Nr. 15, 9. Juli 2004
Bundesbern, Nato und GASP
Behauptungen und Absichten
Worte des Chefs Armee
Noch in der vergangenen Juni-Session behauptete
- anlässlich der Nationalrats-Debatte über den bundesrätlichen
Geschäftsbericht 2003 - Bundespräsident Joseph Deiss, die Schweiz
habe mit der Nato rein nichts am Hut.
Am 28. Juni 2004 hätte
Bundespräsident Deiss der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats
Red und Antwort stehen sollen über die wenige Stunden zuvor paraphierten
Bilateralen Verträge II mit der EU. Der Bundespräsident fand sich
zu dieser Sitzung zwar ein und verlas eine vorbereitete Erklärung. Wenig
später musste er die Sitzung bereits wieder verlassen - das Flugzeug
warte.
Am Nato-Gipfel
Am Abend durfte man aus der Tagesschau die Zusammenhänge erfahren: Statt
die für die Aussenpolitik mitverantwortlichen Nationalräte eingehend
über die getroffenen Vereinbarungen mit Brüssel zu orientieren,
zog es der Bundespräsident vor, bei den Grossen dieser Welt am Nato-Gipfel
zu Istanbul
zu sitzen ...
Was nur hat der Bundespräsident - weder Verteidigungs- noch Aussenminister
- überhaupt bei der Nato zu suchen? Mit der die Schweiz, wie Deiss erst
vierzehn Tage zuvor noch behauptet hatte, angeblich rein nichts am Hut habe,
zu der sie jedenfalls keine Annäherung suche. Diente der Istanbul-Trip
also
nur der persönlichen Eitelkeit des Bundespräsidenten?
Nicht nur! Schliesslich zirkuliert zu Bern ein Papier. Die uns vorliegende
Kopie trägt kein Datum, wohl aber die Unterschrift von Korpskommandant
Christophe Keckeis. Überschrift: «Kooperationsvorgaben des Chefs
der Armee (Zeitraum 2004 bis 2011)». Ein Papier, das bemerkenswert offen
aussagt,
wohin die Armeespitze die Schweizer Armee leiten will: Richtung Nato und Richtung
geplante EU-Armee.
Einige ausführliche Originalzitate aus diesem Papier (Zwischentitel durch
«Schweizerzeit» gesetzt):
Kooperationsvorgabe
«Sowohl im Sicherheitspolitischen Bericht 2000 wie auch im Armeeleitbild
XXI werden Notwendigkeit und Möglichkeiten unserer Armee im Bereich der
Kooperation festgehalten. Der Kooperationsfähigkeit sowohl mit inländischen
Sicherheitsinstrumenten als auch mit ausländischen Streitkräften
wird heute
und in Zukunft entscheidende Bedeutung beigemessen, im internationalen Rahmen
gilt dies nicht nur für die Nato-Mitglieder, sondern auch für neutrale
und andere bündnisfreie Staaten. ... Für einen Kleinstaat wie die
Schweiz wird die Kooperationsfähigkeit eine wesentliche Voraussetzung
zur politischen und militärischen Handlungsfreiheit und Solidarität.»
Die Schweiz und die Nato
«Die militärische Sicherheit des Kleinstaates Schweiz und ihre
militärische Strategie hängt immer von den sicherheitspolitischen
Entwicklungen vor allem in Europa ab. Wenn sich dieses Umfeld heute immer
enger zusammenschliesst (Integrations- bzw. Erweiterungsprozesse von EU und
Nato), so trifft dies unser Verhältnis zu diesem Umfeld im Kern. Wenn
wir bisher mit jedem Nachbarstaat einzeln verhandelten, so gibt es heute in
vielen Bereichen auch multilaterale Partner, nämlich die Uno, OSZE, EU
und Nato. Auch wenn eine Bündnisbeteiligung der Schweiz zur Zeit nicht
in Frage kommt, muss unser Land einen Modus vivendi für eine Zusammenarbeit
mit diesen supranationalen Institutionen finden.»
Nato-Normen bestimmen
«Weil die Nato auch in den kommenden Jahren für den euro-atlantischen
Raum die wichtigste multilaterale Sicherheitsorganisation bleiben wird, ist
die Partnerschaft für den Frieden (PfP) für die Schweizer Armee
nach wie vor der primäre Rahmen, innerhalb dessen wir unsere kooperative
Sicherheitsstrategie umsetzen. Da sich die verschiedenen nationalen Streitkräftereformen
der europäischen Partner und die sich entwickelnden Prozesse der Europäischen
Sicherheits- und
Verteidigungspolitik (ESVP) ebenfalls an den bewährten Standards der
Nato orientieren, sind die durch die Kooperation in der PfP gewonnenen Erkenntnisse
auch als Voraussetzung für die bilateralen
Streitkräftebeziehungen und der Zusammenarbeit im multilateralen, europäischen
Rahmen zu werten und in diesbezügliche sicherheits- und militärpolitische
Überlegungen sowie in die Doktrin der Schweizer Armee aufzunehmen.»
PfP genügt nicht mehr
«Es ist anzunehmen, dass PfP trotz erweitertem ESVP-Ausbau weiterhin
der Mechanismus bleibt, mit dem die nicht der Nato angehörenden EU-Staaten
die Zusammenarbeitsfähigkeit ihrer Truppen für Krisenreaktions-Operationen
(Crisis Response Operations - CRO) sicherstellen wird. Dennoch dürfte
für
die Schweiz künftig die Abstützung ihrer militärischen Kooperation
auf PfP allein nicht mehr genügen, weil sich mit der Weiterentwicklung
der ESVP die für die Schweiz relevanten Operationen des Krisenmanagements
von der Nato hin zur ESVP verlagern könnten. Die gezielte Zusammenarbeit
mit den Staaten der EU im Rahmen der ESVP ist für die Schweiz daher angezeigt
und ergänzt die Kooperation mit der Nato. Auch für die militärische
Kooperation im Rahmen der Uno wird der Planning and Review Prozess der Nato
zum internationalen Standard der Kooperationsfähigkeit.»
Fazit
Mit andern Worten: Die Zusammenarbeit mit Partnership for Peace (PfP), vom
Bundesrat immer als neutralitätspolitisch völlig unbedenkliches
A-la-carte-Menu dargestellt, genügt Bern nicht mehr. Bern plant - hinter
dem Rücken des Souveräns - die Eingliederung der Schweiz in die
«Gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik» (GASP) der EU, als
deren Chef soeben Xavier Solana bestimmt worden ist. Das bedeutet die Preisgabe
der eigenständigen schweizerischen Aussenpolitik.
Damit wird klar, weshalb der amtierende Bundespräsident dem Ruf der Nato
offensichtlich höhere Priorität einräumt als seiner Pflicht,
schweizerischen Parlamentariern endlich offenzulegen, wozu sich der Bundesrat
im Rahmen der Bilateralen II gegenüber Brüssel verpflichtet hat.
Ulrich Schlüer