Nr. 15, 23 Juni 2000
Im Gedenken an die Genfer Philosophin Jeanne
Hersch (1910-2000)
Flüchtiges und Gültiges
Nach dem kürzlichen Tod von Jeanne Hersch sind Würdigungen in fast allen Medien erschie- nen. Wir sahen uns veranlasst, uns erneut in die vor rund 20 Jahren von Jeanne Hersch herausgegebenen «Antithesen» zu den Jugendunruhen von 1980 zu vertiefen.
Diese Schrift von Jeanne Hersch mit aussagekräftigem Untertitel «Der Feind heisst Nihilismus» erntete Anfang der achtziger Jahre grosses Echo in der Öffentlichkeit. Weil sie zeitlose Antworten vermittelte auf eine Zeit bedingt hochgespielte Sensation, nämlich auf die von «bewegten Jugendlichen» vor allem in Zürich inszenierten gewalttätigen Krawalle, die in den Medien und bei zahlreichen Linksintellektuellen - sichtlich fasziniert von allem Haltlosen - auf offene Bewunderung stiessen. Die Äusserungen der damals vorherrschenden geistlosen Lobhudelei angesichts sinnloser Gewalttätigkeit ist glücklicherweise in der Versenkung verschwunden. Jeanne Herschs Antwort an die Oberflächlichen hat dagegen an Aktualität nichts verloren. Das beweisen Auszüge aus ihren «Antithesen», mit welchen sie der Gewalt- rechtfertigung, wie sie von einer damals ernannten «Expertengruppe» ausging, mit unmissverständlicher Sprache entgegentrat:
«Indirekte Gewalt»
Wie verhält es sich nun mit der «indirekten
Gewalt»? Unter diesem Ausdruck scheint die Kommission sämtliche Widerstände
und Schwierigkeiten zusammenzufassen, auf die der Jugendliche stösst,
wenn er sich seine Wünsche, welcher Art auch immer, erfüllen will. So liegt
etwa «indirekte Gewalt» vor, wenn ein Jugendlicher aus seinem Elternhaus oder
aus seinem Studentenzimmer ausziehen und sich als sein eigener Herr in
seiner eigenen Wohnung einrichten will, die Miete dafür aber nicht bezahlen
kann. «Indirekte Gewalt» ist ferner gegeben, wenn ein Jugendlicher, der
sich für das Segeln begeistert, nicht über sein eigenes Boot verfügen und
darauf seinen Urlaub verbringen kann oder wenn einer ein Land am anderen
Ende der Welt nicht besuchen kann, weil die Reisekosten zu hoch sind.
Das sind ganz einfach wirtschaftliche Einschränkungen. Von «indirekter Gewalt» kann nur im Rahmen einer Gesellschaftsphilosophie die Rede sein, nach der eine Gesellschaft nur dann gewaltfrei ist, wenn sich ein jeder alle Wünsche ohne jegliche Einschränkung erfüllen kann. Ebensogut könnte man sagen: Der Wunsch soll das Recht begründen!
Natürlich hat es eine Gesellschaft ohne «indirekte Gewalt» nie gegeben, und es wird sie auch nie geben. Ist es denn übertrieben reaktionär, wenn man den Kommissionsmitgliedern und auch den Jugendlichen, zu deren Anwalt sie sich machen, in Erinnerung ruft, dass Wohnungen erst einmal gebaut werden müssen, bevor sie den Jungen zur Verfügung gestellt werden können, gebaut von Leuten, die dafür bezahlt werden müssen, damit sie leben können, dass dasselbe für ein Segelboot, für ein Flugzeug oder für einen Ozeandampfer gilt und dass deshalb die jungen Menschen in jeder - aber auch jeder - Gesellschaft auf den Widerstand stossen, für das, was sie haben wollen, einen Preis bezahlen zu müssen? Diesen Preis werden sie bezahlen können oder nicht, je nachdem, ob die Arbeit ihrer Eltern oder ihre eigene Arbeit dazu beigetragen hat, die Güter herzustellen, die die Gesellschaft braucht.
