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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 1. Juni 2007

Irrungen und Wirrungen um Rütli-Feiern
Die Spätberufene


Bezüglich der Entdeckung ihrer eigenen Lust am Demonstrieren darf man sie wohl als Spätberufene bezeichnen, überkam sie diese Lust doch erst in vorgerücktem Alter. Vor Jahresfrist realisierte sie, einst längjährige Parlamentarierin, wie Bundesrat Blocher das Vertrauen der Bevölkerung gewann, weil mit ihm erstmals wirklich spürbare, Wirkung zeigende Massnahmen gegen den tausendfach Tatsache gewordenen Asyl-Missbrauch ergriffen und zielbewusst umgesetzt wurden.

Das wurmte offenbar Frau Judith Stamm. Und flugs mutierte sie zur Demonstrantin. Als Chefin der Rütli-Kommission funktionierte sie die Wiege der Schweiz eiligst zur Demonstrationswiese um. Und sie verpflichtete mit Markus Rauh einen veritablen Moralprediger zum Leviten-Verlesen an die Adresse Blochers. Auf dass niemand diesen Moralapostel unterbrechen könne, bot Frau Stamm Hunderte von Polizisten auf, welche die eigentlich dem Volk gehörende Rütliwiese rigoros abzusperren hatten. Das kostete zwei Millionen Franken, welche die Alt-Nationalrätin und Jung-Demonstrantin getrost den Steuerzahlern überbürden liess.

Die Innerschweizer Kantone, welche letztes Jahr die Polizisten für die hermetische Abriegelung von Frau Judith Stamms Moral-Demo zu stellen hatten, bekamen ob diesem Abhalte-Aufgebot die Nase gründlich voll. So voll, dass jede Lust auf Fortsetzung verflog.

Doch Judith Stamm will auch 2007 eine Demonstration in "geschlossener, auserwählter Gesellschaft" auf "ihrer" Wiese veranstalten. Nein, die Viertelmillion, die sie dafür (vergeblich) aus der Bundeskasse anforderte, seien nicht für Sicherheitsmassnahmen, ereifert sich die Amateur-Demonstrantin. Damit wolle sie das "Rahmenprogramm" finanzieren. Was Christoph Blocher (am 26. Mai im sanktgallischen Altstätten) zum spontanen Ausruf veranlasste: Wenn für eine Bundesfeier, um Teilnehmer anzulocken, ein viertelmilliöniges Rahmenprogramm aufgezogen werden muss, dann drängt sich vor allem eine Massnahme auf, nämlich die sofortige Auswechslung des Redners - oder der Rednerin…

Scheint es nicht geraten, über die Fortsetzung dieser immer peinlicher werdenden Amateur-Demo endlich den Mantel des Schweigens zu legen? Die Hoffnung, als zweite Stauffacherin in die Schweizer Geschichte einzugehen, dürfte für die spätberufene Demonstrantin trotz aller "Blick"-Promotion jedenfalls kaum in Erfüllung gehen.

Ulrich Schlüer

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