Nr. 15, 21. Juni 2002
Die «New Economy»
und ihre Illusionen
Pseudoliberalismus oder wahrer Liberalismus
Von Dr. Fredmund Malik, St. Gallen
Das einzig Neue an der «New Economy» ist etwas Uraltes: Deregulierung, Globalisierung und Digitalisierung führen die Welt stärker als jede andere technische oder soziale Entwicklung der Vergangenheit in die Nähe des ökonomischen Modells der vollkommenen Konkurrenz.
Die Hauptelemente des Konkurrenz-Modells für jeden Ökonomiestudenten im dritten Semester bekannt sind: friktionsfreie Anpassung aller wirtschaftlichen Prozesse, Minimierung des Zeitbedarfs und Maximierung der Transparenz. Ebenso klar sind aber auch die Folgen, welche dieses Modell bewirkt: Die Preise pendeln sich auf dem niedrigst-möglichen Niveau ein, und niemand macht mehr Gewinne.
Weder ist diese Einsicht neu, noch ist sie für die Unternehmerseite besonders angenehm. Die «New Economy» sieht, in diesem Lichte betrachtet, somit ziemlich «alt» aus; sie ist weit entfernt von para- diesischen Zuständen. Es gibt nicht eine einzige These der «New Economy»-Vertreter und ihrer treuen Medien-Vasallen, die sich als richtig erwiesen hätte. Oder anders ausgedrückt: Der Zusammenbruch der Illusionen hätte eigentlich auch schon viel früher in der Mitte der neunziger Jahre eintreten können.
Schuldenwirtschaft
Dass dieser Zusammenbruch so lange hinausgezögert und aufgeschoben werden
konnte, ist der bei- spiellosen Schöpfung von Liquidität durch die
US-Notenbank zuzuschreiben, zusammen mit den nachweislich getätigten
direkten Eingriffen zur Stützung der Aktienbörse. Dies hat zu einer
vorher nie beobachteten Kreditausweitung und in Folge zu einer «Asset-Bubble»
(Börsen-Blase) gigantischen Ausmasses geführt, die durch keinerlei
reale Wirtschaftsleistung gerechtfertigt war. Gleichzeitig machte sich jene
massenpsychologische Stimmung breit, in der jedes Risiko gering erschien und
der Glaube entstehen konnte, dass die amerikanische Notenbank FED immer als
Retter bereitstehen könne und würde.
Greenspans
Akrobatik
FED-Chairman Alan Greenspan, von der Finanzwelt und den Medien heroisiert
wie vor ihm nur Abraham Lincoln und John F. Kennedy, hat gute Chancen, als
Zerstörer der amerikanischen Wirtschaft in die Geschichte einzugehen.
Der wirklich entscheidende Punkt ist, dass alle Bedingungen einmal mehr erfüllt
wurden, die einen Zusammenbruch der Finanzmärkte möglich machten
mit all den Folgen, die mit Regelmässigkeit an ein solches Ereignis
geknüpft waren: eine langanhaltende Rezession, mögli- cherweise
Depression und die Vernichtung eines Grossteils der Vermögenswerte in
einer Periode der Deflation. Wie die Geschichte lehrt, bleiben solche Ereignisse
nicht auf die ökonomische Sphäre beschränkt, sondern haben
tiefgreifende Auswirkungen auf das soziale Gewebe der Gesellschaft, unter
anderem dadurch, dass Alters- und Sozialversorgung gefährdet sind. Sie
führen ausserdem und aus diesem Grunde zum Risiko der politischen Radikalisierung.
Die Lehren hätten seit langem gezogen werden können, hätte man Japan und seine Wirtschaft studiert. Japan ist den USA um zehn Jahre voraus und liefert daher das beste Lehrstück. Alle Exzesse sind dort in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre geschehen, mit dem Ergebnis einer nunmehr zehnjährigen schuldenbedingten Agonie, für die ein Ende nicht absehbar ist. Lehren hätten auch gezogen werden können aus dem Kollaps der südostasiatischen Wirtschaften. Diese Warnung kam aber bereits zu spät, als dass sie das massenpsychologische Moment noch hätte stoppen können.
Wirtschaftsgesetze
bleiben
«Alt» und «Neu» lassen sich nicht so einfältig
auf die Wirtschaft und ihre Gesetze anwenden, wie es versucht wurde. Die «Grosse
Transformation», die vermutlich noch nicht über ihr erstes Drittel
hinaus ist, wird ohne Zweifel noch viele Neuerungen bringen. Neuerungen, zum
Teil radikale, wird es in allen Wertschöpfungsstufen der Wirtschaft geben,
von Forschung und Entwicklung bis zur Vermarktung. Es wird neue Organisationsformen
und auch neue Unternehmenstypen geben, neue Arten der Verwaltung, des Lernens
und Lehrens, des Transportierens und des Konsumierens. Die Menschen werden
sich auf viele neue Weisen verhalten.
Warum sich deswegen aber die Gesetze der Wirtschaft verändern sollen, ist nicht einzusehen. Die Preisbildung wird trotz aller Neuerungen durch Angebot und Nachfrage erfolgen; Verträge werden zu halten und Rechnungen zu bezahlen sein; Schuldner werden zu besichern und zu bedienen haben; Gläubiger werden exekutieren oder abschreiben müssen. Unternehmen brauchen zuerst Kunden, und dann erst können sie an den Aktionär denken; sie müssen zu jeder Zeit konkurrenzfähig sein, wertvoll zu sein ist nicht ihr Zweck. Unternehmen werden zuerst den Customer Value maximieren müssen, erst danach kommt der Shareholder Value. Solide Finanzierung und die Fähigkeit, schlechte Zeiten durch- zustehen, müssen Grundelemente jeder Unternehmensstrategie sein. Man muss richtiges von falschem Wachstum, markterforderliche Grösse von persönlichen Denkmälern wieder zu unterscheiden lernen. Gute Manager müssen sich deutlich absetzen von Abenteurern und Egomanen. Zu akzeptieren ist auch, dass Unternehmen niemals auf Dauer eindimensional und schon gar nicht rein finanzwirtschaftlich geführt werden können.
Wahrer
und falscher Liberalismus
Vor allem wird erneut zu lernen sein, dass eine freie Wirtschaft nicht durch
Verzicht auf Regeln zu haben ist. Liberalismus hat noch nie Regellosigkeit
bedeutet, sondern im Gegenteil die Etablierung sorgfältig durchdachter,
beinahe kunstvoll arrangierter Regeln, die den selbstzerstörerischen
Kräften Grenzen setzen, die die Machtausübung von Individuen und
Staat klar und strikt limitieren, die Verant- wortung und Haftung für
fehlerhaftes Verhalten erzwingen.
Die Komplexität einer modernen Gesellschaft, ihre Transparenz, die Verbreitungsgeschwindigkeit von Informationen und der Bildungsstand eines immer grösseren Teils der Menschen machen es wichtiger als je zuvor, dass die Kernsysteme von Wirtschaft und Gesellschaft robust sind. Sie dürfen weder zum Spielball von intellektuellen Abenteurern und ihren ökonomischen Illusionen werden noch der Gier der Finanzwelt und auch nicht dem Grössenwahn von Managern überlassen sein.
Wenn die grösste Chance der Menschheit auf Frieden, Freiheit und Wohlstand, die es je gab, nicht leichtfertig verspielt werden soll, dann muss der Pseudoliberalismus durch den wahren Liberalismus ersetzt werden. Daran muss ein kleines, aber international stark verflochtenes Land wie die Schweiz ein erstrangiges Interesse haben.
Dr. Fredmund Malik