Nr. 15, 15. Juni 2001
Ihr (missbrauchten) Kinderlein kommet!
Aufgepasst, bald kommt Leben in die politische Bude. Die Kinder übernehmen langsam, aber sicher das Zepter, und gar mancher langjährige Parlamentarier dürfte dann vielleicht etwas mehr Zeit haben, sich seinen Verwaltungsratsmandanten zu widmen.
In Bern hat eine «Kinderkonferenz» mit 60 Teilnehmern im Alter von 10 bis 15 Jahren stattgefunden. Viele Zeitungsschreiber sind fast ausgeflippt vor Begeisterung. Die «Neue Zürcher Zeitung» meldete sogar, bei den teilnehmenden Kindern habe es sich um solche gehandelt, die «mehrheitlich Erfahrungen hatten in Partizipationsprojekten aus Kinderparlamenten». Sackerment, tönt das vornehm. Jetzt weiss ich wenigstens, warum ich mich nie als Bundesrat, Parlamentarier oder auch nur als Diplomat geeignet hätte. Im Alter zwischen 10 und 15 Jahren beschäftigte ich mich offen gestanden noch intensiv mit meiner elektrischen Eisenbahn, und das Wort «Partizipationsprojekt» habe ich nicht einmal gekannt, geschweige denn damit Erfahrung gehabt ich muss mich wirklich schämen!
Natürlich, wie hätte es anders sein können, haben die lieben Kleinen zum Abschluss ihrer partizipa- tionsprojekterfahrenen Konferenz in Bern politische Forderungen gestellt. Zum Beispiel mehr Mitspra- che, Recht auf Mitbestimmung in der Schule, bessere Ausbildung und so weiter. Es hat eigentlich nur noch die Forderung gefehlt, unbeliebten Lehrern auf den Ranzen geben zu dürfen... Die vermutlich kaum von den Kindern erfundenen Forderungen seien von einem Beamten entgegen- genommen worden. Er hat dabei vor Freude sicher gesaftet wie ein Bernhardiner beim Anblick einer Wurst, weil er nämlich im kommenden Herbst ein Reisli nach New York zum «Weltkindergipfel der Uno» machen darf. Hoffentlich wird er dort als Vertreter des wichtigsten Landes der Welt wenigstens dem Kofi Annan und seinen Leuten gehörig den Marsch blasen.
Es ist wahrlich an der Zeit, dass man die Kinder für die Politik einspannt. Warum sollen denn die ihre Jugendzeit so wie wir anno dazumal unbeschwert geniessen, bei schönem Wetter in den Badeanstalten plantschen oder über Fussballfelder seckeln? Die sollen, bitte sehr, etwas Vernünftiges tun und poli- tisieren. Wenn wir schon das Wahl- und Stimmrechtsalter auf 18 Jahre heruntergesetzt haben, dann können wir das ebensogut in einem weiteren Rutsch kurzerhand auf 10 Jahre festsetzen. Dann dürfen Müllers Köbeli, Hubers Vreneli und Mosers Fritzli sich als National- oder Ständeräte wählen lassen. Im Parlament würden dann jene Probleme zur Diskussion gestellt, die bisher sträflich vernach- lässigt worden sind. Zwar wird die Regierung leicht ins Schwitzen kommen, wenn dereinst Vorstösse von 10- bis 15jährigen Parlamentariern überwiesen werden, die etwa so lauten könnten: «Der Bundesrat wird beauftragt dafür zu sorgen, dass man in der Wandelhalle des Parlamentsgebäude Trottinettfahren, Seiligumpen und Federball spielen darf.» Und wann werden wir wohl bei Bundesratswahlen den ersten Kinderkandidaten haben? Natürlich aufgestellt von den Grünen, weil diese zuständig sind für Grün- schnäbel.
Vielleicht sagt jetzt dieser Leser oder jene Leserin, ich hätte nun doch wieder haarsträubend übertrie- ben. Übertrieben? Wohl kaum! Ganz im Vertrauen will ich hier nämlich noch etwas verraten: In den Parlamentsräumen und nicht zu vergessen im Journalistenzimmer des Bundeshauses hat es schon längstens diverse Kindsköpfe. Aber erzählen Sie das bitte nicht weiter, sonst bezichtigt mich der Bundespräsident noch der politischen Unkultur...
Ernst Tschanz