Nr. 15, 15. Juni 2001

30 Monate Euro
Ernüchternde Bilanz
Von Dr. Werner Steuer
(früherer Geschäftsführer der «Gemeinschaft zum Schutz der deutschen Sparer»)

Am 1. Januar 1999 fiel der Startschuss für die Europäische Währungsunion. Anfang 2002 wird die neue Währung in den Euro-Ländern als Bargeld eingeführt. Der Autor vergleicht die gehegten Erwartungen mit der Wirklichkeit und zieht eine negative Zwischenbilanz. Mit Einwilligung der Erstveröffentlicherin gibt die «Schweizerzeit» Auszüge aus einem Artikel wieder, der in der März-Ausgabe der Zeitschrift «Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesell- schaftspolitik» der Ludwig-Erhard-Stiftung erschienen ist.

Die gemeinsame europäische Währung wurde von der Politik mit grossen Erwartungen auf den Weg gebracht. Sie werde den Touristen Umtauschkosten ersparen, dem Sparer vielfältigere Anlagen eröffnen, den Unternehmen durch Wegfall von Wechselkursrisiken verlässlichere Kalkulationsgrundlagen bieten. Vor allem werde der Euro eine wertstabile Währung sein. Das diszipliniere die Lohn- und Finanzpolitik und verschaffe der gemeinsamen Währung internationale Reputation. Der Euro, so die Prognosen, steige zu einer bedeutenden Reserve- und Anlagewährung auf und werde von der amerikanischen Geldpolitik unabhängig.

Die ersten Erfahrungen indes bleiben hinter diesen Verheissungen weit zurück. Zwar verlief die tech- nische Integration der nationalen Geldmärkte zu einem europäischen Geldmarkt nahezu reibungslos. Die zentralen Ziele aber wurden weitgehend verfehlt.

Falsche Prognosen
Dass der Euro gegenüber vielen Währungen spektakulär in die Knie ging, kann angesichts der kraft- losen europäischen Geld- und Wirtschaftspolitik nicht überraschen. Überrascht wurde aber die grosse Zahl Euro-enthusiastischer Bankökonomen, die dem Euro eine Aufwertung gegenüber dem Dollar vor- ausgesagt hatten. Noch im Februar 2000, als der Euro seine Talfahrt fortsetzte, stellte eine Gruppe von Bankvolkswirten eine Kurserholung bis zum Jahresende auf 1,13 Dollar in Aussicht. Sie lobte die Euro- päische Zentralbank (EZB) und meinte, die Inflationsrate werde im Jahresdurchschnitt auf 1,7 Prozent begrenzt bleiben. Eine verunsicherte Öffentlichkeit wurde mit der Behauptung beschwichtigt, die Märkte irrten, der Euro sei um 20 bis 30 Prozent unterbewertet und habe grosses Aufwertungspotential.

Selten haben sich Wirtschaftsexperten so gründlich geirrt. Weder kam es auf dem Devisenmarkt zu einer Wende, noch blieb die Preisstabilität gewahrt. Bis Oktober 2000 verlor der Euro 30 Prozent seines Wertes gegenüber dem Dollar. Damit ging nicht nur eine empfindliche Verschlechterung der Terms of Trade einher, sondern auch eine überaus schmerzliche Einbusse an Vertrauen in die neue Währung.

Weichwährung
Alle Beschwichtigungen konnten die Märkte nicht umstimmen. Der Euro setzte seine Talfahrt fort. Anders als die D-Mark zu Beginn der 80er Jahre verlor der Euro Boden auch gegenüber vielen anderen Währungen wie dem Pfund, dem Schweizer Franken (der sich im März 1999 vom Euro löste), der Schweden- und der Dänenkrone sowie dem australischen und neuseeländischen Dollar. Nicht einmal gegenüber dem Rubel und so exotischen Valuten wie den Währungen Haitis, Jamaikas, Kasachstans, Mosambiks, Nigerias oder Sambias konnte er seine Position festigen. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» titelte deshalb im vergangenen Herbst: «Der Euro ist so stark wie der Rubel». Im Text las man, er befinde sich in guter Gesellschaft auch mit dem Simbabwe-Dollar.

Immer weniger konnten sich Politiker und Ökonomen der Erkenntnis verschliessen, dass der Wechsel- kurs durch die Geld- und Kapitalströme zwischen den Währungsräumen geprägt wird. Das Kapital fliesst in Volkswirtschaften, in denen höhere Erträge winken und das Vertrauen in die Notenbank und in die Wirtschaftspolitik gefestigt ist. Tatsächlich ergoss sich ein breiter Kapitalstrom von Europa in den Dollar-Raum ­ seit Beginn der Währungsunion etwa 220 Milliarden Euro an Wertpapieranlagen und Direktinvestitionen. In den Vereinigten Staaten ist nicht nur die Verzinsung von Schuldtiteln ergiebiger. Dort erzeugt eine mehr marktwirtschaftlich ausgerichtete Wirtschaftspolitik auch höhere wirtschaftliche Effizienz.

