Nr. 15, 6. Juni 2003
Bedrohte
Pressefreiheit
Darf man den Islam noch kritisieren?
Von Karsten Huhn und Eckhard Nickig
Den meisten Zeitungen war diese Meldung Anfang Mai nur wenige Zeilen wert: Ein Buch, das sich kritisch mit Islamisten in Deutschland auseinandersetzt, durfte nach Klagen islamischer Vereine und Personen nicht mehr verkauft werden.
Das ist kein Einzelfall. Die Einschüchterung von Kritikern des Islam hat mittlerweile Methode. Das Buch wird bald ein Sammlerobjekt sein. «Der Krieg in unseren Städten» (auch die «Schweizerzeit» empfahl dieses Buch auf ihrem «Büchertisch»), erschienen im Frankfurter Eichborn-Verlag, verfasst von einem Redaktor der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», Udo Ulfkotte, darf nicht mehr ausgeliefert werden. Es beschreibt, wie islamistische Extremisten Deutschland unterwandern. Nach aussen tarnen sie sich als wohltätige Spendensammler, predigen religiöse Toleranz und den Dialog der Weltreligionen. Tatsächlich so Ulfkotte seien sie eine gut getarnte Untergrundarmee, die sich zum Angriff auf den Rechtsstaat rüste mit dem Ziel, einen islamischen Gottesstaat zu errichten. Ihre Verbindungen reichten zu gewalttätigen und terroristischen Organisationen wie der ägyptischen Muslimbruderschaft, zu Hamas und Hisbollah, Al-Kaida und den Attentätern von New York, Washington und Djerba.
Diese Darstellung gefiel zahlreichen islamischen Vereinen, Organisationen, Firmen und Privatpersonen nicht. Sie überzogen Autor und Verlag mit Klagen. Zunächst erreichten sie mit einer Einstweiligen Verfügung das Verbot einer Neuauflage. Nun wurde auf Antrag der Islamischen Föderation in Berlin auch der Vertrieb der bereits gedruckten Exemplare untersagt.
Gegenwehr «zwecklos»
Obwohl das Buch in der Öffentlichkeit kaum erwähnt wurde, verkaufte
es sich bis zu seinem Verbot mehr als 25 000mal und schaffte es auf Platz
13 der «Spiegel»-Bestsellerliste «Sachbuch». Dennoch
hat Autor Ulfkotte die Waffen gestreckt. Der gesundheitlich schwer angeschlagene
junge Mann, der sich zur Zeit in einer Klinik im Ausland aufhält, will
sich gegen die in ganz Deutschland eingereichten Klagen nicht zur Wehr setzen.
«Selbst wenn ich alle Verfahren gewinnen würde, müsste ich
jahrelang prozessieren», sagt Ulfkotte, der nach mehreren Morddrohungen
inzwischen unter Personenschutz steht. Auch Eichborn-Verleger Peter Wilfert
verzweifelt angesichts der Prozesslawine, die aus Hamburg, München, Berlin
und Köln auf ihn zurollt. Der finanzielle Kraftakt sei für den mittelständischen
Verlag nur schwer zu bewältigen. «Unter Zuhilfenahme erlaubter
Mittel wird systematisch finanzieller Druck aufgebaut, um missliebige Berichte
zu zensieren», sagt Wilfert.
Schon in früheren Fällen wurden Journalisten, die im Umfeld islamistischer Organisationen recherchierten, mit Unterlassungsklagen überzogen. So muss sich die Berliner Journalistin Claudia Dantschke seit mehr als einem Jahr der Klagen von islamischen Vereinen und Privatpersonen erwehren. Mit zwei Kollegen hatte sie in der Broschüre «Politik im Namen Allahs» deren Verbindungen zur islamistischen Gemeinschaft Milli Görüs offengelegt.
«Schlaft weiter!»
Ulfkotte warnt vor einer naiven Verbrüderung mit Islamisten: «Mein
Buch stört das Gespräch zwischen Muslimen und Christen. Aber nicht
jeder, der einem die Hand schüttelt und von Dialog spricht, meint das
auch ehrlich.» Besonders verbittert habe ihn, dass die Gefahr des islamistischen
Terrors in Deutschland weder Journalisten noch Politiker zu interessieren
scheint. Ausser dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein (CSU)
sei keinem deutschen Politiker die Brisanz des Themas bewusst. «Schlaft
weiter!» sagt Ulfkotte.
