Nr. 15, 23 Juni 2000
Rot und pauschalfrankiert
Wer kennt sie nicht, die grünen Trams der Stadt Bern? Da sie fast jeder kennt, ist es an der Zeit, diesen Zustand zu ändern, und flugs hat man bei den städtischen Verkehrsbetrieben entschieden - Betriebsdefizite hin oder her - alle Tramwagen rot zu färben. Künftig werden in Bern also alle Trams in knalligem Rot verkehren, mit der Begründung, dies trage mehr zur Verkehrssicherheit bei. Viele Bernerinnen und Berner sind bereits froh, dass die Trams nicht rot-grün gestrichen werden, zumindest politisch wäre dies nämlich korrekter und einleuch- tend.
Die roten Tramwagen haben jedoch immerhin einen Vorteil, sie werden die noch in Bern Steuerzah- lenden täglich an die roten Zahlen der Gemeinderechnung erinnern, und gleichzeitig besteht die Garantie, dass die Trams nie schwarz gestrichen werden, denn ohne Wende bei den nächsten Wahlen wird die Defizitwirtschaft munter weitergehen. Ein Problem wird sich lediglich am Casinoplatz ergeben, denn vor wenigen Tagen wurde beschlossen, diesen Platz rot zu malen. Bern hat also nebst roten Trams bald auch noch einen roten Platz. Mit der roten Grundfarbe auf dem Teer soll klar markiert werden, welches der Fussgängerbereich ist. Ob solchen fragwürdigen Entscheiden kann bloss der Kopf geschüttelt werden, und dass die Denkmalpflege hier nicht eingreift, lässt einen vor Ärger beinahe rot anlaufen. Nur nützen tut es nichts!
Doch zurück zur Defizitwirtschaft: Wenn im Jahre 1999 in der Stadtkasse Berns ein Verlust von über 41 Millionen entstanden ist, dann spielt es offenbar auch keine Rolle mehr, ob man nun im Kleinen spart oder nicht.
Getreu diesem Motto zahlte die Stadtberner Regierung gemäss schriftlich erhältlichem Verwaltungs- bericht im letzten Jahr Spendengelder an Projekte in Ecuador, Nicaragua, Kolumbien, Kamerun, Burkina Faso, Israel/Negevwüste, Indien, Burma und auf den Philippinen. Zudem wurde Soforthilfe an Menschen im Kosovo sowie Erdbebenopfer in der Türkei geleistet. Ach wie edel, fremdes Geld, sprich Steuergelder, überweisen zu können. Leer ausgegangen sind hingegen die Geschädigten des Lothar- Sturmes, welcher auch in den Berner Wäldern verheerend wütete. Mit dem Hinweis auf die maroden Stadtfinanzen wurde der Burgergemeinde Bern auf ein finanzielles Unterstützungsgesuch eine Absage erteilt. Die Berner Wälder liegen halt nicht in der Negevwüste.
Eine andere Art von humanitärer Hilfe hat sich die grüne Finanzdirektorin Therese Frösch aufs Blatt geschrieben. Rund 200 Flüchtlinge aus Eritrea demonstrierten vor dem Bundeshaus «gegen die Invasion Äthiopiens in ihr Heimatland». Auf offiziellem Briefpapier der Finanzdirektion und «im Namen meiner eritreischen Freundinnen und Freunde» bat sie diverse Journalisten um Beachtung dieses nationalen Friedensmarsches sowie um Berichterstattung mit Bild. Das gemeinderätliche Empfehlungsschreiben wurde mittels pauschalfrankierten Couverts der Stadtverwaltung versandt... Ach nebenbei, die Pauschal- frankatur für die Rücksendung von Stimmcouverts bei Wahlen und Abstimmungen wurde bereits vor einiger Zeit aus finanziellen Gründen aufgehoben - auf Empfehlung der Finanzdirektorin? Verwundern würde es nicht!
Thomas Fuchs, Bern