Ausserdem liegt die Geldpolitik in den Händen eines angesehenen Notenbankpräsidenten. Dem gegen- über tut sich Euroland schwer. Hier sind die Arbeitsmärkte wenig flexibel. Die Arbeitslosigkeit ist dop- pelt so hoch wie in den USA. Der Staatsanteil am Sozialprodukt erreicht fast 50 Prozent (32 Prozent in den USA). Vielerlei Regulierungen behindern die Entfaltung der Ressourcen. Eine ausgeprägte Sozial- fürsorge verursacht defizitäre Staatshaushalte und hält die öffentlichen Investitionen (zum Beispiel im Bildungswesen) niedrig ­ kurzum: Larmoyanz und Interventionismus einerseits, eine durch die «Reagonomics» reaktivierte Wirtschaft andererseits. An dieser Konstellation dürfte sich in absehbarer Zeit wenig ändern.

Vor diesem Szenario kann es nicht überraschen, dass Privatanleger und Fondmanager Euro-Anlagen nicht besonders attraktiv finden und es vorziehen, ihr Geld in Dollar-Titeln anzulegen. Insbesondere fernöstliche Anleger, die den Euro-Prognosen von Politikern und Banken vertraut hatten, erlitten herbe Verluste und lösten ihre Euro-Engagements auf. Selbst ausländische Notenbanken verzichteten darauf, einen grösseren Teil ihrer Aktiva in Euro zu investieren. Nur rund 12,5 Prozent aller offiziellen Reserven werden in Euro, 66 Prozent in Dollar gehalten. Der Traum vom Euro als zweitwichtigster Reserve- währung hat sich also nicht einmal ansatzweise erfüllt.

Das Zwischenergebnis nach zweieinhalb Jahren Euro ist ernüchternd. Die Verheissungen der Politik blieben weitgehend unerfüllt:

Die Transaktionskosten gingen nur geringfügig zurück, der Reformdruck auf die Wirtschaftspolitik blieb im Hinblick auf rückläufige Zinslasten und vornehmlich konjunkturorientierte Geldpolitik gering, die Konsolidierung der Staatshaushalte und der Altersversorgungssysteme ging nicht weit genug.

Die EZB versäumte es, sich durch eine energische Geldpolitik Respekt und Vertrauen zu verschaffen. Anstatt dem Euro durch konsequenten Einsatz ihrer Instrumente das Profil einer starken Währung zu geben, war sie auf niedrige Zinsen bedacht.

Im Wettbewerb mit dem Dollar brach der Euro so dramatisch ein, dass er heute vielen als «Weich- währung» erscheint und international operierende Anleger fernhält. Selbst die schlechten Konjunktur- nachrichten aus Amerika und die Zinssenkungen der Fed verhalfen dem Euro bislang nur zu einer begrenzten Erholung.

Schwerer wiegt, dass die Binnenkaufkraft des Euro ins Wanken geriet. Nicht nur die Inflationsrate, auch die Preiserwartungen überschreiten die kritische Zwei-Prozent-Marke. Ausserdem haben die Preisdiver- genzen zugenommen; das Spektrum reicht heute von 1,4 Prozent in Frankreich bis 4,9 Prozent in Portugal und den Niederlanden, verglichen mit 0,6 Prozent in Deutschland und 2,1 Prozent in den Nie- derlanden Ende 1998. Allerdings lassen die Zinssätze einen langfristigen Anstieg der Inflation bislang nicht erkennen.

Schliesslich blieb der Euro die ihm zugedachte politische Rolle als Katalysator im europäischen Eini- gungsprozess schuldig. Michael Stürmer sieht in der Hoffnung, der Euro werde wie die Hegelsche List der Vernunft alles richten, «eine gefährliche Selbsttäuschung» und meint, es werde Zeit, politisch unkorrekte Fragen zu stellen. Die Währungsunion habe das Risiko des Misslingens der europäischen Einigung «auf der nach oben offenen politischen Desaster-Skala erhöht».

Wen dieses Zwischenergebnis enttäuscht, sei daran erinnert, dass die Währungsunion ein primär politisches Projekt ist, bei dem es aus französischer Sicht darum geht, die als unbequem empfundene Deutsche Bundesbank ein für allemal auszuschalten. «Frankreich sah in der Vorherrschaft der Mark eine Einschränkung seiner Souveränität» (Paul Fabra). Nun ist Frankreichs Souveränitätsanspruch wiederhergestellt, aber ein gehöriges Stück Währungswettbewerb verlorengegangen. Dieser Verlust kann den Wert des Geldes auf Dauer schwerlich unberührt lassen.

Werner Steuer