In der Branche ist der Enthüllungsjournalist nicht unumstritten. Einigen gilt Ulfkotte als Nestbeschmutzer, zog er doch in seinem Buch «So lügen Journalisten» über das eigene Metier her. Der Norddeutsche Rundfunk bezeichnete seine Ansichten über den Islam als «rechtsradikal», und die linksalternative «tageszeitung» meinte sogar, Ulfkotte biete «viel Stoff für Verschwörungstheoretiker».
Tatsächlich bleiben einige Spuren und Verdachtsmomente, die Ulfkotte zusammengetragen hat, nebulös. Dass das Buch Fehler enthält, gibt Ulfkotte zu: «Einige Stellen im Buch sind sachlich nicht richtig.» So sei es vorgekommen, dass er den Bruder eines Extremisten mit dessen Cousin verwechselt habe. Aber das sei bei der Vielzahl recherchierter Fakten nicht verwunderlich und hätte in einer zweiten Auflage korrigiert werden können. Dennoch hält er am düsteren Ergebnis seiner Recherche fest: «Wir werden in Deutschland in Zukunft Terroranschläge erleben.»
Ein abgesetzter Film
Die Einschüchterung von Islam-Kritikern wird so systematisch betrieben,
dass der Saarbrücker Religionswissenschaftler Karl-Heinz Uhlig die Pressefreiheit
in Gefahr sieht. Sichtbar wurde dies bereits während der Fussball-Weltmeisterschaft
1998 in Frankreich. Dort gab es einen Eklat, als der US-Spielfilm «Nicht
ohne meine Tochter» im französischen und deutschen Fernsehen gesendet
werden sollte. Der Film schildert die Entführung der Tochter einer US-Bürgerin
durch ihren iranischen Ehemann und setzt sich mit den Zuständen im persischen
Mullah-Regime auseinander. Die iranische Fussballmannschaft drohte mit dem
Boykott der WM, sollte der Film ausgestrahlt werden. In Frankreich wurde er
gesendet. Der deutsche Privatsender VOX knickte dagegen vor den iranisch-moslemischen
Drohgebärden ein. Er setzte den Film ab, da «eine Gefährdung
der Mitarbeiter nicht ausgeschlossen werden» könne. Ein Verhalten,
das selbsternannte Wächter des Islam wohl zu weiteren Taten ermutigt
haben dürfte.
Schwarze Listen
Inzwischen gibt es eine Organisation mit dem Namen «MuslimRecht»,
die gegen Kritiker Kampagnen organisiert. Vorbild ist die US-Organisation
«CAIR» (Rat für Amerikanisch-Islamische Beziehungen). Sie
prangert anti-islamische Vorfälle an und attackiert Christen, die dem
Islam Gewaltbereitschaft attestieren; so den Evangelisten Franklin Graham,
Sohn von Billy Graham. Er hat den Islam öffentlich als «bösartige»
Religion bezeichnet und sich dafür sogar einen Rüffel der Evangelischen
Allianz eingehandelt. Doch immerhin: Graham steht mit seinem Hilfswerk «Samaritan¹s
Purse» (Geldbeutel des Samariters) auch Armen im Irak und anderen islamischen
Ländern bei.
Zurück zu CAIR: Es verfügt über drei Dutzend Angestellte und ein Netz von Juristen. Das möchte «MuslimRecht» auch in Deutschland aufbauen. In der Selbstdarstellung der Organisation mit Sitz in Hamburg heisst es, man wolle «ein positives Bild des Islam und der Muslime in Deutschland fördern». Doch wer sich durch die Internet-Seiten durcharbeitet, bekommt ein weniger freundliches Bild von den Aktivitäten des Vereins. Da gibt es eine Rubrik «Schwarze Liste Vertreter der Intoleranz», wo erklärt wird: «MuslimBoykott hat zum Ziel, intolerante und islamfeindliche Personen und Organisationenaufzulisten und sie einer breiten Masse publik zu machen.» Ausserdem wirdzum Boykott von 251 Produkten aufgerufen, die angeblich US-amerikanischen oder britischen Ursprungs sind, wie Milka, Ariel, Chiquita, Frolic, Iglo, Jacobs, Onko und Coca-Cola.
