frau Bundesanwältin könnte vor Neid erblassen. Alles in 
allem ergibt sich bei der Sache eine sehr überlegenswerte Frage, und zwar die fol-
gende: Sollte man, nicht unser ganzes politisches System an die Migros verpachten? 
Dort weiss man, wie das «tumpe Volch» zu führen ist (kritische Leser dürfen anstatt 
«führen» meinetwegen ein anderes Wort einsetzen) und wie man es an die Kandare 
nehmen kann. Hätte die Migros beispielsweise ihren abgetackelten Landesring in 
Cumulusring umbenannt, anstatt ihm den Geldhahnen zuzudrehen - dann wären die 
Wähler dieser Partei wieder zugeflogen wie die Mücken dem Kuhfladen, auch wenn 
man ihnen zum Willkomm nur die Füllung einer Luftmatratze verbilligt abgegeben 
hätte...

Ernst Tschanz

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