Gewalt oder Gesetz
Es ist mir einigermassen peinlich,
dass ich an solche Selbstverständlichkeiten erinnern muss. Nun gut. Offensichtlich
ist auch, dass es im Verhältnis Preis/Arbeit beträchtliche Ungerechtigkeiten
gibt, und jede demokratische Gesellschaft bemüht sich, sie durch Gesetze zu
beheben oder zu verringern. Hier besteht für die Jungen, die für Ungerechtigkeiten
so feinfühlig sind, ein weites Betätigungsfeld. Ziel der Gesetze kann
es aber nicht sein, das Recht auf den Wunsch zu gründen. Denn weder ein
einzelner noch eine Gruppe kann das Recht beanspruchen zu bestimmen,
wo die «indirekte Gewalt» beginnt, wenn jemandes Wünsche nicht erfüllt
werden können. Die Gesellschaft ist kein Garten Eden, wird und soll es auch
nicht sein. Als demokratische Gesellschaft aber ist sie für Anregungen offen
und kann ihr Funktionieren durch geeignete Gesetze verbessern - gewaltlos.
Der Gewalt ausgeliefert, ist sie bloss mehr Ort eines Kampfes, in dem die
Stärkeren siegen. Indem die Thesen die Gewaltanwendung einiger Jugendlicher
mit einer angeblich «indirekten» oder «legalen Gewalt» rechtfertigen,
führen sie die Jugendlichen bezüglich der Natur der Gesellschaft im allgemeinen
und der Demokratie im besonderen in die Irre; sie verderben sie, indem
sie sie daran hindern, zu reifen und ihr Menschsein verstehen zu lernen. Es
zeigt sich einmal mehr, dass die Jugendunruhen andere Ursachen haben müssen
und dass sich die Kommission mit dem, was «jedermann» sagt, auf dem Holzweg
befindet.
Die echten Bedürfnisse
Es dürfte klar geworden sein, dass
meine Diagnose ganz anders lautet als die der Kommission. Folg- lich wird
es niemanden erstaunen, wenn ich auch die echten Bedürfnisse dieses, in
der Schweiz relativ kleinen Teils der Jugend, um die es hier geht, ganz anders
sehe. Ihr tiefstes und gewiss auch am weitesten verbreitetes Bedürfnis
ist das Bedürfnis nach einem richtigen Vater, nach einer richtigen Mutter.
Keine Kameraden, sondern Eltern. Ein richtiger Vater, eine richtige Mutter,
deren Liebe und Schutz bedingungslos und deren Autorität unerschütterlich
sind.
Sie brauchen Lehrer oder zumindest einen Lehrer, dessen Wort wahr, dessen Fordern freundschaftlich und ohne Zorn, dessen Engagement ihnen gegenüber eindeutig und vorbehaltlos ist. Sie brauchen Erwachsene, Menschen, die allein durch ihre Präsenz zeigen, dass das Leben gelebt werden und einen Sinn haben kann.
Je seltener diese Väter, Mütter und Lehrer werden, desto dringender brauchen sie ein Gerüst konstanter gesellschaftlicher Formen, eindeutiger Regeln, sicherer Institutionen, damit sie sich orientieren können, damit sie einen Bezugsrahmen haben und spüren, dass sie einen Ort für sich haben, dass sie ihren Ort in einer Welt haben, dass sie nicht einfach irgendwohin geworfen sind.
Dies bedingt keinerlei abergläubische Unterwerfung oder Konservatismus. Die erste Sicherheit, die eine gelebte und anerkannte Ordnung verleiht, ist im Gegenteil Voraussetzung für die Entwicklung des kritischen Geistes und für jede Freiheit, die wirklich gelebt wird. Wenn all dies fehlt, dann können die Jugendlichen tatsächlich nicht anders, als ihrer Verzweiflung durch Gewalt, Schmierereien und Lärm Ausdruck geben. Einverstanden bin ich mit der Kommission, wenn sie sagt, dass «ohne Voreinge- nommenheit untersucht werden muss, was an der geltenden Ordnung nicht mehr stimmt». Nicht ein- verstanden bin ich hingegen da, wo die Kommission die geltende Ordnung mit Verknöcherung und Unterdrückun gleichsetzt. Im Gegenteil meine ich, dass es keine Ordnung mehr gibt, niemanden mehr, der sie gewährleistet und verkörpert. Was bleibt, sind Wörter, unzusammenhängende Verhaltenswei- sen, Feigheiten. Wer Angst hat, gibt nach, oder er gibt vor, den «Dialog» aufzunehmen. Es besteht durchaus Grund zur Verzweiflung.
Dialog! Zauberformel. Macht sich immer gut. Dialog ist aber nur nach einer gemeinsamen Regel möglich, in Würde und Achtung, nicht aber aus Angst.
Jeanne Hersch