Nr. 15, 1. Juni 2007

Glossen von Arthur Häny
Rheinfelden

Es gibt Orte, die haben einen Zauber für uns, der ein Leben lang anhält. 75 Jahre sind es her, seit ich als kleiner Junge ein paar Jahre in Rheinfelden lebte, aber noch heute freut es mich, auf der schönen alten Rheinbrücke zu stehen und, die Hände auf die gerundete steinerne Brüstung gestützt, dem mächtigen Strom zuzusehen, wie er langsam zwischen den Ufern dahinfliesst.

Von der Brücke aus ersteigt man über wenige Stufen die kleine Rheininsel, die noch zur Schweiz gehört. Auf diese Felseninsel hatte man in kriegerischen Zeiten eine Festung gebaut. Heute ist sie ein friedliches, blumengeschmücktes Rondell mit Sitzbänken, von hohen Kastanien und Platanen überdacht. Über eine steile Treppe steigt man auf der Hinterseite der Insel hinab zu ihrem schmalen, flachen Ausläufer, einem langgezogenen Inselchen. Köstlich ist es, dort unter den Weidenbäumen auf dem Sand zu gehen, knapp über dem Wasser. Hier wünschte man sich Zeit genug zu haben, um die Zeit zu vergessen! Wenn man sich hinsetzen und endlos dem Wasser zuschauen könnte, wie es schimmernd zieht und die Wolken spiegelt! Wenn man vergessen könnte, von wo man hergefahren ist und wohin man wieder zurückfahren wird… Einfach nur dasitzen, auf der Bank an der Inselspitze, den Wellen zusehen und sich fragen, was diese Welt überhaupt bedeutet - und wer man eigentlich selber ist. Dieselbe Person nach 75 Jahren - ist sie noch dieselbe?

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Auch Rheinfeldens "Eremitage" ist mir eine liebe Erinnerung. Sie liegt ausserhalb der Stadt, nahe am Waldrand. War sie einst wirklich eine Einsiedelei, wie der Name sagt? Heute führt dicht hinter ihr eine Autobahn durch, und die würde einen Einsiedler zweifellos stören! Es handelt sich um einen bewaldeten Hügel mit einem langen Band von Nagelfluh-Felsen, die zum Teil unterhöhlt sind. Ich erinnere mich, dass wir als Jungen bäuchlings durch ein enges Loch unter einem der Felsen durchkrochen, nicht ohne die heimliche Angst, darin stecken zu bleiben... Wir kamen aber auf der anderen Seite wieder heraus! Damals gab es dort noch keine Autobahn; es gab eine gemütliche Landstrasse, auf der ich einmal mit meinem Trottinett bis nach Magden hinausfuhr. Das war schon fast eine Expedition!

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Es liegt mir fern, die Vergangenheit zu idealisieren. Die "gute alte Zeit" war gar nicht besonders gut. Und wenn wir weiter, viel weiter zurückgehen, wird sie sogar schrecklich: das österreichische Rheinfelden litt mehrfach unter Angriffen Frankreichs, und noch früher, während des Dreissigjährigen Krieges, wurde es von den Schweden belagert und einmal fast ausgehungert. Irgendwo in der Stadtmauer sollen noch die Einschläge von Kanonenkugeln zu sehen sein. So gehören denn die beiden Stadttore, der "Obertorturm" und der "Storchennestturm", auch heute noch zu den wehrhaften Wahrzeichen der Stadt. Doch die gepflegte "Marktgasse" mit dem Rathaus und all den Läden spricht jetzt eine andere Sprache, die Sprache einer unkriegerischen, kommerziellen Gegenwart.

Ausserhalb der Altstadt führt der ‚Stadtweg' auf die Höhe des "Kapuzinerbergs", auf dem wirklich einst Kapuziner wohnten. Dort steht es noch immer, "unser" Haus. Nicht ohne Rührung kann ich das hochragende gelbe Backsteingebäude betrachten, den eckigen Erker-Turm und daneben den leicht vortretenden preziösen Vorbau mit dem stattlichen Balkon in der Mitte und oben dem halbrunden Balkönchen. Hier also wohnten wir einst unter dem steil abfallenden Schieferdach. Nur die hohen Tannen neben dem Haus sind nicht mehr vorhanden. Wenn es damals stürmte in der Nacht, dann sausten und heulten diese Tannen und bogen sich so bedrohlich, dass ich fürchtete, sie könnten brechen.

Auch die weiten Grünflächen rechts sind verschwunden; alles ist längst überbaut. Der ‚Kapuzinerberg' ist vom Wiesengelände zum Wohnquartier geworden. Wie seltsam, dass mir gerade jetzt ein barocker Vers von Andreas Gryphius einfällt, der genau das Gegenteil aussagt:

"Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein"…

(Diese Aussicht wäre aber auch für Naturliebhaber wohl wenig erfreulich).

Als Erstklässler trabte ich immer den "Stadtweg" vom "Kapuzinerberg" hinab in die Schule, die sich in der Gegend der Martinskirche befand. Beim Bahnübergang musste ich oft anhalten vor der gesenkten Barriere und hatte Gelegenheit, die Wagen der langen vorüberrollenden Güterzüge zu zählen. Heute ist das alles ganz anders. Eine Unterführung taucht unter der Bahnlinie durch, und rundum starrt eine Betonlandschaft.

Den Anfang des "Dritten Reiches" habe ich in Rheinfelden noch miterlebt. Ich sass mit meinem Vater an einem rudimentären Radio und hörte befremdet die barschen Töne, die neuerdings von drüben herübertönten. Und einmal leuchtete mitten in der Nacht ein grosser Brand in Badisch-Rheinfelden. Damals war es für uns nur ein schauriges Schauspiel. Heute erscheint es mir als das Fanal jenes Schreckens, der über Europa hereinbrechen sollte.

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Fast hätte ich auf dem "Kapuzinerberg" einst mein junges Leben gelassen. Am 16. April 1929 geriet ich, von Hunden geängstigt, in die Rollwagenkolonne der dortigen Ziegelei, die mir den linken Unterschenkel zerschmetterte. In tiefster Dankbarkeit gedenke ich hier des Chirurgen Dr.Othmar Häuptli, der von einer Amputation absah und dem es gelang, das Bein zu retten, und ich gedenke der Gebete meiner Eltern. Wie heisst es doch in jenem mittelalterlichen Kirchenlied? Media in vita in morte sumus.

Der Wind weht noch immer wie einst, und der Strom zieht seiner Wege. Alles strömt, alles gleitet, und wir entgleiten uns selber mit der Zeit. Aber die kleine Felseninsel im Rhein widersteht dem Strömen, als gäbe es gar keine Zeit für sie. Doch auch wir Menschen haben etwas Zeitloses in uns. Wenn ich lange genug die Augen schliesse und nach innen blicke, dann verwandelt sich der "Kapuzinerberg" wieder zurück in eine grosse grüne Wiese. Und dann bin ich wieder der kleine träumerische Junge, der den "Stadtweg" hinab zur Schule geht, mit dem neuen, frisch behaarten Schultornister am Rücken… Der Junge, der noch alles zu lernen hat - und der auch heute noch weiterlernt.