E-Mails gegen «Phoenix»
Von «MuslimRecht» wurde auch eine Kampagne gegen den Film «Wir
wollen den wahren Islam Junge Muslime in Deutschland» des evangelischen
Pastoren-Ehepaares Gisela und Udo Kilimann organisiert. Die Produktion lief
bereits im September im WDR-Fernsehen und sollte bei Phoenix am 19. Januar
wiederholt werden. Ein muslimischer Student, der in dem Film zu Wort kam und
dem Verbindungen zu islamistischen Organisationen nachgewiesen wurden, fühlte
sich diffamiert und beantragte eine Einstweilige Verfügung gegen den
Sender. «MuslimRecht» rief zu Protest-E-Mails auf, die den Sender
offenbar beeindruckten, da sie offensichtlich nicht nur Kritik, sondern auch
handfeste Drohungen enthielten, die nach dem 11. September 2001 niemand mehr
auf die leichte Schulter nimmt. Die Sendung wurde abgesetzt. Sie wurde zwar
kurze Zeit später doch ausgestrahlt, doch der Vorgang zeigt, wie leicht
sich Medien einschüchtern lassen.
Journalistin am Pranger
Am Pranger von «MuslimRecht» landete auch die Redaktorin des Evangelischen
Pressedienstes, Gisela Zabka. Grund war ein Interview mit einer Filmautorin
des Hessischen Rundfunks über die Reaktionen von Moslems auf ihre Arbeit.
Esther Schapira hatte versucht, die Hintergründe des Todes eines 11jährigen
palästinensischen Jungen aufzuklären. Der Junge wurde der Weltöffentlichkeit
als Opfer des israelischen Militärs ausgegeben, als er in den Armen seines
Vaters starb. Doch Schapira nannte Anhaltspunkte dafür, dass der Junge
auch von Palästinensern getötet worden sein könnte. Auf den
Film folgten Beschimpfungen und Drohungen muslimischer Zuschauer. Palästinenser
beschuldigten Schapira, einen «Märtyrer» (den 11jährigen
Jungen) und damit alle Muslime beleidigt zu haben. Sie hätte sich die
Konsequenzen vorher überlegen müssen. Die Journalistin konnte zeitweilig
nur unter Polizeischutz auftreten. Als der Film im Jüdischen Museum in
Frankfurt am Main vor Schülern gezeigt wurde, gab es vermehrt Absagen
von Schulen, die eine Führung gebucht hatten aus Angst vor islamischen
Attentaten.
Zu viel entschuldigt
Schapira ist überzeugt, dass viele Medien wegen des Wunsches nach einer
funktionierenden multikulturellen Gesellschaft zu vieles entschuldigt und
tabuisiert haben. Kritik übt sie auch am Leiter des Hamburger Orient-Institutes,
Udo Steinbach, der palästinensische Selbstmordattentäter mit Kämpfern
des Warschauer Ghettos gleichsetzte und in seinem Institut auch Islamisten
beschäftigt. Zu den Kampagnen von «MuslimRecht» gegen Journalisten
sagt sie: «Islamistische Einschüchterungskampagnen können
Erfolg haben, gerade weil sie so diffus sind. Allein die Möglichkeit,
selber ins Schussfeld zu geraten, erhält plötzlich eine ganz neue
Bedrohungsqualität. Jeder kann gemeint sein, der zum Feind definiert
wird, eine Person, ein Sender.» Da Gisela Zabka, Redaktorin des Evangelischen
Pressedienstes, derart kritische Fragen zur Einschüchterung von Journalisten
aufwarf, zog «MuslimRecht» folgendes Resümee: «Frau
Zabka ist hier eindeutig zu weit gegangen. Der Versuch, die hier lebenden
Muslime pauschal zu diskriminieren, Ängste in der Bevölkerung zu
schüren und MuslimRecht als islamistische Organisation abzustempeln,
ist inakzeptabel und wird von uns auch in Zukunft geahndet werden.»
Das klingt bedrohlich, denn für Bestrafung sind hierzulande immer noch
Gerichte zuständig und nicht muslimische Organisationen.
Wie bei der Mafia
Die Gesellschaft scheint sich daran zu gewöhnen, dass Kritik am Islam
nur noch unter Vorsichtsmassnahmen vorgetragen werden kann. Esther Schapira
hält eine solche Gewöhnung für verhängnisvoll: «Wir
erreichen sonst einen Zustand wie in Italien, als es darum ging, über
die Mafia zu berichten. Und wo Journalisten sich irgendwann nicht mehr getraut
haben, offen zu berichten, weil sie wussten, dass sie ihr eigenes Leben gefährden.
Dies darf in einer Demokratie nicht zum Normalzustand werden.»
Die «Schweizerzeit»
dankt der Evangelischen Nachrichtenagentur idea e.V. in Wetzlar/Deutschland
für das Abdruckrecht des im «ideaSpektrum 20/2003» erschienenen
Artikels.